Zuckersüße Träume auf Hawaii

Das Dokument
Ungläubig schaute Evelyn auf das Schenkungsdokument ihres Vaters in ihren Händen. Sie warf einen Blick aus dem Fenster des Taxis, das sie bei Dunkelheit über engen Straßen der hawaiianischen Insel Maui chauffierte.

Jahrelang hatte sie versucht mit diesem Mann, der ihre Mutter bereits während der Schwangerschaft verlassen hatte, Kontakt aufzunehmen. Irgendwann gab sie es auf. Jetzt, nach zwei Jahren Funkstille flatterte ein Dokument ins Haus, welches besagte, dass er ihr sein Anwesen überschrieben hatte. Evelyn fühlte weder Trauer noch Schmerz. Sie hatte mit ihrem Vater weder gesprochen noch hatte sie ihn jemals gesehen. Sie wusste nur, dass er sein Leben lang auf Maui gelebt hatte. Die Mutter schwieg sich immer über ihn aus, was oft zu Streitigkeiten geführt hatte. Steven, ihr Stiefvater kannte ihn anscheinend auch, hatte Evelyn einmal mitbekommen.
Sie fragte sich, warum er ausgerechnet ihr sein Anwesen überlassen hatte, wo er doch jeglichen Kontakt gemieden hatte?!
Die Reise nach Hawaii war für Evelyn die Gelegenheit, dem eisigen Kanada wenige Tage zu entfliehen, auch wenn es nur für kurze Zeit sein sollte. Nämlich solange bis sie einen Immobilienmakler gefunden hat, der dieses Anwesen, was auch immer das sein sollte, verkaufen kann.
Die 29-Jährige fühlte sich unsicher, denn es war das erste Mal in ihrem Leben, wo sie Kanada verlassen hatte. Den Unterschied zu Kanada bemerkte sie schnell, denn als sie am Flughafen aus dem Terminal kam, musste sie feststellen, wie warm dieses Klima hier selbst in der Nacht war.
Nach einer holprigen Fahrt über unbefestigte Straßen blieb das Taxi stehen, was Evelyn aus den Gedanken riss. „Warum halten Sie an?“
„Wir sind am Ziel angekommen“, teilte der Taxifahrer mit.
Misstrauisch versuchte sie, im Dunkeln etwas zu erkennen. „Typisch. Genauso hatte ich meinen Dad eingeschätzt. Ich dachte mir schon, dass er fernab der Stadt inmitten im Nirgendwo lebte“, brummelte sie.
Ihre grünen Augen unter ihrem roten Pony verengten sich, mit dem Ärmel der weißen Bluse fuhr sie sich über die feuchte Stirn. „Ich denke, es wäre besser, wenn Sie mich in ein Hotel fahren könnten. Ich werde morgen früh wenn es hell ist, wiederkommen.“ Ihr Tonfall klang wie ein Befehl.
„Tut mir leid, M’am“, entschuldigte sich der Fahrer. „Um diese Zeit werden Sie auf der ganzen Insel kein Hotel mehr bekommen. Ich helfe Ihnen, Ihr Gepäck auf die Veranda zu bringen und kann die Scheinwerfer auf die Haustür richten, bis sie drinnen sind. Mehr kann ich nicht für Sie tun.“
Evelyn überkam ein ungutes Gefühl. Wenn etwas passieren würde, wäre nicht einmal ihre Mutter oder ihr Stiefvater erreichbar. Denn seit Evelyn zwei Jahre zuvor den Andenkenladen gemietet und in ihre Einzimmerwohnung am Stadtrand von Calgary gezogen war, gingen sie einfach nicht mehr ans Telefon, was dem schlechten Verhältnis wohl die Krone aufgesetzt hatte.
„Also gut“, willigte sie gezwungenermaßen ein und stieg aus dem Wagen.
Der Taxifahrer nahm ihre Reisetasche aus dem Kofferraum und folgte ihr zur Haustür.
„Na, prima. Eine Baracke“, bemerkte sie abwertend, als sie feststellte, dass es sich um ein Holzhaus handelte.
Der Hausschlüssel, der sich in dem Briefumschlag mit dem Dokument befand, passte ins Schloss. Evelyn öffnete die Tür. Suchend wanderte ihre Hand über die Wand nach dem Lichtschalter. Dann knipste sie das Flurlicht an.
Der Taxifahrer stellte die Tasche auf der Veranda ab und kassierte das Geld. „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf Casa del libre“, verabschiedete er sich.
„Casa del libre?“
„Haus der Freiheit“, übersetzte der Fahrer.
„Danke“, erwiderte Evelyn, blieb an der Haustür stehen und beobachtete, wie das Taxi über den schmalen Feldweg in der Dunkelheit verschwand. Sie ging hinein, schloss die Tür und schob den Riegel vor.
Der erste Eindruck überraschte sie positiv. Von innen sah die Holzhütte aus wie ein richtiges Backsteinhaus. Die Decken und Wände waren mit einer hellen Tapete versehen, braune, glänzende Fliesen zierten den Fußboden. Evelyn stand im Eingangsbereich, von dem auf der rechten Seite eine massive Holztreppe zum oberen Stockwerk führte. Auf beiden Seiten sowie gegenüber befanden sich Türen.
Ihre Schuhe klackten über die Fliesen zur linken Tür, wo sie ein Wohnzimmer mit einer modernen, weißen Ledercouchgarnitur, einem hellen Marmortisch und einem Bücherregal voller Romane und Sachbücher vorfand.
Sie ging durch den Eingangsbereich zur rechten Tür, wo sich ein weiß-blau gefliestes Badezimmer mit Dusche, WC und Waschbecken befand. Auf den weiß lackierten Ablageregalen lagen passend dazu weiße und blaue Handtücher. Evelyn bemerkte, dass es geschmackvoll eingerichtet war. Ihrer Meinung nach für einen Männer-Singlehaushalt viel zu hübsch. Wieder schritt sie durch den Eingangsbereich zur gegenüberliegenden Tür neben dem Treppenaufgang. Mit großen Augen starrte sie in die Küche, die mit einer modernen, zitronengelben Einbauküche, einem Tisch und Stühlen ausgestattet war. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, als sie den Wandkalender sah, auf dem das aktuelle Datum eingestellt war. Ihr Vater war doch tot? Wie konnte der Kalender auf dem aktuellen Stand sein?
Sie vermutete, er hätte den Kalender vielleicht vorgestellt, damit er ihn nicht täglich aktualisieren musste. Nachdem sie die Küche durchquert hatte, kam sie in ein Esszimmer. In der Mitte stand ein riesiger von Stühlen umgebener Tisch. Zwei große Ölgemälde, auf denen rote Mohnblumen zu sehen waren, zierten die Wände.
Evelyn ging zurück in den Eingangsbereich, nahm ihre Reisetasche mit hinauf in die obere Etage, die mit einem roten Samtteppichboden ausgelegt war. Hier fand sie vier Schlafzimmer und ein großes Badezimmer vor. Sie fragte sich, wozu ihr Vater ein solch großes Haus brauchte, wo er doch offensichtlich alleine lebte. Hätte er es sonst ihr überschrieben?
 Es war bereits nach Mitternacht und sie war von der weiten Reise und den imposanten Eindrücken sehr müde geworden. Nachdem sie sich kurz im Badezimmer frisch gemacht hatte, ging sie in eines der Schlafzimmer. Sie schaltete den Deckenventilator ein, um der Hitze zu entfliehen. Die vasenähnliche Nachttischlampe auf der Kommode ließ sie leuchten, als sie sich ins Bett legte. Durch den beruhigend monotonen Summton des Ventilators schlief sie trotz der fremden Umgebung schnell ein.


Mister Logan Perez
Vom Zwitschern der Vögel wurde Evelyn morgens geweckt. Sie schaltete den Ventilator ab, blieb noch eine Weile im Bett liegen und plante im Gedanken ihre Vorgehensweise für den Tag.
Zuerst musste sie in die zwei Meilen entfernte Stadt, um dort einen Immobilienmakler aufzusuchen. Sie hoffte, dass dieser kein Geld im Voraus verlangte, denn für das Hin- und Rückflugticket hatte sie ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht und hatte gerade einmal 200 Dollar übrig.