Kreuzfahrt ins Ungewisse

1. Hund Snowflake
Helena schaute ungeduldig aus dem Fenster ihrer Zweizimmerwohnung im zweiten Stock. Der erste Tag ihres dreiwöchigen Urlaubs war ein herrlich sommerlicher Samstagmorgen. Unten auf den Straßen von San Diego Kalifornien herrschte um diese Zeit wenig Verkehr. Die Sonne spiegelte sich in den Fenstern der Häuser, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befanden.

Als endlich eine schwarze Limousine vorfuhr, stockte Helena der Atem. „Das muss sie sein!“ Aufgeregt eilte sie durchs Treppenhaus über die hölzernen Stufen nach unten und ging hinaus auf die Straße.
Ein Chauffeur stieg aus der schwarz glänzenden Limousine, öffnete die Beifahrertür und ließ eine gut gekleidete Dame, Mitte 30, aussteigen. Sie trug ein schwarzes, langes Kleid, darüber einen langen, hellgelben Mantel, der zu ihrem breitkrempigen Sommerhut passte. Auf dem Arm trug sie einen weißen Hund, ein Mops. Dessen kugelrunde Augen erkundeten sofort neugierig die Umgebung, während das glänzende, schwarze Näschen wild umherschnupperte.
Die Dame sah Helena an. „Sind Sie Miss Fairlie?“
„Ja, Misses Clair. Wir hatten telefoniert“, bestätigte Helena heiser, ging auf sie zu und konnte ihr Glück, dass ihr erster Hundesitterauftrag von einer reichen Dame kam, kaum fassen.
„Leider bin ich verhindert, weil ich die nächsten drei Wochen wegen meiner Kunstausstellung in Paris unterwegs bin“, erklärte die Frau. „Ich hoffe, Sie haben ausreichend Zeit, sich um Snowflake zu kümmern, bis mein Bruder ihn in zwei Wochen abholen wird.“
„Sie haben Glück“, bemerkte Helena. „Ich habe gerade meinen dreiwöchigen Jahresurlaub.“
„Ich hätte Snowflake gerne mitgenommen, aber er ist so unruhig und kaum zu bändigen, wenn wir unterwegs sind“, bedauerte Misses Clair.
„Ich bin sicher, er wird sich bei mir wohlfühlen“, versicherte Helena und streichelte dem Hund über den Kopf, worauf der ihr die Hand abschleckte.
„Er mag Sie“, freute sich die Frau und winkte dem Chauffeur zu. „Joseph! Bringen Sie das Futter ins Haus!“
Der Mann öffnete den Kofferraum und nahm einen Korb voller Dosen mit Hundefutter heraus. Helena ging gefolgt von Misses Clair und dem Chauffeur durchs Treppenhaus nach oben zu ihrer Wohnung.
Helena wies zum Wohnzimmertisch. „Danke, Mister. Sie können den Korb hier auf den Tisch stellen.“
Misses Clair schaute sich zufrieden um. „Ich denke, hier wird sich Snowflake die nächsten zwei Wochen wohlfühlen.“
„Das denke ich auch“, stimmte Helena zu.
„Geben Sie ihm nur abgekochtes Wasser“, befahl Misses Clair.
„Das mache ich“, versprach Helena, auch wenn sie sich in diesem Moment wunderte, wie man ein Tier so verwöhnen kann.
„Wir hatten uns auf 28 Dollar geeinigt?“, vergewisserte sich Misses Clair in die Handtasche nach ihrer Geldbörse greifend.
„Ja, es ist nur ein Nebenjob und darum ausreichend“, erklärte Helena bescheiden.
Misses Clair reichte ihr 400 Dollar. „Der Rest ist Trinkgeld“, erklärte sie beiläufig.
„Rest?“, wunderte sich Helena, die sich nicht erinnern konnte, so viel Geld auf einmal in der Hand gehalten zu haben.
„Ja, 14 mal 28 Dollar, das macht 392 Dollar“, rechnete Misses Clair vor.
Helena war angenehm überrascht. Sie dachte eigentlich, sie würde pro Tag 2 Dollar fürs Hundesitting nehmen und insgesamt 28 Dollar bekommen. Aber angesichts der Tatsache, dass sie es hier zweifellos mit einem verwöhnten Hund und einer reichen Frau zu tun hatte, nahm sie das Geld gerne an.
Wer weiß, was mit diesem Job noch auf sie zukommen wird?
Als Misses Clair und ihr Chauffeur sich verabschiedet hatten, schien sich ihre Vermutung rasch zu bestätigen. Denn Snowflake wälzte sich wie ein quengelndes Kind auf dem Boden, rannte durch die Wohnung, winselte und kläffte an einem Stück, dass es in den Ohren schmerzte. Helena öffnete ihm eine Dose Futter. Er schnuffelte daran, wendete sich ab und winselte weiter. Verzweifelt nahm Helena den kleinen Hund auf den Arm, streichelte ihn, unterhielt sich mit ihm, aber alles ohne Erfolg.
„Meine Güte. Wie soll ich dieses Theater, zwei lange Wochen mit dir durchhalten?“
Völlig ratlos entschloss sie sich, mit dem Hund spazieren zu gehen, damit er vielleicht endlich müde wird.
So spazierte sie durch San Diego in Richtung Hafen und Snowflake dribbelte nebenher. Die Sonne stand am strahlend blauen Himmel, es wehte ein angenehm warmer Wind, der die Boote in der Anlegestelle des Hafenbeckens schaukeln ließ. Die Haken an den Fahnenmasten klackten an die silbrig glänzenden Metallstangen, Möwen schrien und flogen umher. Die Wellen schlugen an die felsige Kaimauer und sprühten einen feinen, salzigen Nebel in die Luft.
Für Snowflake war der Spaziergang ein regelrechtes Abenteuer. Neugierig schnüffelte er herum und bellte die Möwen an.
„Snowflake! Sei still jetzt!“, mahnte Helena, hob den Hund auf den Arm und streichelte ihn.
Wie sie es schon oft getan hatte, lehnte sie sich ans Geländer und beobachtete die Passagiere, die über den Holzsteg auf das prachtvolle Kreuzfahrtschiff Santa Monica stolzierten.
„Siehst du das, Snowflake? Die stinken alle vor Geld“, sagte sie herablassend, um sich dabei besser zu fühlen. Sie stellte sich vor, wie schön es wäre, ihren Urlaub auf einem solchen Schiff verbringen zu dürfen. Doch es war nur ein Traum. Sie konnte kaum das Geld für die Miete aufbringen, wie sollte sie sich dann eine Kreuzfahrt leisten können?
Snowflake winselte und blickte sie mit seinen großen, braunen Augen an. „Ja, ich weiß“, reagierte Helena, „ich kann froh sein, den Job in der Wasserfabrik zu haben.“
Helena war ein wenig stolz auf ihre Anstellung in der Fabrik für Quellwasserabfüllung. Ihre Eltern arbeiteten auch dort und hatten ihr den Job besorgt. Mit den Jahren hatte sie sich sogar dort hochgearbeitet, falls man das so nennen konnte. Mehr Geld bekam sie nämlich nicht, aber sie durfte nach Feierabend länger bleiben, um die Produktionsstückzahlen ans Aushängebrett zu schreiben. Das war ein besonderes Privileg, das nicht jeder hatte.
Helena bewunderte diese Menschen, die für sie nicht von dieser Welt zu sein schienen. Diese Leute kannten wahrscheinlich keine Geldsorgen. Die wissen nicht, wie es ist, wenn das Geld leer ist und der Monat noch nicht einmal zur Hälfte vorbei war. Die haben keine Ahnung wie es sich anfühlt, wenn einem die Angst im Nacken sitzt, dass man Strom oder Wasser abgestellt bekommt, weil man die Rechnungen nicht zahlen konnte. Sicher haben die sich auch noch nie ein Essen aus in der Küche befindlichen Lebensmittelresten zusammengestellt, war Helena überzeugt.
Sie trugen teure Markenkleidung, die sie sich wahrscheinlich niemals leisten kann. Da konnte sie mit ihrem silbergrauen Polyester-Jogginganzug nicht mithalten, auch wenn dieser schimmerte wie Seide. Immer wieder wehten ihr die langen, blonden Haare ins Gesicht. Genervt nahm das Haargummi von ihrem Handgelenk und band ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, um die Passagiere ungestört beobachten zu können.
Eine Dame mit hochhackigen Schuhen passierte gerade den Steg. Helena schaute an sich herunter auf ihre Turnschuhe und fragte sich, ob sie in solchen Schuhen überhaupt laufen könnte.
„Solche Leute wären eigentlich meine Kundschaft“, erklärte sie Snowflake, der sie ansah, als würde er jedes Wort verstehen. „Reich, elegant und hübsch“, schwärmte sie und erinnerte sich zwei Jahre zurück. Damals hatte sie einen eintägigen Kurs als Nageldesignerin absolviert, um ihre Einkünfte aufverbessern. Im Nachhinein stellte sich das, wegen der fehlenden Kundschaft, als Fehlinvestition heraus.
Schließlich kam ihr vor kurzem die Idee, sich als Hundesitterin etwas dazuzuverdienen. So könnte sie sich ihre Zweizimmerwohnung leisten und könnte dazu noch Geld sparen. Zum Essen und Wäsche waschen ging sie immer nach Hause zu ihren Eltern. Trotzdem fühlte sie sich selbstständig und war mit ihrer jetzigen Situation zufrieden, wenn es auch nicht immer einfach war.
Ihr damaliger Freund sah das leider anders und hatte sich nach nur 8 Monaten Beziehung von ihr getrennt. Er hatte eine ganz andere Erwartung. Dachte er doch, Helena würde kochen und den Haushalt managen, während er einfach nur der Mann im Haus sei. Falsch gedacht. Helena fühlte sich mit ihren 24 Jahren noch viel zu Jung, um eine eheähnliche Beziehung mit einer solch großen Verantwortung einzugehen. Überhaupt mit einem solchen mutterverwöhnten und unselbstständigen Mann. Danach wäre sie womöglich noch schwanger geworden und hätte eine Familie versorgen müssen?!
Um Mutter und Ehefrau zu sein, fühlte sie sich noch längst nicht bereit, vor allem nicht mit Jeff, der sich nicht einmal eine Scheibe Brot selbst schmieren konnte. Jeff wollte seine Mutter einfach durch Helena ersetzen. Sie sollte alles erledigen, während er wie im Elternhaus die Füße hochlegt und kluge Ratschläge erteilt, wie sie es noch besser machen könnte.
Als Jeff seinerzeit bemerkte, dass Helena ihren Pflichten als Mutterersatz und gute Hausfrau nicht so recht nachkommen wollte, beschwerte er sich bei seiner Mutter.
Das endgültige Aus kam, als Jeffs Mutter Helena konkrete Anweisungen geben wollte, wie ihr Sohn zu versorgen sei. Im Nachhinein fand Helena ihre Entscheidung, sich von ihm zu trennen, richtig, auch wenn sie anfangs unsicher war. Sie wünschte sich einen Lebenspartner und keinen pflegebedürftigen Jüngling und zog deshalb spontan einen Schlussstrich.

Mops Snowflake wuffte, riss sie dabei aus ihren Gedanken und blickte sie mit seinen großen Augen an.
Helena stupste ihm liebevoll mit dem Finger auf das Näschen.. „Ja, wir beide werden den Urlaub gemeinsam verbringen.“
Snowflake wurde ungeduldig. Er winselte und fing an, auf Helenas Armen herumzuzappeln.
 „Ganz ruhig, Snowflake“, redete sie mit ruhiger Stimme auf ihn ein.
Als sie ihn auf die Erde setzen wollte, sprang er ihr mit einem Satz aus den Armen, rannte davon in Richtung Kreuzfahrtschiff und verschwand in der Menschenmenge, die sich träge über den Steg bewegte.
„Bitte nicht!“, rief Helena entsetzt und eilte hinterher.
„Bitte lassen Sie mich durch“, bat sie und schlängelte sich suchend über den Steg an den Passagieren vorbei bis vor auf das Schiff.
Mit ungutem Gefühl sah sie sich schon im Gefängnis, weil Misses Clair sie durch die besten Anwälte der Stadt verklagen würde, wenn der Hund verschwunden wäre. Angespannt lief sie über den von der Sonne gebleichten Holzboden am silbernen Geländer entlang. Durch einen Schacht vom unteren Deck hörte sie auf einmal Snowflake bellen.
„Snowflake! Komm sofort hierher!“, rief sie nach unten und suchte den Treppenabgang zur unteren Etage, den sie auch bald darauf fand.
Sie rannte die eiserne Treppe hinunter, folgte den engen, mit Teppichboden belegten Gängen über das Unterdeck. Bald darauf lief sie an einem Swimmingpool entlang, durchquerte eine Einkaufspassage und kam an einer Wäscherei vorbei in einen Seitenflur, der anscheinend zu den Schlafkabinen führte. Snowflake schien ganz nah zu sein, denn sein winseln war deutlich zu hören.
So war es, denn am Ende des Flurs stand ein Mann vor einer offenen Kabinentür und hielt Snowflake auf dem Arm. Er sah in seinem weißen Hemd und seinem schwarzen Anzug anmutig und mächtig reich aus. Keinesfalls wollte Helena ihm im Jogginganzug gegenübertreten, nicht auf diesem Schiff und nicht in diesem Leben.
Sie ging wieder einen Schritt zurück um die Ecke, blickte prüfend, unzufrieden an sich herunter, atmete tief durch und nahm allen Mut zusammen. Erhobenen Hauptes stolzierte sie in kleinen Schritten auf den Mann zu.
„Guten Tag, Mister. Wie ich sehe, haben Sie meinen Hund gefunden“, sagte sie mit verstellter, vornehm klingender Stimme.
 „Das ist Ihr Hund?“, fragte der Mann, wobei seine hellgrauen Augen Helena interessiert musterten.
Helena erstarrte für einen kurzen Moment, registrierte den groß gewachsenen, dunkelhaarigen Mann und glaubte, seine Blicke auf ihrer Haut spüren zu können.
„Ganz recht, Mister“, erwiderte sie und nahm ihm Snowflake aus den Armen.
Der Mann lächelte sie höflich an. „Mein Name ist Taylor Sudler. Sind Sie auch hier auf dem Schiff?“
Helena schaute ihn über die Schulter hinweg an, versuchte dabei, so vornehm wie möglich zu wirken. „Ja, das sehen Sie doch.“
„Wie heißen Sie denn, wenn ich fragen darf?“
„Helena Fairlie“, stellte sie sich vor, „ich muss dann wieder gehen.“
„Moment bitte“, rief der Mann.
Helena blieb stehen, spürte ihr Herz bis in die Schläfen pochen. „Ja?“
 „Lassen Sie mich raten: Sie sind eine Künstlerin?!“
„Woher wissen Sie das?“, spielte Helena die Ertappte.
„Künstler kleiden sich immer etwas außergewöhnlich“, erklärte Taylor selbstzufrieden grinsend und musterte ihren Jogginganzug.
„Sie sind gut“, lobte Helena heuchlerisch.
„Welche Kunst fertigen Sie denn?“
„Ich ...“, Helena überlegte, dachte an ihren Kurs mit dem Nageldesign. „Ich bin Kosmetikerin“, kam ihr spontan in den Sinn.
Taylors Miene wurde misstrauisch, seine buschigen Augenbrauen senkten sich. „Sie sind Kosmetikkünstlerin?“
„Genau.“
„Das habe ich ja noch nie gehört. Was ist das genau?“, zeigte Taylor Interesse.
„Ich bin eine Kosmetikerin und schminke nach eigenen kreativen Ideen“, fiel Helena nichts Besseres ein.
„Das ist ja hochinteressant.“
„Taylor, wo bist du?“, rief eine weibliche Stimme aus der Kabine.
„Dann will ich Sie nicht länger aufhalten“, ergriff Helena die Chance, um sich zu verabschieden.
„Werden wir uns wiedersehen?“, wollte Taylor wissen.
„Natürlich, wir befinden uns schließlich auf einem Schiff. Hin und wieder werden wir uns bestimmt im Speisesaal begegnen“, versuchte sie ihn loszuwerden.
„Im Speisesaal?“, wunderte sich Taylor. „Hier gibt es fünf Restaurants aber doch keinen Speisesaal?!“
Helena überspielte ihre Unsicherheit mit einem Lächeln. „Ach, wenn ich bei jeder meiner zahlreichen Kreuzfahrten immer die Schiffspläne studieren müsste, hätte ich viel zu tun“, log sie dreist. „Wir werden uns irgendwo wiedersehen.“
Sie klammerte sich an Snowflake und lief eilig davon. „Snowflake, still jetzt“, mahnte sie den Hund, der immer noch winselte.
In der Einkaufspassage angekommen, hatte sie plötzlich die Orientierung verloren. Verzweifelt suchte sie den Treppenaufgang. Unzählige Gänge und Passagen später kam sie endlich wieder aufs Einstiegsdeck und bemerkte die vielen Passagiere, die an der Reling standen.
„Was ist passiert? Wo schauen die alle hin? Ist jemand ins Wasser gefallen“, sorgte sich Helena.
Neugierig drängte sie sich nach vorne und traute ihren Augen nicht. Das Schiff hatte abgelegt und sich inzwischen einige Hundert Meter vom Hafen entfernt.
Vorwurfsvoll schaute sie dem Hund in die riesigen, unschuldigen Augen. „Snowflake! Was hast du angestellt?“ Snowflake wedelte mit dem Schwanz und wuffte.
„Hast du eine Ahnung, was mich das kostet, wenn das Schiff meinetwegen umkehren muss?“ Der kleine Mops leckte Helena das Gesicht ab.
„Pfui, hör auf!“, ekelte sie sich, schlang sich die Leine ums Handgelenk und setzte den Vierbeiner auf den Boden. „Sieh mich an, Snowflake. Gegen diese Menschen hier sehe ich aus wie eine Schiffsbrüchige. Man wird mich sofort entdecken, an Land bringen, dann bin ich den Rest meines Lebens verschuldet.“
Helena beschloss, sich aus dem Sichtbereich der Passagiere zurückzuziehen, bevor diese sich am Hafen sattgesehen hatten und sich womöglich zu ihr umdrehten. Sie nahm Snowflake erneut auf die Arme und lief wieder zum unteren Deck, wo sie sich in einem Toilettenraum in die Kabine einschloss. Hier war sie erst einmal in Sicherheit.