Unverhofftes Liebesglück

PROLOG
Abigail verfolgte den Aufruf in Montanas lokalem Nachrichtensender. Als sie das Bild des vermissten Mädchens Hariet und die weinende Frau schon zum zehnten Mal in dieser Woche in den Nachrichten sah, brach es ihr schon wieder fast das Herz. Die Frau schluchzte, der Vater hätte mit höchster Wahrscheinlichkeit ihr Kind entführt, weil er und die siebenjährige Tochter seit mehreren Wochen spurlos verschwunden waren. Daher bat sie über ...

Daher bat sie über den Fernsehsender um die Mithilfe der Bürger.
Abigail schaltete den Fernseher aus und versuchte sich wieder auf ihre Probleme zu konzentrieren, die sie unweigerlich zu dieser Zeit hatte. Die gelernte Schuhverkäuferin war nämlich arbeitslos und hatte schon unzählige Bewerbungen geschrieben, ohne Erfolg. Langsam wurde das Geld knapp. Ihre ganze Hoffnung legte sie nun in die Berghütte, die sie von ihrem Onkel drei Jahre zuvor geerbt hatte.
Sie war nicht ein Mal dort gewesen, weil sie es nicht notwendig fand, diese Hütte zu besichtigen, denn zu der Zeit hatte sie noch einen Job und konnte sich damit finanziell gut über Wasser halten.
Onkel George kannte sie auch nur, weil er sie damals dreimal im Kinderheim der Kleinstadt Kalispell besucht hatte. George war der Bruder ihrer verstorbenen Mutter. Väterlicherseits kannte Abigail niemanden, weil die Beziehung ihrer Eltern damals schon, während ihre Mutter mit ihr Schwanger war, in die Brüche ging. Vielleicht berührte sie gerade deshalb der Aufruf der weinenden Mutter des vermissten Mädchens so sehr.
Seit Abigail damals aus dem Kinderheim, in den Ort Whitefish zog, meldete sich George gar nicht mehr bei ihr. Erst nach seinem Tode nahm sein Anwalt Kontakt mit ihr auf und übergab ihr die Besitzurkunde der Berghütte. Das war jetzt drei Jahre her.
Nun war es Donnerstagabend und Abigail nahm sich vor, morgen früh knapp dreihundert Meilen in das kanadische Bergdorf Canmore zu fahren, um diese Hütte in Augenschein zu nehmen. Vielleicht würden sich ihre finanziellen Probleme bald in Luft auflösen, falls diese in einem beliebten Urlaubsort liegen würde und dazu noch gut erhalten wäre?! Ihre Hoffnung darauf war sehr gering, aber dennoch wagte sie zu hoffen.
In ihrer derzeitigen Ein-Zimmer-Kellerwohnung war es feucht und kühl. Vom Wohnzimmerfenster blickte sie direkt auf die Straße, wo sie nur die Reifen der vorbeifahrenden Autos sehen konnte. Immer wenn es regnete, musste sie die Rollläden schließen, damit das Spritzwasser nicht die Fensterscheiben verschmutzt. Eine bessere Unterkunft konnte sie sich für momentan 250 Dollar im Monat leider nicht leisten.
„Wie schlimm kann es dann schon in dieser Berghütte sein?“, versuchte sie sich zu ermutigen.
Die Hütte war nun ihre einzige Hoffnung, weil sie zwei Tage zuvor den Brief ihrer privaten Arbeitslosenversicherung erhalten hatte, mit der Mittteilung, sie hätte nur noch Anspruch auf eine einzige Zahlung. Diese letzte Zahlung wäre am Monatsende, dann ist alles vorbei. Abigail würde dann ohne einen Cent auf der Straße sitzen, könnte sich weder Essen noch ein Dach über dem Kopf leisten.
Länger als ein Jahr hoffte sie nun, wieder eine Anstellung als Schuhverkäuferin zu finden, was ihr aber nicht gelang. Die Hütte von Onkel George war nun ihre einzige Möglichkeit, um nicht letzten Endes auf der Straße zu sitzen.
Hätte sie sich doch nur früher darum gekümmert?! Nein! Sie hoffte bis zum Schluss einen Job zu bekommen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Abigail packte ihre wenigen Sachen in Plastiktüten und stellte diese an der Wohnungstür zur Abreise bereit. Anschließend zog sie ihr Nachthemd an, legte sich auf die Klappcouch, die ihr seit mehr als zwei Jahren als Bett diente, und versuchte zu schlafen. Der Autoverkehr schien viel lauter zu sein, als er sonst immer war. Hinzu kamen noch die Bewohner der Etage über ihr, die in dieser Nacht sehr viel Lärm verursachten. Sie trampelten herum, als wenn sie jeden Moment durch die Decke stürzen könnten. Abigail wälzte sich einige Male hin und her, konnte nicht einschlafen.
Ihre Gedanken kreisten und ließen ihr keine Ruhe. Was wäre, wenn sie verschlafen, und den Zug nach Calgary verpassen würde? Oder was wäre, wenn man die Hütte abreißen müsste, sie unbewohnbar wäre?
Je mehr sie darüber nachdachte, desto nervöser wurde sie und desto weniger fand sie den Schlaf.
Schon bald wurde es hell und Abigail hatte das Gefühl, keine Minute geschlafen zu haben. Sie zog sich an, nahm ihr Gepäck und lief zum Zugbahnhof, wo sie eine Stunde zu früh am Gleis acht ankam. Sie beobachtete die wenigen Menschen, die sich noch verschlafen und mürrisch auf den Bahnsteigen tummelten. Abigail spürte, wie die Kälte durch ihre Jacke drang, ihre Füße kälter wurden und ihre Hände vor Kälte schmerzten.
Endlich fuhr der Zug am Bahnsteig vor. Abigail stieg ein, stellte ihre Tüten unter einen der roten Polstersitze und nahm Platz. Sie genoss die aufsteigende Wärme der Zugheizung, lehnte sich in den Sitz zurück, stützte ihren Ellenbogen auf den Fensterrand.
Schon wenig später startete der Zug in Richtung Kanada. Durch das sanfte Rauschen der Räder auf den Schienen und durch die warme Heizungsluft, spürte Abigail die Müdigkeit in sich aufsteigen. Nach wenigen Minuten schlief sie ein.
Stunden später, nach einem erholsamen Schlaf erwachte sie und erschrak, als sie durch das Zugfenster in die Dunkelheit blickte. Sie sah nur im Spiegelbild der Scheibe, ihr braunes, zerzaustes, kurzes Haar und ihre vor Scheck weit aufgerissenen, braunen Augen. Als der Zug aus einem Tunnel herausfuhr, war Abigail erleichtert. Sie atmete tief durch, entspannte sich wieder, lenkte ihre Gedanken zu der Hütte.
„Ich habe keine Schlüssel bekommen“, fiel ihr ein.
 Mit einem unbehaglichen Gefühl stellte sie sich vor, wie sie vor der verschlossenen Tür stehen, und an die verriegelten Klappfensterläden klopfen würde.
Sie wurde aus den Gedanken gerissen, als der Zug endlich in Calgary einfuhr. Hurtig nahm sie ihre Tüten und stieg aus. Verloren stand sie an den Gleisen und versuchte sich zu orientieren.
„Wo muss ich nun hin?“, fragte sie sich laut.
„Wo möchten Sie denn hin?“, reagierte eine ältere Dame, die plötzlich neben ihr stand.
„Nach Canmore, das ist ein kleines Bergdorf irgendwo in Alberta. Haben Sie schon davon gehört?“
Die Frau lachte. „Canmore ist eine sehr bekannte Stadt mit über 12.000 Einwohnern.“
„Ach ja?“, war Abigail angenehm überrascht, „dann können Sie mir sicher sagen, wie ich dort hinkomme?!“
Die Frau nickte, zeigte zu der Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Nehmen Sie einfach den Bus in Richtung Banff, der fährt jede volle Stunde und wird sie nach Canmore bringen.“
„Vielen Dank“, verabschiedete sich Abigail, nahm ihre Tüten und überquerte die Straße.
Schon nach wenigen Minuten kam der Bus. Abigail stieg ein, löste ihr Fahrticket und machte es sich auf einem der Sitze bequem.

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KAPITEL 1
In den nächsten 90 Minuten beobachtete Abigail die Landschaft, sah dann aus der Ferne schon das schneebedeckte Gebirge. Kurz darauf hielt der Bus in Canmore an. Abigail stieg aus. Mit den Plastiktüten in der Hand stand sie auf dem Gehweg und schaute dem Bus nach, wie er davonfuhr.
„Jetzt bin ich in der Fremde, ganz auf mich alleine gestellt“, sagte sie sich und blickte sich um.
Die Straßen waren breit, die Häuser standen großzügig weit auseinander, die Stadt schien von Touristen durchwachsen. Denn mehrere Menschengruppen mit Rucksäcken bepackt, Fotoapparaten in den Händen, liefen durch die Straßen und bewunderten, und fotografierten die Gebäude. Abigail entdeckte einen kleinen Zeitschriftenladen, in den sie spontan hinein.
„Guten Tag“, grüßte die junge Frau hinter der gläsernen, mit Zeitschriften bepackten Verkaufstheke.
„Guten Tag“, erwiderte Abigail, „kennen Sie sich vielleicht hier aus?“
Die Frau schaute Abigail verdutzt an, fing dann an zu lächeln. „Ich denke schon, ich lebe hier schon seit ich denken kann!“
„Natürlich, es tut mir leid. Ich wollte eigentlich fragen, ob sie vielleicht wissen, wo ich die Hütte von meinem Onkel Mister Gable finde?!“
„George Gable nehme ich an.“
„Ja, George Gable.“
Die Verkäuferin warf Abigail einen mitleidigen Blick zu „Naja, Hütte, ist wohl eher übertrieben. Als George damals von uns gegangen ist, konnte man förmlich zusehen, wie sein Holzhaus in seine Bestandteile zerfällt.“
Abigail musste schlucken, spürte wie ihr letzter Funke Hoffnung schwand und ihre Energie mitnahm. Von einer Sekunde auf die nächste fühlte sich plötzlich schwach und verloren.
„Die Hütte liegt am Berghang an der Aspen Glen Road. Das kann ich Ihnen nicht erklären, weil Sie es nie finden würden.“
Abigail blickte die Frau ratlos an.
„Ich könnte Sie schnell hinfahren…“
Abigail fiel ihr vor Freude ins Wort: „Das wäre nett von …“
„Für zwanzig Dollar“, unterbrach die Frau.
„Zwanzig Dollar?“, wiederholte Abigail entsetzt.
Sie hatte nur noch vierzig Dollar, sollte damit noch fast einen Monat über die Runden kommen, bis sie ihr letztes Arbeitslosengeld bekommt. Wie sollte das funktionieren?
„Ich muss schließlich den Laden schließen, bis ich wieder zurück bin“, rechtfertigte sich die Frau.
„Sie sind sicher, dass ich es nie alleine finden würde?“
„Absolut!“
„Okay, zwanzig Dollar“, gab sich Abigail geschlagen.
Die Frau lächelte, ging mit Abigail nach draußen, schloss den Laden ab, setzte sich in den roten Geländewagen, und öffnete die Beifahrertür.
„Steigen Sie ein!“, forderte sie, blickte dabei misstrauisch auf die beiden Tüten, in denen Abigail ihr Gepäck verstaut hatte.
Anschließend fuhren sie durch Canmore, bogen einige Male ab, fuhren in Seitengassen, über Feldwege und Schotterpisten, bis sie endlich in der Aspen Glen Road ankamen.
„Sie hatten Recht, ich hätte es nie alleine gefunden, vielen Dank“, stimmte Abigail zu, gab der Frau die zwanzig Dollar und stieg aus dem Wagen.
„Sie müssen nur noch den Waldweg etwa zweihundert Meter hochlaufen.“
Abigail schaute in Richtung Waldweg. „Dankeschön.“
„Dann wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in Canmore“, verabschiedete sich die Frau, wendete den Wagen und fuhr davon.
Abigail verließ die Siedlung und lief in den Wald.
„Vielleicht hat sie übertrieben und die Hütte sieht gar nicht so schlecht aus?“, versuchte sie sich zu ermutigen, „schließlich bin ich durch mein dunkles, kaltes Zimmer im Keller abgehärtet. Vielleicht gefällt mir die Hütte so, wie sie ist?“
Nach knapp zweihundert Metern bergauf, erblickte sie die Berghütte, die von Tannenwald umgeben war.
Abigail fing an zu lächeln. „Wusste ich es doch, es ist gar nicht so schlimm, wie sie gesagt hatte“, sagte sie sich und eilte auf die Veranda.
Doch schnell erkannte sie, dass die Fenster keine Scheiben mehr hatten und die Haustür aus der Verankerung gerissen war. Als sie diese aufdrücken wollte, blockierte etwas von innen. Mit aller Kraft stemmte sie sich dagegen, bis diese endlich nachgab. Wie angewurzelt blieb sie stehen, als sie das Innere der Hütte erblickte. Auf dem Fußboden lagen überall Bretter, morsche Balken und Dachpappe.
Vor Entsetzen schlug sie die Hände vor dem Gesicht zusammen, blickte auf die komplett eingestürzte Flurdecke, die am Boden lag und ein klaffendes Loch im Dach hinterlassen hatte.
Sie stellte ihre Tüten ab, kletterte über den Schutthaufen im Flur und schlüpfte durch die Tür zum Wohnzimmer. Auch dort war ein riesiges Loch in der Decke, auf den Bretterhaufen darunter lag ein dicker Ast, der wahrscheinlich durch das Dach gestürzt sein musste und diesen Schaden angerichtet hatte.
Nachdem Abigail wieder einigermaßen gefasst war, kämpfte sie sich über den Schuttberg zum Schlafzimmer. Etwas erleichtert blickte sie in den staubigen, aber bis auf die kaputten Fenster, intakten Raum.
„Wenigsten schlafen kann ich hier“, sagte sie sich.
Dann kletterte sie wieder durch den Flur und schlüpfte zur Küchentür hinein. Die Wände und Schränke waren mit Spinnweben überzogen, die Anrichte war staubig. Durch das zerborstene Fenster spürte sie einen kalten Luftzug, der messerscharf über ihre Haut strich.
„Ohne Zweifel, ein schönes Häuschen“, log sich Abigail selbst etwas vor, versuchte sich vorzustellen, wie es aussehen würde, wenn alles intakt wäre.
Um nicht wieder über den Bretterhaufen im Flur klettern zu müssen, schlüpfte sie aus dem Küchenfenster, um sich das Grundstück um die Hütte herum anzuschauen. Sie hoffte, verwertbares Material für die nötige Reparatur finden zu können. Auf einer Wiese hinter dem Haus entdeckte sie zwei Apfelbäume.
„Wenigstens muss ich hier nicht verhungern“, sagte sie, und riss einen der reifen, dunkelroten Äpfel vom Baum.
Sie rieb ihn an ihrer Jacke sauber, ließ sich dann den lecker süßen, saftigen Apfel schmecken, während sie prüfend zum Küchenfenster hineinblickte.
„Ich muss erst aufräumen“, spornte sie sich an.
Sie ging um die Hütte herum nach vorne zur Haustür, zog ihre Jacke aus, hängte sie über das Geländer der Veranda. Sie betrat den Flur, packte einige Bretter und zog sie nach draußen, wo sie diese unter der Veranda ablegte.
Viele Bretter, Balken und vierzig Minuten später war der Flur vom Schutt befreit und wieder frei begehbar. Abigail ging zum Wohnzimmer, zog auch hier den Schutt heraus.