Picknick mit Folgen

1.   Prolog


Natürlich! Wie könnte es
anderes sein? Der Wecker hatte nicht geklingelt und die achtundzwanzig-jährige Angela
Preston hatte fast ihren Massagetermin verschlafen. Ausgerechnet, wo ihre
Eltern wieder einmal auf Reise waren. Seit Angelas Vater damals durch eine
Chemotherapie geheilt wurde, waren ihre Eltern ständig auf Achse. Angela konnte
es ihnen nicht verübeln, denn sie wollten ihr Leben genießen, bevor es zu spät
war. So hatte sie wenigstens das Haus meistens für sich alleine, auch wenn es
oft einsam und unheimlich war.

Angela sprang aus dem Bett, rannte ins Bad und duschte sich kurz ab. Sie bürstete ihr langes schwarzes Haar, eilte durch die Räume und suchte ihre Handtasche, die wie immer hinter dem Garderobenschrank lag, weil sich der Haken wieder einmal gelöst hatte. Sie wuchtete den Schrank zur Seite, nahm ihre Tasche, stürmte zur Haustür raus und rannte durch die Einfahrt. Aus dem Postkasten ragte ein Brief hervor. Sie zog ihn raus und steckte ihn beim Vorbeigehen in ihre Tasche.
Jetzt hatte sie genau noch zehn Minuten Zeit, um zur nächsten Häuserreihe in die Massagepraxis zu gelangen. Mit hochhackigen Schuhen stöckelte sie über den Gehweg. Erst jetzt bemerkte sie, sie war ohne Jacke aus dem Haus gegangen und es war an diesem Herbstmorgen doch recht kühl. Trotz, dass ihre Füße in den Schuhen schmerzten, lief sie im Sauseschritt durch die Hundertzwanzigtausend-Einwohnerstadt Kingston der kanadischen Provinz Ontario.
Kurze Zeit später hastete sie in die Massagepraxis, blieb am Fußabstreifer mit dem Schuhabsatz hängen und fiel genau vor den Anmeldeschreibtisch auf den Teppichboden.
Die Empfangsdame erschrak, stand auf und beugte sich über die Tischplatte. „Meine Güte, Miss Preston? Machen Sie langsam, Sie haben noch zehn Minuten Zeit, denn es befindet sich noch ein Patient im Behandlungszimmer.“
Angela blickte sich um und stellte erleichtert fest, dass sich außer ihr sonst keine Patienten im Wartebereich befanden, die das Unglück hätten sehen können. Bevor die Empfangsdame um den Schreibtisch laufen konnte, stand Angela auf.
„Haben Sie sich verletzt?“, fragte die Frau besorgt.
„Danke, es geht schon. Ich bin weich gelandet“, antwortete Angela verlegen und setzte sich auf den Stuhl gegenüber vom Anmeldetisch.
Sie wartete einige Minuten lang, und als sich nichts tat, zog sie den Brief aus ihrer Handtasche. Er war von ihrer Schwester Sofia. Was wollte sie? Warum schreibt sie und hat nicht angerufen? Angela öffnete den Umschlag, las den Schriftzug Einladung und atmete tief durch.
Seit mehr als einem Jahr hatte sie ihre Schwester nicht mehr gesehen. Damals war Sofia Hals über Kopf zu ihrem Freund Joe nach Chilliwack gezogen, wo sie auch als Sachbearbeiterin in einer Holzfabrik eine fantastische Arbeitsstelle fand. Sollte nun die Hochzeit stattfinden, zu der sie die Einladung in den Händen hielt?
Angela hielt die Luft an und zog den Brief heraus. „Eine Einladung zu einem Picknick?“, wunderte sie sich, war dennoch ein wenig erleichtert.
Sofia durfte nicht heiraten, sie war fünf Jahre jünger als Angela. Bei jeder weiteren Entwicklung ihrer kleinen Schwester fühlte sich Angela, als wenn sie auf der Stelle treten würde. Sie war älter und darum musste sie zuerst heiraten. Sie wollte nicht so enden, wie der Straßensteher. So nannten sie damals den grauhaarigen hageren Mann, der angeblich sein ganzes Leben lang nie eine Freundin gehabt hatte. Der Mann war ungefähr sechzig und stand jeden Tag bei jedem Wetter am Stadtbrunnen von Kingston, um mit Leuten belanglose Gespräche anzufangen, weil er sich einsam fühlte. Eines Tages war er verschwunden, das war nun zehn Jahre her. Die einen sagten, er hätte eine Frau kennengelernt und wäre weggezogen, die anderen sagten, man hätte Monate später seine toten Überreste in der Wohnung gefunden. So wollte Angela nicht enden.
Es war nicht ungewöhnlich und sah Sofia ähnlich, ihre Schwester einfach mal so zum Picknick einzuladen, obwohl sie knapp dreitausend Meilen entfernt war. Schließlich war sie schon immer so spontan und ein bisschen verrückt gewesen. Als Kind hatte sie sich mal in den Kopf gesetzt, im Gartenhaus zu leben. Bis zum Herbst, bis es kühl wurde, hielt sie es durch, danach zog sie wieder ins Haus zurück.
Einst entschied sie sich für eine Kurzhaarfrisur. Drei Wochen lang war sie zufrieden, anschließend bereute sie es und jammerte die ganze Zeit herum, bis die Haare nachgewachsen waren.
Angela war skeptisch, als Sofia vor einem Jahre Joe kennenlernte und mit ihm nach Chilliwack zog. Sie hatte Angst, die Beziehung könnte scheitern und und ihre Schwester würde es bereuen. Die Entscheidung schien richtig gewesen zu sein, denn bisher hatte sich Sofia nie beklagt. Angela kannte ihrer Schwester sehr gut und wusste, wenn es ihr nicht gefiele, hätte sie es längst geändert.
„Versuch es einfach, denn es gibt für nichts eine Garantie“, sagte sie immer, womit sie irgendwie recht zu behalten schien.
Angela war das genaue Gegenteil von Sofia. Alles musste sie durchdenken und gut überlegen, bevor sie sich entschied. Selbst das schützte sie nicht, es hinterher zu bereuen. So war es auch damals mit ihrem Freund Jake. Angela hatte geplant, mit ihm eine Familie zu gründen. Sie wollte eine Farm, auf der sie Kühe, Schweine und ein paar Hühner halten kann. So hätte sie nebenbei etwas verdienen können und genug Zeit gehabt, sich um die Kinder zu kümmern. Das war ihr Kindheitstraum und alles war gut durchdacht und geplant.
Leider hatte Jake eine ganz andere Vorstellung vom Leben und war lange nicht bereit für Kinder. Er hatte reiche Eltern und Geld und wollte sein Leben auskosten. Sein Ding war es, Partys zu feiern, in Urlaub zufliegen und das Leben zu genießen. Nach nur acht Monaten fand die Beziehung ein grausames Ende, weil Angela herausgefunden hatte, dass er auch andere Frauen neben ihr verehrte. Enttäuscht, niedergeschlagen und gebeutelt zog sie damals ins Elternhaus zurück.

Sie strich sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und schaute ungläubig auf den Brief in ihren Händen. „Ich habe eine wunderschöne Stelle in einem Wäldchen entdeckt, die ich dir gerne zeigen möchte. Außerdem bist du die nächsten sieben Tage unser Gast“, lautete Sofias Anliegen.
Sogar ein Flugticket hatte sie beigelegt, weil sie wusste, dass sich Angela nicht leisten konnte. Denn obwohl Angela sieben Tage die Woche arbeitete, kam sie auf keinen grünen Zweig. Die Bezahlung in der Autovermietung war einfach zu schlecht. Angela erschrak, als sie das Abflugsdatum sah. Morgen sollte es losgehen. Das war unmöglich. Sie war wegen ihrer Nacken- und Schulterverspannungen eine Woche krankgeschrieben, was auf die sitzende Tätigkeit im Autoverleih zurückzuführen war. Darum musste sie zu dieser Massage.
Ihr Blick wanderte vor zum Schreibtisch, an dem die Empfangsdame saß, deren Finger über die Computertastatur ratterten.
„Das ist es“, kam ihr die Idee, „ich werde mich gesundschreiben lassen und ein paar Tage Urlaub einreichen. Ich kann mich auch in Chilliwack erholen. Vielleicht wird mir die Bewegung an der frischen Luft sogar guttun?!“
Sofort stand sie auf und ging zum Schreibtisch. „Ich möchte mich gesundschreiben lassen, Misses Fowler“, bat sie die Empfangsdame, die sie daraufhin kritisch ansah
„Sie haben eine schwere Verspannung im Nacken- und Schulterbereich, die die Blutzufuhr in ihr Gehirn vermindert und zu Migräneanfällen führt?!“, erinnerte Misses Fowler.
„Ich weiß, aber ich werde mir ein paar Tage Urlaub nehmen, mich entspannen und ein bisschen wandern“, erklärte Angela.
„Ich weiß nicht, ob das Ihnen hilft, - aber Bewegung ist normal immer gut.“ Misses Fowler kniff nachdenklich die Lippen zusammen. „Okay, wenn Sie das wünschen, gebe ich Ihnen einen Gesundheitsschein.“
„Danke“, sagte Angela und freute sich schon auf ihren bevorstehenden Urlaub in Chilliwack.