Neuanfang wider Willen

Prolog
Elena lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und beobachtete Brian beim Essen. Er stopfte das Brot in sich hinein, als wenn er am verhungern wäre, und sein Schmatzen hallte durch die ganze Wohnung. Sein Blick ruhte auf seinem Teller, als wenn er in seinem Leben nie etwas Interessanteres gesehen hätte. Seine Haare waren fettig, klebten an seinem Kopf, sein Gesicht war unrasiert und er roch nach Schweiß.

Elena war bedrückt, stellte sich die Frage, ob sie ihn wirklich liebte. Brian bemühte sich nie, Elena zu gefallen. Er nahm sie als selbstverständlich wahr, und ihre Meinung interessierte ihn nicht. Brian war am Anfang der Beziehung ehrlich und sagte, dass er keine eigenen Kinder mag, weil der als Kind misshandelt wurde und Angst hatte, dass er seine Kinder genauso behandeln würde.
Trotzdem glaubte Elena ihn zu lieben, und bis an ihr Lebensende mit ihm zusammen sein zu können. Sie fragte sich, was ihre Arbeitskolleginnen von der Nähfabrik sagen würden, wenn sie sich von ihm trennen würde? Würde sie dann wie eine Schlampe dastehen?
Denn immer, wenn die Kolleginnen eingeladen waren, zeigte sich Brian von seiner besten Seite. Es war so eine Seite, die es nicht wirklich an ihm gab. Sie existierte nur, wenn Besuch im Hause war, und er einen guten Eindruck hinterlassen wollte, warum auch immer.
Gerade fünf Minuten zuvor, als Brian von der Arbeit nach Hause kam, wurde Elena von ihm sehr enttäuscht. Seit mehr als sechs Monaten sprach sie von nichts Anderem mehr, als von dem gemeinsamen Urlaub in den Bergen, auf den sie sich so sehr gefreut hatte. Dafür hatten ihre Eltern ihre Berghütte zur Verfügung gestellt. Dies wäre ihr erster gemeinsamer Urlaub mit Brian gewesen. Denn Elena arbeitete als Näherin und Brian als Schlosser, sie kamen mit ihren Gehältern gerade so über die Runden. Nicht zuletzt, weil Brian ein teures Hobby hatte. Denn ständig bastelte er am Auto herum, benötigte kürzere Stoßdämpfer, neue Heck- und Fronspoiler, spezielle Radkappen, und… und… und... Es machte ihm sehr viel Spaß das Auto zu reparieren oder umzubauen, auch wenn es ihr letztes Geld kostete.
Elena spürte die Wut in sich aufsteigen, als ihr seine Worte in den Ohren nachhallten. „Habe vergessen meinen Urlaub zu beantragen und kann so kurzfristig keinen einreichen“, war die Antwort auf ihre Frage, ob er sich auch auf die vierzehn Tage in der Waldhütte freuen würde.
Brians lautes Rülpsen riss sie aus den Gedanken, und damit brachte er auch das Fass zum Überlaufen.
Elena sprang auf, der Stuhl kippte um.
„Du kannst mich mal“, schrie sie ihn an.
Brian traute seinen Ohren nicht, fragte sich, was in sie gefahren war, weil er diese Seite von Elena gar nicht kannte.
„Was fällt dir ein, mich so anzuschreien?“, knurrte er und ballte seine Hand zur Faust.
„Ich habe mich so auf den Urlaub gefreut und lasse ihn mir von dir nicht versauen, du… du Drecksack“, schrie sie mit überschlagender Stimme.
„Ich wollte von Anfang an, nicht meinen Urlaub in dieser blöden Hütte verbringen. Du weißt genau: Die Football Session läuft bald an, und ich will darauf nicht verzichten“, warf er ihr vor.
„Dann hast du gar nicht vergessen, deinen Urlaub zu beantragen? Du hattest von vornherein geplant, nicht in die Berghütte zu fahren?“, fragte sie fassungslos mit tränenerstickter Stimme.
Brian spitzte die Lippen. „Denke doch auch mal an mich. Du weißt, ich möchte lieber meine Ruhe haben. Ein Bier und ein Fernsehgerät reichen mir völlig.“
„Du bist wohl nicht ganz gebacken?“, fuhr sie ihn an, „wir reden seit einem halben Jahr über diesen Urlaub?!“
„Du redest davon, nicht ich“, stellte er klar.
„Du kannst gerne deine Ruhe haben. Ich mache den Urlaub auch ohne dich“, schrie Elena, eilte ins Schlafzimmer.
Sie zog die verstaubte Reisetasche unter dem Bett hervor, warf ein paar Kleidungsstücke hinein, hängte sie sich um die Schulter und ging zur Haustür. Brian saß lächelnd am Küchentisch und warf Elena einen spöttischen Blick zu. Sie hatte es nicht gewollt, aber wenigstens gehofft, dass er sie aufhalten, oder es wenigstens versuchen würde. Nicht einmal das war sie ihm wert.
„Ich fahre jetzt“, rief sie verärgert, wollte den Wagenschlüssel vom Schlüsselbrett nehmen.
Doch der Haken am Brett war leer.
Brian winkte mit dem Schlüssel. „Suchst du meinen Wagenschlüssel?“
„Gib mir meinen Autoschlüssel. Das ist mein Auto“, fauchte Elena, und spürte wie ihre Adern an den Schläfen pochten.
„Es war einmal dein Auto. Überlege mal, was ich alles in den Wagen investieren musste, damit er so dasteht wie er jetzt ist! Neue Stoßdämpfer, Spoi…“
„Gib mir sofort den Schlüssel“, unterbrach sie ihn schrill.
„Du bekommst den Wagen nicht. Komm her und rege dich mal wieder ab! Du benimmst dich echt peinlich“, knurrte Brian.
„Du bist peinlich“, fauchte Elena, verließ die Wohnung und ließ die Tür ins Schloss krachen.

 

Kapitel 1
Es war zehn Uhr am Abend. Mit der Reisetasche um die Schulter hängend, lief Elena durch die dunkle Straße der Stadt Calgary.
Elena war sich sicher: Ihre beste Freundin Ilona war die einzige, die ihr jetzt noch aus der Klemme helfen konnte. Darum machte sie sich auf den Weg zu ihr.
Sie kannte Ilona schon seit ihrer Kindheit aus der Schule. Sie war die einigste, die ihr zur Seite stand, als sie damals die Sache mit dem Vater durchstehen musste. Die Mutter zog sich damals mehr und mehr in ihre Hausarbeit zurück, weil sie selbst nicht mit dem Schicksalsschlag des Vaters umgehen konnte. Ilona arbeitete im Büro der Nähfabrik und hatte Elena damals auch den Job in der Näherei beschafft, trotz dass sie es nicht gutheißen konnte, dass Elena damals ihre Ausbildung abbrach.
Nun war Elena unterwegs zu ihr und wusste noch nicht, wie sie ihr den Streit mit Brian beibringen sollte. Es war wenig Verkehr, aber immer wenn ein Auto vorbeifuhr und die Straße erhellte, drehte sich Elena um, weil sie insgeheim hoffte, es könnte Brian sein, der sich bei ihr entschuldigen möchte. Jedoch ihre Hoffnung war vergebens, denn selbst nach drei Meilen Fußmarsch durch die Stadt, war von Brian weit und breit keine Spur zu sehen.
Die Toleranzgrenze war nun erreicht, war sich Elena sicher: Mehr konnte diese Beziehung nicht mehr ertragen. Sie waren erst seit drei Jahren ein Paar, genauso lange wartete sie schon auf einen Heiratsantrag von ihm, vergebens. Seine guten Manieren schwanden mit der Zeit. Übriggeblieben waren nur seine schlechten Angewohnheiten. Bei einem Streit äußerte Brian damals seinen Wunsch nach einer Frau, die hinter ihm steht, die seine Interessen mit ihm teilt und seine Hobbys mag.
Von alle dem hatte Elena nichts. Liebte sie ihn überhaupt wirklich, oder hatte sie sich selbst belogen, nur um aus dem Elternhaus zu entkommen, um endlich erwachsen, unabhängig von den Eltern zu sein? Obwohl sie dafür in die kleine spärlich ausgestattete Wohnung in der Innenstadt von Calgary einziehen musste?
Elena fühlte sich, als wenn sie drei lange Jahre unter Drogen gestanden, und nun die Wirkung plötzlich nachgelassen hätte. Ihre Liebe zu Brian war erschöpft, plötzlich wie ausgelöscht, genau das machte ihr nun Angst. Hatte sie sich die ganze Zeit nur selbst belogen? Gab es diesen Brian, den sie liebte, gar nicht wirklich? Hatte sie ihn die ganze Zeit durch eine rosarote Brille betrachtet und seine schlechten Eigenschaften verdrängt? Sie musste sich nun selbst zugestehen, dass dieser Mann gar nichts von dem hatte, was für sie ein Mann haben sollte. Redete sie sich die Liebe zu ihm die ganzen Jahre nur ein, weil er der erste Mann in ihrem Leben war? Wie wenn man ihr eine Binde von den Augen entfernt hätte, sah sie ihn nun mit ganz anderen Augen.
„Mein Gott, war ich blind“, sagte sie sich und erinnerte sich an die Situation am Esstisch, als er ihr so respektlos ins Gesicht gerülpst hatte.
„Wäre es keine Absicht gewesen, hätte er sich wenigstens Entschuldigen müssen“, dachte sie und empfand für den Mann nur noch blanken Hass.
Weil Brian ihr erster Mann war, hatte sie keinen Vergleich. Wie sollte sie wissen, was normal ist? Ob sich nicht jeder mit der Zeit so nahe steht, dass keine Tabus mehr gelten? Ob sich nicht jede Beziehung zu einem solchen Punkt entwickelt, dass jeglicher Respekt schwindet? Bei wem sollte sie auch nachfragen und Ratschläge einholen? Schließlich führte sie bis zu dem Zeitpunkt nach außen hin eine Beziehung wie aus dem Bilderbuch?!
Wenig später kam sie an der Haustür von Ilona an. Erleichtert sah sie, dass hinter den Fenstern noch Licht brannte.
Trotzdem zögerte sie zu klingeln. Was ist, wenn Ilona und ihr Mann gerade zu Bett gehen wollen? Was wird Ilona über sie denken, wenn sie ihr von dem Streit mit Brian erzählt? Ilona hatte keinen Urlaub, so wie sie, und musste am nächsten Morgen, früh aufstehen. Wäre es nicht zu egoistisch von ihr, Ilona mit ihren Problemen zu belasten, und dazu auch noch in der Nacht?
Die Zeit, zurück nach Hause zu Brian zu gehen, war noch nicht reif genug. Zu groß war Elenas Hass auf diesen Mann. Sie brauchte diese Auszeit, damit sie wieder ihre Liebe zu ihm finden kann, sonst wäre es aus, für immer.
Plötzlich hörte sie Ilonas Stimme: „Elena? Bist du das da unten?“
Elena schaute überrascht zum Balkon hoch. Ilona lehnte am Balkongeländer mit einer Zigarette in der Hand.
„Hallo Ilona“, begrüßte Elena zögernd.
„Hast du geklingelt?“, fragte Ilona verwundert.
„Nein, ich…“
„Warte, ich komme nach unten“, unterbrach Ilona, drückte ihre Zigarette am Geländer aus und verschwand vom Balkon.
Wenige Sekunden später erschien sie an die Haustür.
„Was ist passiert?“, fragte sie erstaunt und legte sofort den Arm um Elenas Schulter, als sie ihre traurige Miene sah.
„Ich bin abgehauen“, gab Elena zu und bemerkte, wie kindisch sich das für eine vierundzwanzigjährige Frau anhörte.
Ilona hielt sich die Hände vors Gesicht, um ihr Entsetzen zu verbergen. „Du bist was?“
„Du hast richtig gehört. -Ach, ich hätte nicht herkommen sollen“, bedauerte Elena.
 „Nein, ich bin froh, dass du hergekommen bist! Komm rein und erzähl mir, was passiert ist“, forderte Ilona auf.
Elena folgte Ilona ins Haus, Ilona blieb am Treppengeländer stehen und rief nach oben: „Schatz, meine Arbeitskollegin Elena ist hier, sie hat Probleme. Ich komme später rauf.“
„Kann ich helfen?“, klang die Stimme von oben.
„Nein, es sind Frauensachen“, rief Ilona nach oben.
„Okay“, antwortete ihr Mann.
Dann gingen sie ins Wohnzimmer und setzten sich auf das grüne Ledersofa, wo sich Elena die nächsten zwanzig Minuten alles von der Seele redete.
Ilona starrte Elena mit halbgeöffnetem Mund an.
„Soll ich nun nach Hause gehen und mich entschuldigen?“, wollte Elena einen Tipp.
„Ich bin entsetzt“, gab Ilona zu, „ich dachte immer, Brian wäre ein feiner Kerl.“
„Naja, sicher ist es normal, wenn man sich natürlicher verhält, wenn man lange zusammenlebt“, versuchte Elena zu verharmlosen, „aber das mit dem Urlaub …“
„Er hat dir ins Gesicht gerülpst und dich behandelt wie Dreck“, unterbrach Ilona außer sich vor Wut, „du hast diesen Urlaub mehr als verdient.“
„Er hat sich sicher nichts dabei gedacht. Tief in seinem Inneren ist er vielleicht doch ein feiner Kerl. Ich muss es nur in ihm wachrufen“, versuchte Elena sich an ihre letzte Hoffnung zu klammern.
„Du kannst nichts tief in seinem Inneren wachrufen, weil er durch und durch ein Arschloch ist“, entgegnete Ilona, worauf sich Elena erschrocken die Hände vors Gesicht hielt.
„Oh mein Gott, er ist mein Freund?!“, nahm Elena Brian in Schutz.
„Nein! Du bist seine Haushälterin, er liebt und respektiert dich nicht und nutzt dich nur aus“, antwortete Ilona verärgert.
Genau das, war Elena auf ihrem Weg zu Ilona bewusst geworden, nur wollte sie es nicht wahrhaben und eine zweite Meinung dazu einholen. Diese hatte sie nun, auch wenn sie sich etwas Anderes erhofft hatte. Genauso gut hätte Ilona auch sagen können, Elena müsse mehr Verständnis für Brian aufbringen und er bei der Arbeit unter Stress stehen würde und sich darum öfter mal daneben benimmt. Nein! So war es nicht, und das wusste Elena nur zu gut. Nun hatte sie die endgültige Bestätigung dafür, dass Brian nicht zu ihr passen würde, dass es nicht normal war, dass ein Mann seine Freundin nach drei Jahren so behandeln würde. Der Schock saß tief, Elena konnte über diese Erkenntnis ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
Wie dumm war sie damals gewesen, sich einem Mann aufzudrängen, der sie nicht liebte, nur um aus dem Elternhaus zu fliehen und dem Elend den Rücken zu kehren?!
„Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll“, schluchzte sie verzweifelt und hatte furchtbare Angst, weil ihr Leben aus den Fugen geraten war. Nichts würde mehr so sein, wie es einmal war.
Ilona verließ das Wohnzimmer, ging zur Treppe und rief nach oben: „Kai, du kannst uns doch helfen. Kommst du bitte?“
„Ich komme sofort“, kam die Stimme von oben.
Elena schaute Ilona fragend an. „Was hast du vor?“
Dann kam auch schon Ilonas Mann ins Wohnzimmer. „Ja? Guten Abend“
Ilona erklärte: „Du kannst Elena zu ihrer Berghütte bringen, damit sie die nächsten zwei Wochen dort in Ruhe nachdenken kann. Wenn sie sich gegen ihren Freund entscheidet, dann wird sie nach ihrem Urlaub bei uns wohnen, solange bis sie eine eigene Wohnung gefunden hat.“
Ilonas Mann Kai nickte zögernd. „Von mir aus“, antwortete er, auch wenn mit wenig Begeisterung.
„Du meinst, ich soll alleine meinen Urlaub in der Hütte verbringen?“
„Du brauchst die Ruhe zum Nachdenken“, wies Ilona hin.
„Vielleicht ändert sich Brian und kommt mich in der Hütte besuchen?“, äußerte Elena ihre Hoffnung.
„Träum weiter! Aber ich sag ihm wo du bist, vielleicht nutzt er diese letzte Chance, die du ihm geben möchtest“, antwortete Ilona, auch wenn sie diese Entscheidung ihrer Freundin nicht nachvollziehen konnte und für falsch hielt.
Wenig später fuhren sie zweiundfünfzig Meilen durch die Nacht zur Berghütte, die in der Nähe des kleinen Bergdorfs Water Valley lag. Nach etwa einer Stunde kamen sie vor der Hütte an. Das Dorf wirkte von da oben in der Dunkelheit wie eine Lichterkette. Die kupfernen Dachplatten, der am Waldrand stehenden Holzhütte, reflektieren das Licht des Vollmondes.
„Es ist grandios“, geriet Ilona ins Schwärmen, “genau das, was du jetzt brauchst.“
„Ja, es ist wunderschön. Ich habe hier als Kind viel Zeit mit meinen Eltern verbracht“, klärte Elena auf, und fühlte sich sofort in ihre sorglose Kindheit zurückversetzt.
Sie spürte dieses Gefühl der Freiheit, der Geborgenheit, der Problemlosigkeit, das sie als Kind immer an diesem Ort gespürt hatte.