Die Bootstour

Prolog

Die untergehende Sonne tauchte den Hafen von San Diego in Kalifornien in ein warmes goldenes Licht. Ein modernes, kleines Motorboot steuerte übers türkisblaue Meer auf die Hafeneinfahrt zu.

Carols zitternde, feuchte Hände umklammerten die abgenutzten Griffe des hölzernen Steuerrades. Ein warmer Wind strich durch ihr langes, lockiges, hellblondes Haar und wehte ihr eine Strähne ins Gesicht. Nervös wischte sie ihre feuchten Hände an ihrer hautengen Bluejeans ab, zupfte anschließend ihr hellblaues T-Shirt zurecht. Sie bildete sich ein, dass sie den Atem der beiden Männer, die hinter ihr standen, in ihrem Nacken spüren konnte.
Endlich lag das Boot am vorgesehenen Anlegeplatz. Carol drehte den Zündschlüssel, das Motorgeräusch verstummte.
Ihr Herz pochte bis in die Schläfen. Ihre Hände zitterten immer noch und ihre Kehle war so trocken, dass sie kaum noch schlucken konnte.
Sie drehte sich um und schaute die beiden Männer erwartungsvoll an. „Und, Mister Wrong? Wie sieht es aus?“
Mister Wrong verzog keine Miene. Sein Blick senkte sich nach unten zu seiner Aktentasche, aus der er dann ein Dokument herauszog, es unterschrieb und mit einem schiefen Grinsen feierlich Carol überreichte. „Herzlichen Glückwunsch, Miss Spencer. Sie haben den Bootsführerschein bestanden.“
Der andere Mann zwinkerte Carol zu. „Viel Spaß damit. Sie waren eine gute Fahrschülerin, um nicht zu sagen meine Beste.“
Carol fügte hinzu: „Und die einzige.“ Ihr Blick fiel auf die vier Männer, die auf der Mole ungeduldig auf ihre Prüfung warteten.
„Vielen Dank euch zweien“, verabschiedete sie sich erleichtert und verließ das Boot.
„Ich wünsche euch noch alles Gute“, rief sie den wartenden Männern zu.
„Herzlichen Glückwunsch“, riefen diese wie aus einem Mund.
Stolz eilte Carol zum Parkplatz und stieg in ihr Auto ein. Sie betrachtete sich im Rückspiegel und konnte sogar das Funkeln in ihren blauen Augen erkennen. Jetzt war sie nur noch froh, endlich nach Hause zu kommen.
Der dichte Feierabendverkehr verzögerte die Heimfahrt. Nur zäh kam der metallic-blaue Geländewagen voran. Carol kamen die nächsten dreißig Minuten wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich in ein gepflegtes Wohnviertel, bestehend aus Bungalows mit schön angelegten Vorgärten, ankam.
Ein neunjähriges Mädchen mit langen blonden lockigen Haaren tänzelte schon erwartungsvoll in der Garageneinfahrt.
Carol winkte ihr zu, und parkte den Wagen in der Garage.
Sofort riss das Mädchen die Autotür auf und fragte neugierig: „Und, Mom hast du es geschafft?“ Ihre blauen Augen waren groß vor Neugierde.
Carol stieg aus und umarmte ihre Tochter: „Ich hab‘s geschafft, Mona!“
„Hurra, wir werden eine Bootsfahrt machen“, schrie die Kleine aufgeregt.
Carol wurde bei dem Gedanken, dass sie das erste Mal ohne Fahrlehrer aufs Meer hinausfahren würde, ganz mulmig. Aber irgendwann ist immer das erste Mal, so dachte sie und ahnte nicht im geringstem, was dabei auf sie zukommen wird.
Carol war in Arizona mit zwei Brüdern aufgewachsen und war daher etwas burschikos veranlagt. Es schien als könnte sie nichts aus der Ruhe bringen. Sie war nicht die Frau, die ihre Nägel lackierte und sich schminkte. Trotzdem war sie von Natur aus schön. 
Sie machte damals in einer kleinen Werkstatt eine Tischlerausbildung. Als sie sechzehn war, lernte sie den zukünftigen, gleichaltrigen Vater von Mona kennen.
Pünktlich nach der Ausbildung mit neunzehn bekam sie Mona und beendete gleichzeitig das Arbeitsverhältnis.
Sven, der Vater von Mona, verschwand auf nimmer wiedersehen. Er hinterließ ihr einst einen Brief, dass er noch nicht bereit wäre, eine Familie zu gründen. Sie fühlte weder Trauer noch Schmerz, als Sven sie damals verließ. Sie schaute nur nach vorne, und plante ihr Leben neu. Um für ihre Tochter da zu sein und trotzdem ihren Lebensunterhalt zu verdienen, entschied sie sich für mehrere Putzstellen. Von Sven konnte sie finanziell nichts erwarten und das wollte sie auch nicht. Sie wollte unabhängig bleiben. Außerdem hatte sie auch später erfahren, dass er nach Europa ausgewandert sei.
Carol lebte mit ihrer Tochter alleine und schlug sich so durchs Leben. Eine junge Studentin kümmerte sich um Mona, während Carol mit ihren verschiedenen Putzstellen ihr Geld verdiente.
Als Mona sieben Jahre alt war, plante Carol ihr Leben neu. So konnte es einfach nicht weitergehen. Das Geld war sehr knapp und sie konnten sich nichts leisten.
Carol entschied sich, ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen, indem sie sich eine feste Arbeit suchte, bei der sie mehr Geld verdienen konnte. Die Stelle bei der Tischlerwerkstatt, bei der sie damals ihre Ausbildung gemacht hatte, war längst vergeben. Über das Internet wurde sie fündig. Es handelte sich um eine gut bezahlte Stelle als Tischlerin.
Der einzige Haken: Die Firma lag in San Diego in Kalifornien.
Als sie damals in Küstennähe gezogen sind, kam Carol spontan die Idee, dass sie den Bootsführerschein machen könnte. Mona war von dieser Idee sehr begeistert.
Es war jetzt zwei Jahre her, als Carol mit Mona umgezogen war.
Jetzt freute sie sich, dass sie die Sache mit dem Bootsführerschein tatsächlich durchgezogen hatte.
Geplant war, dass sie eine dreitägige Bootstour in Küstennähe machen werden und die Nächte im Boot in den Häfen der meeresnahen Ortschaften verbringen. Dafür hatte Carol ihr letztes Geld investiert, daher sollte es ein unvergessliches Erlebnis werden.
Nur sie und ihre Tochter ganz alleine. Eine richtige Mutter-Tochter-Tour. Übermorgen sollte es losgehen.

 

 

 

 

KAPITEL 1
Die letzten zwei Tage vergingen wie im Flug. Es war Samstagmorgen. Der blaue Geländewagen schlängelte sich durch den dichten Stadtverkehr von San Diego.
„Sind wir bald da, Mom?“, fragte Mona aufgeregt und beugte sich vom Rücksitz nach vorne.
Carol lächelte, strich ihrer Tochter übers Haar. „Bald! Setz dich wieder hin!“
„Bist du auch so aufgeregt, Mom?“
„Ja, ich bin sehr aufgeregt“, gab Carol zu.
Die Angst vor der ersten Alleinfahrt steckte ihr in den Knochen. Diese ließ sie sich aber nicht anmerken. Schließlich sollte sich ihre Tochter bei ihr sicher und gut aufgehoben fühlen. Was, wenn sie doch nicht eine so gute Fahrschülerin war, wie es der Fahrlehrer ihr erzählt hatte? Was, wenn sie wichtige Dinge vergessen hat? Immerhin zog sich der Führerschein über ein Jahr hin?!
Seit zwei Jahren seit sie in San Diego lebten, hatte Carol kaum noch Zeit für ihre Tochter. Das aber, war der Preis für den besseren Lebensstandart.
Mona kam immer mittags von der Schule. Carol kam erst abends um fünf Uhr von der Arbeit nach Hause und musste sich anschließend um den Haushalt kümmern. Ihr blieb mit Mona nur die Zeit zwischen acht und neun Uhr, bis es für Mona Schlafenszeit war.
Nur sonntags hatten sie füreinander Zeit. Dann gingen sie meist spazieren, im Meer baden oder in den Bergen wandern. Sonntagabends saßen sie dann immer zusammen und unterhielten sich, spielten Karten oder Brettspiele.
Die Zeit, in der Mona sich alleine beschäftigen musste, nutzte sie, um zu lernen, zu lesen oder auch nur im Internet zu surfen, was sich auch auf ihre Bildung auswirkte. Sie war ein intelligentes Kind, ging auf die High-School und gehörte zu den Klassenbesten.
Mona freute sich sehr, drei Tage ununterbrochen mit ihrer Mutter verbringen zu dürfen. Mit einer solch starken Mutter, hatte Mona einen Vater nie vermisst. „Aber wenn die Zeit gekommen ist“, so dachte sie, “wird sich ihrer Mutter auch darum kümmern.“
Sie saß auf dem Rücksitz und sah aus dem Wagenfenster. Ihre Augen leuchteten vor Freude, als sie sich dem Hafen näherten.
Schließlich stellten sie das Auto in einer Parklücke ab. Beide waren im Partnerlook angezogen. Sie trugen rote T-Shirts, Bluejeans und rote Sportschuhe. Sie luden ihre Koffer, sowie die Reisetasche aus und marschierten zu dem kleinen Häuschen, in dem der Bootsverleiher saß. Als sie eintraten, kam ihnen eine stickige, rauchige Luft entgegen. Am Schreibtisch saß ein älterer, kleiner grauhaariger Herr. Sein Gesicht war faltig, die Haut braun und wettergegerbt. Die grauen Augenbrauen wirkten wie aufgesetzt.
Carol begrüßte ihn: „Ich hatte angerufen wegen einem Boot.“
„Ja, ich habe schon alles vorbereitet“, antwortete der Mann mit rauer Stimme und kramte unter seinem Tisch einen zerknüllten Zettel hervor. „Hier! Der Vertrag!“, sagte er und legte ihn auf den schmutzigen Schreibtisch neben den Aschenbecher, in dem ein Zigarrenstummel glühte.
Carol blickte auf den Zettel, dann schaute sie den Mann vorwurfsvoll an.
Dieser aber bemerkte das nicht, weil er Mona von Kopf bis Fuß musterte. Das Mädchen bekam Angst und versteckelte sich hinter ihrer Mutter.
„Keine Angst, Kleine. Ich muss nur schauen, welche Schwimmweste dir passen könnte“, lachte er und wühlte in den Regalen herum.
Carol strich den Vertrag glatt, las ihn und unterschrieb. Der Mann klatsche zwei Schwimmwesten auf den Tisch, dass die Asche aus dem Aschenbecher geblasen wurde. „Die müssen Sie mitnehmen. Aus Versicherungsgründen.“
Carol nickte und zog die Augenbrauen hoch.
Der Mann warf einen Blick aus dem schmutzigen Fenster auf das Meer. „Sie sagten, es sei ihre erste Bootsfahrt. Seien Sie vorsichtig mit Monsterwellen! Diese müssen Sie immer im rechten Winkel ansteuern!“
Carol grinste ihn ironisch an. „Monsterwellen?“
Der Bootsverleiher schaute aber ernst: „Monsterwellen. Ja, es gibt sie wirklich!“
„Ich dachte, das sei Seemannsgarn?!“
„Nein! Es gibt sie häufiger als man denkt!“, sagte der Mann geheimnisvoll.
Carols Miene verriet, dass sie dem Mann keinen Glauben schenken konnte.. „Okay, ich werde es mir merken.“
Sie drehte sich um, schaute zu Mona und hoffte, dass sie das nicht gehört hat. So schien es auch, denn Mona betrachtete die kleinen, hölzernen Modelschiffchen, die in den Regalen aufgereiht waren.
Der Mann nahm die Schwimmwesten vom Tisch und klemmt sie sich unter die Arme. „Ich habe alle Instrumente gecheckt, den Motor überprüft, und habe vollgetankt.“
Ohne zu fragen nahm er die beiden Koffer und ging zur Tür. „Kommen Sie!“
Carol nahm die Reisetasche und folgte mit Mona dem Mann durch die Hafenanlage zum Boot.