Das Mädchen aus der Todesschlucht

Prolog
Sandras blaue Augen blitzten gefährlich.
Ihr dunkelroter Overall betonte ihre schlanke Figur sowie ihre langen Beine. Ein sanfter warmer Wind-hauch wehte ihr die blonden Strähnen, ihrer zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haare, ins Gesicht.

„Nein, ich kann nicht“, zitterte ihre Stimme, als sie in den tiefen Abgrund der felsigen Schlucht hinabblickte.
„Spring schon!“, knurrte der blonde junge Mann, der neben ihr stand.
 „Vergiss es, Roger. Ich werde nicht springen!“, antwortete sie bestimmend.
Plötzlich versetzte Roger ihr einen kräftigen Stoß. Schreiend vor Todesangst stürzte sie von der Brücke in die Tiefe, dabei hallte ihr Rogers Lachen in den Ohren. Ihre Todesschreie wandelten sich in Freudenschreie, als sich das Bungee-Seil an ihren Fußgelenken straffte und sie wieder nach oben katapultierte.
Kurz darauf wurde sie von dem Kranwagen hochgezogen, wo die beiden Männer vom Bungee-Team ihr das Seil von den Füßen nahmen, und Roger auf sie wartete.
„Und? Wie war‘s, Schwesterherz?“, fragte Roger, schadenfroh grinsend und erhielt dafür von Sandra einen freundschaftlichen aber festen Hieb auf den Oberarm.
„Es war fantastisch“, erwiderte Sandra mit einer gesunden Röte im Gesicht, „aber ich werde dir nie verzeihen, dass du mich hinuntergestoßen hast“, fügte sie gespielt böse hinzu und presste ihre vollen Lippen aufeinander.
„Du hast es nicht anders verdient“, scherzte Roger überheblich lachend, „und außerdem, muss ich gleich zum Flughafen. Du weißt: Mein Termin“, erinnerte er sie.
Sandra zitterte immer noch vor Aufregung, blickte erneut in die Schlucht. „Selbst das kleine Mädchen, das da unten vor dem Müllberg saß, hatte Angst um mich. Sie hatte sich die Augen zugehalten, als sie mich in die Tiefe stürzen sah.“
„Ja, die Leute werfen immer ihren Unrat von der Brücke, der sich dann da unten stapelt bis die nächsten Regenfälle kommen, die ihn in den Fluss spülen. Es ist furchtbar“, bedauerte Roger, ging zum Kofferraum der schwarzen Limousine.
Er zog seinen blauen Overall aus, schlüpfte in seinen schwarzen Anzug, zog schwarz glänzende Halbschuhe dazu an. Den Overall und die Bergschuhe verstaute er im Kofferraum.
Ein älterer, grauhaariger Mann öffnete die Wagentüren, ließ Sandra und Roger auf den Rücksitz der Limousine einsteigen.
 „Jetzt zum Flughafen, Eddi“, forderte Roger seinen Chauffeur auf.
„Ich finde es schade, dass du weg musst“, bedauerte Sandra, sah aus dem Wagenfenster in den Wald, durch den die Straße hindurchführte..
„Leider ist dieses Treffen zu wichtig, um es ausfallen zu lassen. Ich wollte, ich könnte während deines Besuches zu Hause bleiben. Wir sehen uns ja in zwei Tagen wieder.“
„Ich sagte dir noch extra früh genug Bescheid wann ich komme, damit du dir freinehmen kannst“, antwortete Sandra mit einem vorwurfsvollen Unterton.
„Ja, ich weiß. Bedauerlicherweise hat Mister Silley dieses Treffen kurzfristig geplant. Er befindet sich gerade in Quebec und möchte sich diese Luxusvilla ansehen.“
Sandra hatte für ihren Bruder Verständnis: „Wenn er sich entschließt, diese Villa zu kaufen, dann bekommst du sicher viel Geld?!“
Roger lachte. „Das kann man wohl sagen. Nicht, dass ich es nötig hätte, aber Geld kann man nie genug haben. Wenn ich den Termin platzen lassen würde, dann stünde auch mein guter Ruf als Immobilienmakler auf dem Spiel. Mister Silley ist ein sehr einflussreicher Mann“, gab Roger zu bedenken.
„Ich werde die zwei Tage in deinem Haus, auch ohne dich durchstehen“, sagte Sandra belustigt, „wir haben dann noch eine Woche Zeit, bevor ich wieder nach Hause, nach San Diego, reisen muss.“
„Das glaube ich gerne, dass du die zwei Tage gut ohne mich überstehst. Schließlich steht dir mein Luxushaus, samt Personal zur Verfügung.“
„Es ist trotzdem schön, dich nach zwei Jahren, seit deiner Auswanderung nach Kanada, wiederzusehen, Roger“, bemerkte Sandra und legte den Arm um Rogers Schulter.
„Du kennst mein Angebot. Du kannst jederzeit für mich arbeiten, und du kannst in meinem Haus wohnen.“
„Du weißt: Ich habe einen Job“, antwortete Sandra knapp.
„Als was denn? Als schlecht bezahlte Sekretärin, in einer kleinen Papierfabrik?“, erwiderte Roger ironisch.
„Es macht mir aber Spaß. Trotzdem danke, vielleicht überlege ich mir eines Tages dein Angebot.“
Der Wagen fuhr durch den Wald, dann nach Calgary, wo dichter Stadtverkehr herrschte und das Vorankommen nur schleppend war.
Schließlich parkte die Limousine etwa dreißig Minuten später vor dem Abflugbereich des Flughafens.
„Dann wünsche ich dir zwei schöne Tage. Wir sehen uns dann, lass dich drücken Schwesterlein“, verabschiedete sich Roger liebevoll und nahm Sandra in seine Arme.
Der Chauffeur stieg aus, öffnete Roger die Wagentür.
Bevor Roger ausstieg, drehte er sich mit erstauntem Gesichtsausdruck noch einmal zu Sandra um. „Kleines Mädchen?“
„Bitte? Was meinst du?“
Roger erinnerte sich: „Du sagtest, es wäre ein kleines Mädchen in der Schlucht gewesen?“
„Ja, warum?“
„Das kann nicht sein. Es führen keine Wege in diese Schlucht.“
 „Ich habe es doch aber gesehen?!“, antwortete Sandra und fing an, an sich zu zweifeln.
„Du musst dich geirrt haben. Wie dem auch sei, ich muss los“, verabschiedete sich Roger und eilte, gefolgt von Eddi, der den Koffer trug, ins Flughafengebäude.
Nachdem Eddi Rogers Gepäck am Flughafenschalter abgegeben hatte, kehrte er wieder zurück und stieg in den Wagen.
„Eddi? Was halten Sie von der Sache mit dem Mädchen?“, wollte Sandra die Meinung des Chauffeurs wissen.
„Ihr Bruder hat recht. Es muss eine optische Täuschung gewesen sein. Vielleicht war es ein Cover einer Illustrierte, was sie zwischen dem vielen Müll gesehen hatten.“
„Es hatte sich doch bewegt“, verteidigte sich Sandra.
„Jedenfalls gibt es keine Wege in diese Schlucht, wie Ihr Bruder bereits erwähnt hatte“, betonte Eddi.
„Dann habe ich mich wohl doch getäuscht“, gab Sandra zu, und beendete damit die Unterhaltung.
Erneut schlängelte sich die Limousine durch den dichten Stadtverkehr von Calgary, bis sie endlich durch das hohe hölzerne Eingangstor, dann über die gepflasterte Einfahrt durch den mit Tannenbäumen und Rosenbeeten verzierten Vorgarten, am Haus vorfuhr. 
Eddi stieg aus, öffnete Sandra die Tür. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, M’am.“
„Danke gleichfalls, Eddi, den werde ich haben“, erwiderte Sandra, stieg aus, ging in die Villa zu ihrem Gästezimmer.

 

 

 


Kapitel 1
Sie ging ins Badezimmer, nahm eine Dusche. Danach zog sie ihren rotgrün geblümten Bikini an, band sich das Badetuch um die Hüften und ging nach unten durchs Wohnzimmer über die Terrasse zum Swimmingpool.
Der in der Sonne hellblau leuchtende Pool, war umsäumt von großen terrakottafarbenen Steinfliesen, auf denen hölzerne Liegestühle plaziert waren. Sandra breitete ihr Badetuch auf einem der Liegestühle aus, machte es sich darauf bequem und schloss ihre Augen.
Die Sonne verbreitete eine wohltuende Wärme auf ihrer Haut. Das Gezwitscher der Vögel ließ sie ruhiger werden und entspannen. Plötzlich spürte sie einen Schatten in ihrem Gesicht. Als sie die Augen öffnete, sah sie die Haushälterin Clara.
„Es tut mir leid, M’am. Ich wollte Sie nicht stören. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie etwas zum Trinken möchten“, entschuldigte sich Clara.
„Eine kühle Limonade vielleicht“, antwortete Sandra und leckte sich bei dem Gedanke daran die Lippen.
Sie stand auf, sprang ins kühle Wasser und schwamm einige Male hin und her. Dabei schaute sie über die Rasenfläche, und Rosenbeete zu den hohen Hecken, die das Grundstück umzäunten.
„Ein herrliches Anwesen“, dachte sie, kam wieder aus dem Wasser und legte sich erfrischt auf ihren Liegestuhl.
Clara kam kurz danach wieder nach draußen, stellte die Limonade auf den Beistelltisch von Sandras Liegestuhl.
„Zum Wohl“, sagte sie und machte dabei einen leichten Knicks.
„Danke, Clara“, sagte Sandra und kam sich komisch vor, sich von einer älteren Frau bedienen zu lassen.
Sandra war achtundzwanzig Jahre jung und Clara mit ihrem kurzen, schwarzgrau melierten Haar, musste mindestens fünfzig sein.
Sandra schloss die Augen, hatte sogleich das Bild des kleinen Mädchens aus der Schlucht im Kopf.
„Habe ich mich vielleicht doch geirrt? Immerhin waren es nur Sekundenbruchteile, wo ich glaubte, sie gesehen zu haben“, dachte sie und vermutete, dass der durch den Sprung in die Tiefe verursachte Stress, eine Halluzination ausgelöst haben könnte, oder es vielleicht tatsächlich eine optische Täuschung gewesen sei.
„Clara? Kennen Sie die Todesschlucht?“, erkundigte sich Sandra bei der Haushälterin, die gerade den Tisch auf der Terrasse abwischte.
„Ja M‘am. Ich bin hier aufgewachsen. Jeder hier kennt die Todesschlucht.“
„Halten Sie es für möglich, dass da unten ein Mensch sein könnte?“
Clara überlegte kurz, antwortete dann. „Eigentlich nicht. Es führen keine Wege in die Schlucht, zudem führt sie auch hin und wieder Wasser.“
Diese Worte beschäftigten Sandra sehr. „Was, wenn es doch keine Täuschung gewesen ist? Was wird mit dem Mädchen passieren, wenn die Schlucht Wasser führt?“, dachte sie besorgt.
„Sie führt hin und wieder Wasser?“, hakte sie nach.
„Ja, M’am. Wenn es in den Bergen regnet, bilden sich reißende Sturzbäche, die sich ihren Weg zum Fluss suchen.“
„Wann gab es den letzten Regen in den Bergen?“, interessierte sich Sandra, setzte sich auf und nahm einen Schluck Limonade.
„Das war schon vor einigen Monaten“, erwiderte Clara, „aber es wird bald wieder Regen geben. Es ist ein schöner Anblick, wenn man auf der Hohebrücke steht, während das Wasser kommt. Ich würde Ihnen empfehlen, dass sie sich das einmal ansehen“, schlug sie vor.
Sandra überkam ein ungutes Gefühl. Wie könnte sie es verantworten, wenn da unten ein kleines Mädchen ertrinken würde?
Sie sah sich gezwungen zu handeln: „Clara, ich muss zur Polizei und eine Meldung machen.“
Clara folgerte: „Haben Sie in der Schlucht jemanden gesehen?“
„Nein, es war sicher eine Täuschung. Ich muss aus einem anderen Grund zur Polizei“, redete sich Sandra raus.
„Ich werde Eddi Bescheid sagen, M’am“, antwortete Clara und warf Sandra einen misstrauischen Blick zu.
„Danke, Clara.“
Sandra ging in ihr Zimmer, zog sich um, um wenig später in den Wagen einzusteigen.
„Zur Polizeistation?“, vergewisserte sich Chauffeur Eddi.
„Ja, bitte“, erwiderte Sandra und lehnte sich in den Sitz zurück.
Sie war sich bewusst, dass es sich bei Clara und Eddi, um Personal handelte. Auch wenn sie ihnen gerne den Grund für ihr Anliegen erzählt hätte, wusste sie, dass man Personal nicht mit privaten Problemen belasten durfte.
Gerne hätte Sandra Eddi von dem Mädchen erzählt. Es musste ihn doch interessieren, um was es geht, wenn er sie zur Polizei fahren musste?!
Da Sandra Rogers Bedienstete aber erst seit ihrer Ankunft in Calgary vor vier Tagen kannte, wusste sie nicht, ob sie den Leuten trauen konnte. Viel zu oft hatte sie schon in den Klatschblättern gelesen, dass die Bediensteten Informationen ihrer Arbeitgeber gerne an die Presse verkaufen würden. Würde es sich dann auch noch, um einen Fehlalarm handeln, wäre das ein gefundenes Fressen für die Presse. Besonders, weil Sandras Bruder Roger ein bekannter Makler für Luxusimmobilien war. Sie könnte damit seinem guten Ruf schädigen, was er ihr wahrscheinlich nie verzeihen würde.
Außerdem hatte Sandras Vertrauen an ihre Mitmenschen seit damals einen Knacks erlitten. Denn acht Jahre zuvor, hatte sie zusammen mit ihrem Bruder das Elternhaus in Atlanta verlassen und ist mit ihm nach San Diego gezogen. Nicht zuletzt, weil sie dort ihre Freizeitbeschäftigung besser ausleben konnten. An den Wochenenden gingen sie Jet-Ski fahren, segeln, Wasserski fahren, bergsteigen, machten Bungeejumping, Fallschirmsprünge und ähnliche Sportarten.
Angefangen hatte das Ganze in ihrer Kindheit mit dem Fahrradfahren, dann steigerte es sich zu Rollschuhlaufen, dann zu Skateboardfahren und schließlich suchten sie neue Herausforderungen, die sie später bei ihrem gemeinsamen Urlaub in San Diego fanden. Dann beschlossen sie, nach San Diego zu ziehen, um möglichst viele Extremsportarten zu testen.
Roger bekam damals eine Anstellung als Makler in einem Immobilienbüro, Sandra eine Anstellung im selben Unternehmen, im Büro als Sekretärin.
Die ersten zwei Jahre lief es fantastisch. Nach der Arbeit gingen Roger und Sandra mit ihren Arbeitskollegen und Kolleginnen oft aus. Sie spielten Karten, gingen kegeln, oder auch einfach nur etwas trinken oder essen.
Alles verlief harmonisch, bis Arbeitskollegin Nicole Sandra ihr Herz ausschüttete und sich beklagte, wie schlecht es doch in ihrer Ehe mit ihrem Mann Fred laufen würde, wie unaufmerksam er nach zwei Jahren Ehe geworden wäre, und wie sehr sie daran zerbrechen würde. Natürlich wollte Sandra nur das Beste für ihre Freundin Nicole und empfahl ihr, sich notfalls scheiden zu lassen, bevor sie daran zu Grunde ginge. Um zu zeigen, dass sie auf Nicoles Seite stand, bestätigte sie jede negative Äußerung über Fred. Das war ein Fehler. Es war ein Riesenfehler. Denn nur wenige Monate später, wurde Nicole schwanger und ihr Mann änderte sich schlagartig. Er wurde aufmerksamer, liebevoller, einfach wie ein Ehemann aus dem Bilderbuch. Nicole sowie alle anderen Kollegen wendeten sich von Sandra ab. Den Grund dafür musste sie auf eine sehr üble Weise erfahren.
Einmal, als sie nach der Pause wieder an ihren Arbeitsplatz kam, sah sie, dass jemand den Text „Achtung Pseudoeheberaterin“ in ihren Bildschirmschoner eingegeben hatte. Ein Schild mit dem gleichen Text, fand sie auch wenige Tage danach nach Feierabend an ihrem Auto. Sie wurde nun gemobbt, was sich auch an ihren Tätigkeiten bemerkbar machte. Akten, die keiner bearbeiten wollte, landeten auf ihrem Schreibtisch. Auch Roger bekam die Mobbingattacken der Angestellten zu spüren und musste nun unter Sandras Fehler leiden. Roger beschloss damals in Kanada ein neues Leben anzufangen und all das hinter sich zu lassen. Er ergriff die Flucht, wanderte aus und machte sich in Kanada selbstständig. Sandra blieb zurück, weil sie keine Anstellung in Kanada fand.
„Wenn ich es geschafft habe, arbeitest du für mich“, versprach Roger, als er damals ging.
Bei Sandra gingen das Mobbing weiter und schlug sich auf ihren Launen nieder. Sie reagierte immer gereizter, immer aggressiver. Bis sie eines Tages ins Büro des Chefs gerufen wurde.
„Sie bringen Unruhe in die Firma und Sie sind nicht Teamfähig“, musste sie sich sagen lassen, als man ihr kündigte.
Erstmals in ihrem Leben, litt Sandra an Existenzangst. Sie fand glücklicherweise schon zwei Tage später eine Arbeit als Sekretärin in einer Papierfabrik. Dort arbeitete sie nun seit zwei Jahren. Private Unterhaltungen mit Arbeitskollegen, lehnte sie strikt ab. Wie sollte sie wissen, wem sie vertrauen kann?
Sie hatte damals nicht nur sich selbst, sondern auch Roger das Leben schwer gemacht. Wie könnte sie sich das jemals verzeihen?

Wenig später parkte der Wagen vor dem Polizeirevier. Gerade als Eddi aussteigen wollte, um Sandra die Tür zu öffnen, huschte sie aus dem Wagen.
„Tut mir leid, Eddi, aber ich habe es wirklich eilig“, entschuldigte sie sich, und verschwand im Gebäude.
Eine junge Polizistin saß am Schreibtisch im Vorzimmer und sah die aufgeregte Frau hereinkommen.
„Kann ich Ihnen helfen, M’am?“
„Ich habe ein kleines Mädchen in der Todesschlucht gesehen“, rief Sandra mit überschlagender Stimme.
„Ganz ruhig. Setzen Sie sich erst einmal hin und erklären Sie mir alles in Ruhe“, beruhigte die Polizistin, stützte ihre Ellenbogen auf die Tischkante.
Sandra nahm auf den Stuhl vor dem Schreibtisch Platz. Die Beamtin schob ihr einen kleinen bunten Karton hin. „Donuts?“
„Nein Danke. Sie müssen das Mädchen aus der Schlucht holen, bevor der nächste Regenschauer in den Bergen ausbricht.“
„Sie haben also ein kleines Mädchen in der Todesschlucht gesehen. Sind sie absolut sicher? Sie wissen, dass diese Schlucht unpassierbar ist?“, fragte die Beamtin kritisch.
„Ja, ich weiß, dass kein Weg in die Schlucht führt. Ich muss zugeben, dass ich etwa nur 50 Prozent sicher bin, dass ich ein Mädchen dort unten gesehen habe. Es war während eines Bungee-Sprungs und alles ging rasend schnell.“
„So so, Sie sind also fünfzig Prozent sicher. Kann es auch eine Puppe gewesen sein?“
„Nein, sie hatte sich bewegt.“
Die Polizistin blickte Sandra misstrauisch an. „Nehmen Sie irgendwelche Medikamente oder Drogen zu sich?“
Sandra war über die Frage sowie über die ruhige Art der Beamtin entsetzt. „Nein, ich nehme weder Medikamente, noch Drogen! Jetzt tun Sie doch endlich etwas!“, drängte sie.
„Welche Haar- und Augenfarbe hatte das Kind? Und wie alt war sie ungefähr?“
„Sie hatte langes blondgelocktes Haar, wahrscheinlich hatte sie blaue Augen, ich weiß es nicht, weil sie zu weit weg war und alles so schnell ging. Ich schätze sie ungefähr sieben oder acht Jahre.“
Die Polizistin tippte die Daten in ihren Computer ein, wenig später drückte sie eine Taste, worauf der Drucker startete. Sandra blickte zu dem Gerät, aus dem das Papier herauskam.
Die Polizistin nahm das Blatt und gab es Sandra. „Erkennen Sie das Mädchen wieder? Das sind alle Mädchen in dem Alter, die vermisst werden und auf die ihre Beschreibung zutrifft.“
Sandra betrachtete sich schweren Herzens die etwa zwanzig Bilder. Sie war sehr betroffen über jedes einzelne vermisste Kind.
„Nein, sie ist nicht dabei“, sagte sie tonlos und starrte das Blatt an.
„Dann können wir im Moment auch nichts machen. So lange keine Vermisstenanzeige vorliegt, dürfen wir nicht handeln“, bedauerte die Beamtin, „gehen Sie doch mal zur Bergrettung. Vielleicht können die Ihnen weiterhelfen“, empfahl sie.
„Trotzdem Danke“, verabschiedete sich Sandra und konnte nicht glauben, was sie da hören musste.
Sie eilte zurück zum Wagen, wo ihr Eddi zum Einsteigen die Tür aufhielt.
„Schnell, zur Bergrettung“, befahl sie, warf sich auf den Rücksitz.
„Sehr wohl, M’am“, bestätigte der Chauffeur, stieg unverzüglich ein und setzte das Auto in Bewegung.
 Der dichte Stadtverkehr in Calgary, machte Sandra noch nervöser, als sie ohnehin schon war. Sie hatte das Gefühl, dass jede Sekunde zählt.