Treu bis in alle Ewigkeit

Der Job
Clarissa blickte ihn unschuldig an, während seine Hand durch ihr rotblondes, langes Haar fuhr. Sein Atem beschleunigte sich, seine Lippen näherten sich ihrem Mund.

„Ha! Reingelegt, du Schurke“, triumphierte Clarissa, „deine Frau wird sehr enttäuscht von dir sein, wenn ich es ihr erzähle.“

Sanft legte er seinen Finger auf ihren Mund. „Oh nein! Du bist eine Treuetesterin? Sag meiner Frau bitte nichts davon. Was bekommst du dafür? Von mir bekommst du das Doppelte.“

„Das Doppelte?“

„Ich habe eine noch bessere Idee. Du bekommst das Doppelte, mein Haus, meine Jacht und mein Auto. Dafür will ich aber, dass du bei mir und meiner Frau einziehst, denn ich liebe euch beide sehr.“

Clarissa war entsetzt. „Das kann doch nicht wahr sein?“ Doch plötzlich wurde sie durch ein Klingeln aus dem Schlaf gerissen.

„Drei Uhr am Nachmittag. Wer mag das sein?“, wunderte sie sich und torkelte schlaftrunken zur Haustür.

„Hi, Clarissa“, grüßte eine junge, blonde Frau.

„Sandy? Was machst du schon hier? Müsstest du nicht auf der Arbeit sein?“

„Wir haben aufgrund Arbeitsmangels frühzeitig Feierabend.“

„Ich mache uns einen Kaffee“, bot Clarissa an.

„Gerne.“

Wenig später saßen sie in der Küche zusammen bei einer Tasse Kaffee.

Clarissa schüttelte den Kopf. „Das wird ja immer schlimmer mit der Arbeit!“

„Momentan ist die Auftragslage sehr dürftig. Aber Mister Mabon ist gerade dabei, einen Auftrag reinzuholen. Vielleicht wirst du ja wieder eingestellt?!“

Clarissa winkte ab. „Das hoffe ich bereits seit vier Monaten. Langsam habe ich diese Hoffnung aufgegeben.“

„Bewirb dich doch mal in dieser Fischfabrik, die bald wieder eröffnen soll“, schlug Sandy vor.

„Bis die Renovierungen abgeschlossen sind, ist die Fabrik eine Baustelle, aber ich denke aber darüber nach“, versprach Clarissa.

„Die neuen Besitzer heißen Cuppernell und kommen aus Alberta“, erinnerte sich Sandy.

„Ich weiß, Onkel Dave hat es mir … oh nein, das war ein Wink mit dem Zaunpfahl“, bemerkte Clarissa erst jetzt.

„Das kann man deinem Onkel nicht verübeln. Schließlich entgehen ihm die Mieteinnahmen für die Hütte, solange du keine Miete bezahlen kannst.“

„Vielleicht hätte er sie doch besser an die Saisonarbeiter der Fischerei vermietet, wie er es immer getan hatte“, klagte Clarissa, „und ich hätte mit meinen Eltern nach Prince Georg ziehen sollen, um ebenfalls in dieser Papierfabrik zu arbeiten.“

Damals sah Clarissa den Auszug ihrer Eltern als Chance, ihr eigenes Leben zu leben. Ohne Eltern, die ihr ständig vorschreiben, was sie wie zu tun oder zu lassen hatte. Anfangs lief es bis zu ihrer Arbeitslosigkeit ganz gut. Danach traf sie mit ihrem Onkel eine Vereinbarung. Solange sie ihm keine Miete bezahlen konnte, erledigte sie seine Hausarbeit.

Sandy schaute ihre ehemalige Kollegin entsetzt an. „Du bereust, dass du nicht weggezogen bist? Spinnst du? Du bist in Prince Rupert aufgewachsen. Außerdem kannst du mich nicht hier in Stich lassen.“

„Du hast recht“, stimmte Clarissa zu, „mir gefällt Westkanada und ich werde wohl bis an mein Lebensende in British Columbia bleiben.“

„Ich auch“, war Sandy mit Clarissa einer Meinung, „als ich vor drei Jahren mit meinen Eltern von Alaska hierhergezogen bin, war das für mich wie ein Traum, obwohl die Temperaturen 18 Grad nicht überschreiten.“

Clarissa trank einen kräftigen Schluck Kaffee. „Damals habe ich noch anders gedacht, als Samuel mich verlassen hatte, weil er unbedingt hier weg wollte und übers Internet eine andere kennengelernt hatte.“

„So wie alle jungen Leute gegangen sind. Das glaube ich dir“, zeigte sich Sandy mitfühlend.

„Ja, alle von meiner Schule sind weggegangen. Alle wollen sie in die Großstädte und keiner will mehr in die Fußstapfen der alten Fischer treten“, bedauerte Clarissa, und während ihre Erinnerungen kurz abschweiften, kam ihr der seltsame Traum in den Sinn. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. „Ich werde Treuetesterin“, rief sie motiviert.

Sandy lachte. „Ich habe eben verstanden, du wolltest Treuetesterin werden.“

„Das will ich auch.“

Sandy blickte ihre Freundin kritisch an. „Wie kommst du auf eine solch absurde Idee?“

„Ich habe davon geträumt und sehe das als ein Zeichen. Ich kann ich damit endlich Geld verdienen und bin unabhängig“, erklärte Clarissa.

„Ich könnte das nicht. Was qualifiziert dich zur Treuetesterin?“

Clarissa strich sich auffällig durchs rote, lange Haar. „Mein Aussehen?“

„Ich bin sicher, es gehört aber mehr dazu. Mut zum Beispiel. Eine Treuetesterin muss fremde Männer ansprechen und mit ihnen flirten“, erklärte Sandy schroff und versuchte nicht zu verbergen, wie dumm sie Clarissas Idee fand.

Clarissa aber begegnete ihren Worten mit einem Lächeln. „Das dürfte kein Problem sein, weil ich immer weiß, es ist nur ein Job. Damit fällt es mir leichter, als wenn es ernsthaft wäre. Außerdem weißt du, ich kann sehr schlagfertig sein.“

Endlich hatte Clarissa das Gefühl, einmal im Leben eine gute Entscheidung getroffen zu haben. Hätte sie damals gewusst, wie treu ihr Freund Samuel gewesen wäre, hätte sie sicher nicht eine solche große Enttäuschung erlitten, als er sie verlassen hat. Wenn sie Treuetesterin wäre, könnte sie andere Frauen vor diesem Schmerz bewahren. Zugleich schien es aufregend und würde ihr Selbstwertgefühl aufpolieren, das von dem Gefühl der Erfolgslosigkeit und Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag immer schwächer wurde. Sie ahnte ja nicht im Geringsten, was sie sich damit einbrockte.

Sandy schüttelte fassungslos den Kopf. „Du bist wahnsinnig.“

Clarissa lächelte selbstzufrieden. „Ich weiß.“

Mit beiden Händen umklammerte Sandy ihre Kaffeetasse. „Es wäre ein interessanter Nebenjob, wenn du das kannst. Trotzdem würde ich mich an deiner Stelle in der Fischfabrik bewerben.“

Clarissa überlegte kurz. „Stimmt, ich biete das als Nebenjob an und werde demnächst mal zur Fischfabrik gehen, um bei den Cuppernells wegen eines Jobs anzufragen.“

„Ich habe mich übers Internet bereits über die neuen Besitzer informiert und kann dir die Webadresse mal schicken“, bot Sandy an.

„Das wäre toll. Danke, Sandy.“

„Wenn es in der Segeltuchnäherei eines Tages wieder mehr Arbeit gibt, kannst du ja wieder zurückkommen.“

„Oder du kommst in die Fischfabrik, wenn mir die Arbeit dort besser gefällt“, machte Clarissa den Gegenvorschlag.

Sandy rümpfte die Nase. „Da werden meine Eltern bestimmt nicht einverstanden sein. Die sind so froh, mit mir in der gleichen Halle zu arbeiten.“

Clarissa nippte an ihrem Kaffee. „Wir werden sehen. Erst einmal muss ich den Job bekommen.“

„Ich drücke dir alle Daumen. Sag mir Bescheid, wenn du eine Zusage bekommen hast.“

„Danke. Darauf kannst du dich verlassen“, versicherte Clarissa.

Sandy trank ihren Kaffee aus. „Ich gehe mal nach Hause, schicke dir die Webadresse und bereite das Essen vor, bevor meine Eltern heimkommen.“

Nachdem Sandy gegangen war, setzte sich Clarissa noch mal in die Küche und dachte intensiv nach. Sie stellte sich vor, wie schön es wäre, als Geschäftsinhaberin einer Treueagentur zu arbeiten. Sie könnte sich ein paar Schuhe oder neue Sachen kaufen, ohne dafür Schulden machen zu müssen. Der Gedanke war verlockend. Gerade wo sie vor einigen Monaten den Bootsführerschein abbrechen musste, weil ihr das Geld ausgegangen war. Sie könnte ihr Boot verkaufen, das ihr die Eltern gelassen hatten.

„Nein! Niemals. Eines Tages werde ich den Führerschein machen und mit diesem Boot über den Fluss fahren“, war sich Clarissa sicher.

Sie träumte sogar davon, Onkel Dave das Holzhaus abzukaufen und es anschließend zu renovieren. Auch könnte sie Bootsfahrten anbieten, so Menschen kennenlernen und noch etwas dazu verdienen.

Solange sie nichts riskiert, wird sie nicht aus dem Haus kommen, niemanden kennenlernen, einsam und alleine sterben, kamen ihr trübe Gedanken.

 

Clarissa setzte sich an ihren Computer.

„Meine Tierspendenwebseite“, fiel ihr ein.

Wenn sie auch wenig konnte, am Computer machte ihr keiner etwas vor. Viele Stunden hatte sie schon alleine vor dem Apparat zugebracht und alles ausprobiert, was man sich nur vorstellen konnte.

Gerade 8 Monate zuvor hatte sie eine kostenlose Webseite mit einem Paypal-Button eingerichtet, wo die Besucher Geld für Tierhilfe spenden konnten. Am Jahresende wollte sie den gesammelten Betrag an eine Tierorganisation ihrer Wahl überweisen oder auch unter verschiedenen Organisationen verteilen. Leider bekam die Seite keine Besucher und somit auch keinen einzigen Cent Spendengeld. Diese Internetseite wollte Clarissa nun entsprechend ihrem Angebot als Treuetesterin umfunktionieren.

Nach langem Überlegen schrieb sie: „Zuverlässige Treuetesterin testet Ihren Freund oder Ihren Ehemann für nur 300 Dollar.“

Den Webhintergrund machte sie weiß, darauf kopierte sie eine rote Rose. Zufrieden schaute sie sich ihr Werk an. „Das ist gelungen und sieht sehr professionell aus.“

Anschließend druckte sie sich noch sechs Visitenkarten auf ein Blatt Papier aus, schnitt diese aus und steckte sie in ihren Geldbeutel. Den Link der Webseite sendete sie an Sandys E-Mail-Adresse. Dann ging sie in die Küche und aß einen Teller Nudelsalat, den sie sich am Abend zuvor zubereitet hatte. Nachdem sie aufgegessen hatte, setzte sie sich wieder an den Computer.

Sandy hatte bereits geantwortet: „Schöne Webseite, ich würde dich sofort engagieren, wenn ich einen Freund oder Mann hätte. Im Anhang habe ich dir E-Mail-Adresse und Webadresse der Fischfabrik mitgesendet.“

Clarissa klickte den Anhang unverzüglich an und kam auf die Webadresse der Fabrik. Dort war nur zu lesen, dass die Fabrik bald wieder geöffnet wird, und das genaue Datum, sowie Bilder bald folgen werden.

Erneut kam ein E-Mail von Sandy: „Schreck las nach. Ich habe deine Adresse der Treuetesterseite an all meine Mailadressen gesendet, um ein bisschen Werbung für dich zu machen. Leider war auch die von der Fischfabrik dabei. Du hast ja aber keinen Namen angegeben, darum wird es wohl halb so schlimm sein.“

Clarissa antwortete: „Danke für die Werbung. Es macht nichts, ich bin ja als Treuetesterin anonym.“

Kurz darauf kam wieder ein Mail, Clarissa klickte es sofort an. „Hallo, ich würde Ihren Treuedienst gerne in Anspruch nehmen. Können wir uns in einer Stunde im Café Ludburg treffen? Mein Name ist Gabriela Ockford, ich habe langes, braunes Haar und trage ein gelbes T-Shirt mit einem roten Logo der Fischfabrik.“

Clarissa schaute ungläubig auf die E-Mail-Adresse und bemerkte, dass sie von der Fischfabrik war. Dabei war ihr etwas mulmig. „Mein erster Fall kommt von der Fischfabrik, bei der ich vielleicht bald arbeiten werde?“

Dennoch freute sie sich über ihren ersten Auftrag und stimmte dem Treffen zu.

 

 

Gabrielas Zweifel
Clarissa machte sich auf den Weg durch Prince Rupert zum Café. Dunkle Wolken hingen tief über der Stadt, was für Oktober in der Provinz British Columbia nicht ungewöhnlich war. Der zehn Grad kalte Wind peitschte Clarissa ins Gesicht und fühlte sich an, als wenn sich winzig kleine Eissplitter tief in die Haut bohren würden. Fröstelnd lief sie durch die von Bäumen und Grünanlagen durchwachsene Stadt Prince Rupert, die sich an der 50 Kilometer breiten Wasserstraße Hecate Strait entlangzog. Nach kurzer Zeit verließ Clarissa die Siedlung, die fast nur aus verschiedenfarbenen Holzhäusern mit gepflegten Vorgärten bestand, und bewegte sich in Richtung Stadtmitte, wo robuste Steinhäuser die breiter werdende Straße säumten.
Bald darauf kam sie am vereinbarten Treffpunkt an. Durch das Fenster des Cafés entdeckte sie Gabriela, die an einem Tisch auf sie wartete. Selbstsicher ging Clarissa hinein, stellte sich vor, setzte sich zu der Frau an den Tisch und bestellte eine heiße Schokolade.
 „Wie lange machst du das schon?“, interessierte sich Gabriela.
„Das wäre mein erster Auftrag“, gab Clarissa zu.
Gabriela schaute die rothaarige, schlanke Frau fasziniert an. „Ich habe keinen Zweifel. Du wirst ihn auf jeden Fall verführen, falls er zur Untreue tendiert.“
Clarissa fühlte sich geschmeichelt. „Geht es um deinen Freund?“
„Nein, es geht um den Freund meiner Schwester. Ich traue ihm zwar, aber meine Hand würde ich für ihn nicht ins Feuer legen.“
 „Weiß deine Schwester, dass du eine Treuetesterin auf ihn ansetzen willst?“
„Um Himmels willen, nein. Sie würde mich töten.“
Clarissa runzelte die Stirn. „Wenn deine Schwester ihrem Freund vertraut, warum bist du so misstrauisch?“
 „Es geht um viel Geld“, erklärte Gabriela, „wir haben vor, die Fischfabrik wieder in Betrieb zu nehmen, dafür müssen wir viel investieren. Bevor ich mit in dieses Geschäft einsteige, will ich wissen, ob diese Beziehung hält. Schließlich müssen wir mit den Cuppernells ein Leben lang zusammenarbeiten.“
 „Ich verstehe“, gab sich Clarissa verständnisvoll, „du meinst, wenn er deine Schwester betrügt, könnte die Firma darunter leiden.“
„Vielleicht nicht die Firma, aber es würde ungemein unsere Zusammenarbeit erschweren“, stellte Gabriela klar, „deshalb schlage ich vor, du versuchst, ihn zu verführen. Ich hoffe so sehr, dass du damit keinen Erfolg hast.“
„Ich hoffe es auch für euch und eure Pläne“, antwortete Clarissa und trank einen Schluck Kakao.
„Er befindet sich tagsüber die nächste Zeit in der Fabrik und hilft bei der Renovierung. Du wirst ihn an seiner roten Kappe erkennen“, erklärte Gabriela.
„Gut! Reden wir jetzt über die Bezahlung“, kam Clarissa gleich zur Sache.
„Schon geschehen. Ich habe über den Button deiner Webseite bereits bezahlt.“
Clarissas Miene verfinsterte sich. „Eigentlich wollte ich eine Zusage zur Probearbeit in eurer Fabrik von dir.“
„Kein Problem, du hast meine Zusage trotzdem. Aber nur, wenn du bei ihm keinen Erfolg hast. Andernfalls werde ich mit meiner Schwester vielleicht aus dem Geschäft aussteigen und wieder zurück nach Calgary ziehen. Das steht aber noch in den Sternen.“
„Abgemacht“, freute sich Clarissa und reichte Gabriela die Hand, „morgen früh werde ich versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Danke für dein Vertrauen.“
„Ich danke dir und bewundere dich für dein Selbstvertrauen.“
„Ich sehe darin keine Probleme. Wir mailen uns. Und danke für die 300 Dollar, die du mir überwiesen hast“, verabschiedete sich Clarissa.
„Ich danke dir“, verabschiedete sich auch Gabriela.
Wenig später kam Clarissa wieder nach Hause. Zum Abendessen aß sie den Rest Nudelsalat. Sie ging ins Schlafzimmer, trat vor den Spiegel und übte ein paar verführerische Gesichtsausdrücke und Posen.
„Na, Süßer? Wie wär‘s mit uns?“, spielte sie spaßig ihren Auftritt.
„Du bist fällig, Cuppernell?“, raunte sie selbstbewusst und nahm sich vor, sobald er zu einem Kuss ansetzt, die Situation aufzuklären.
„Wenn er anbeißt, bekomme ich keinen Job, weil die Fabrik vielleicht nicht eröffnet wird“, dachte sie nach, „soll ich es in diesem Fall doch besser verschweigen?“ Nein, das durfte sie nicht tun, auch wenn von seiner Treue ihr zukünftiges Leben abhing, wurde ihr bewusst.
Sie legte sich an diesem Abend um neun ins Bett, um für den bevorstehenden Auftrag körperlich und geistig fit zu sein.