Verliebt in eine Geisel

Prolog

Rose wälzte sich im Bett hin und her, konnte nicht mehr einschlafen. Der Lärm der vorbeifahrenden Autos hatte ihr bereits vor einer Stunde den Schlaf geraubt. Wie jeden Morgen blieb sie liegen und lauerte auf das Geräusch des Briefkastens.

Endlich! Da war es. Der Postbote hat etwas eingeworfen. Rose zog sich den Morgenmantel über und eilte nach draußen in den Hausflur, wo sie freudig die Post aus dem Briefkasten nahm.

Es war tatsächlich der Brief, den sie erwartet hatte. Ein Scheck von zwanzig Dollar, beiliegend das Telegramm, das sie singend überbringen musste. Seit mehr als zehn Tagen war es wieder der erste Auftrag als Telegrammsängerin. Denn die Wirtschaftskrise hatte auch diese Branche nicht verschont.

Rose ging zur Küche, legte den Brief auf den Tisch und setzte sich einen Kaffee an. Während dieser durch die Maschine lief, nahm sie eine Dusche, um kurze Zeit später frisch am Frühstückstisch Platz zu nehmen.

Sie schmierte sich ihren Toast mit Honig, nahm einen Bissen, dann las sie sich das Telegramm laut vor: „Lieber John,

wir sehen uns bald auf deinem großen Feste,

du bist für uns der Beste.

Deine ganze Familie wird kommen mit Freuden,

wir hoffen, es wird dir viel bedeuten.

Deine Schwester Carol.“

Es war nicht dieses Telegramm, was Rose so erfreute, sondern die Telegramme, die hoffentlich noch nachfolgen werden. Endlich, so dachte sie, geht es wieder los und die finanzielle Durststrecke ist überwunden.

Rose vernahm aus dem beiliegenden Dokument, dass das Telegramm um elf Uhr am Vormittag vorgesungen werden sollte.

Nach dem Frühstück ging sie zum Schlafzimmer, zog ihr langes rotes Kleid an, bürstete ihr kurzes dunkelblondes Haar. Anschließend setzte sie einen Kajalstrich unter ihre schmalen braunen Augen und zog die Konturen ihrer schmalen Lippen nach, um sie voller wirken zu lassen.

Heute war sie gar nicht so zufrieden mit ihrem Aussehen. Ihre Augen könnten größer sein, der Bauch flacher und die Lippen voller. Aber für ein gesungenes Telegramm wird es gut sein, so dachte sie. Sie hängte sich ihre braune Lederhandtasche um, schob das Telegramm hinein und verließ ihre Erdgeschosswohnung des Wohnblocks.

Nachdem sie ihr Fahrrad aus dem Hausflur zur Straße geschoben hatte, begab sie sich auf den Weg durch Edmonton, um die Adresse des Telegrammempfängers aufzusuchen.

Dabei musste sie sich immer wieder zügeln, nicht zu fest in die Pedalen zu treten. Schließlich wollte sie bei ihrem Auftritt eine gute Figur machen und das Telegramm nicht verschwitzt und mit verlaufenem Make-up vorsingen. Ausgerechnet war es heute ein heißer und sonniger Tag, der die Luft über dem Asphalt zum Flimmern brachte.

***

„Bitte nicht, Julia“, bat John, „Mister Flint arbeitet für mich schon seit mehr als vier Jahren, ich mag ihn und bin mit seiner Arbeit sehr zufrieden.“

Julia strich ihr langes blondes Haar zurück, zog die Oberlippe hoch und rief: „Mister Flint!“

Ein älterer Herr mit grau meliertem Haar, gekleidet mit einem schwarzen Anzug, betrat das Esszimmer. „Ja bitte, M’am?“

„Finden Sie die versalzenen Rühreier witzig?“, fauchte Julia kaltschnäuzig.

„Nein, M’am. Ich wusste nicht, dass die Rühreier …“

„Woher auch? Sie sind nur ein Butler“, unterbrach sie ihn und schob den Teller angewidert von sich weg.

„Tut mir leid, M’am, ich werde Ihnen sofort ein neues Rührei machen.“

„Stehen Sie nicht rum und machen Sie schon!“, fauchte Julia.

John warf seinem Butler einen mitleidigen Blick zu, zuckte hilflos mit den Schultern und schüttelte dann fassungslos den Kopf.

„Was?“, fragte Julia, als sie seine Reaktion bemerkte, „man muss hin und wieder seinem Personal zeigen, wer der Chef ist!“

„Das ist deine Auffassung!“, entgegnete John spöttisch.

„Du bist halt doch nur ein dummes Bauernkind, das durch Zufall zu Reichtum gekommen ist. Ich hingegen bin mit Dienern groß geworden.“

„Ich wurde nicht durch Zufall reich, sondern durch harte Arbeit meiner Immobilienverkäufe“, wehrte sich John energisch.

„Wie dem auch sei, ich jedenfalls weiß, wie man mit Personal umgehen muss“, rühmte sich Julia überheblich.

„Es gefällt mir aber nicht, wie du Mister Flint behandelst“, wies John hin.

„Wir werden ihn sowieso entlassen, wenn wir unser Haus in San Diego gekauft haben.“

John schluckte. Der Gedanke, dass er nicht nur sein geliebtes Kanada ihretwegen verlassen sollte, sondern auch noch dazu seinen Butler verlieren würde, brachte ihn aus der Fassung. „Es war nie die Rede davon, dass Mister Flint entlassen wird?!“, knurrte er.

„Dann weißt du nun Bescheid! Mein Personal ist viel qualifizierter als dieser Flint es je sein wird!“

„Tut mir leid, Julia, aber das werde ich nicht zulassen“, antwortete John entschlossen.

Julia setzte sich hinüber auf Johns Schoß und fasste sich an ihre üppigen Brüste unter ihrer engen gelben Bluse.

„Dann willst du darauf verzichten?“, fragte sie im kindlichen Ton.

John lächelte, streichelte ihr über die Oberschenkel. „Du Luder“, sagte er und küsste sie.

„Das hebst du dir für heute Abend auf“, wies sie hin, „ich muss gleich zu meinem Friseurtermin.“

Als Julia den Raum verließ, konnte John nicht glauben, wie sehr sie ihn um den kleinen Finger gewickelt hatte. Sie hatte ihn mit dieser Methode schon überreden können, nach Kalifornien auszuwandern. Aber bei der Sache mit seinem Butler war das letzte Wort noch nicht gesprochen, war sich John sicher.

 

 

Kapitel 1

Eine Weile später kam Rose an einem Bungalow an. Der Vorgarten war mit weiß-, rot- und pink- blühenden Oleandern durchzogen. In der betonierten Einfahrt vor einem braunen Garagentor stand ein schwarzer Lieferwagen, bei dem der Motor lief. Rose lehnte ihr Fahrrad draußen an den weißen Bretterzaun und lief durch die Einfahrt in Richtung Haustür. Die Tür stand offen, Rose schaute in den Flur. Die Wände waren weiß und mit kleinen Blumenbildchen verziert, der Fußboden mit weißem Marmor gefliest.

Rose wollte gerade den goldenen Klopfring an der Haustür betätigen, hielt aber inne, als sie eine Männerstimme schreien hörte: „Lasst mich sofort los, oder es wird euch leidtun!“

Rose erstarrte vor Schreck. Als sie hörte, dass sich Schritte vom Nebenraum näherten, sprang sie mit einem hohen Satz in die Büsche. Von dort aus konnte sie beobachten, wie zwei schwarz gekleidete Männer mit Sonnenbrillen einen Mann mit einem Stoffsack über dem Kopf und gefesselten Händen in den Lieferwagen schleppten.

Der gefesselte Mann zappelte und rief: „Hört auf damit. Das ist nicht mehr witzig!“

Dann schlug der eine der Männer die Wagentür zu, während der andere die Haustür schloss. Beide stiegen lachend ein, bevor der Transporter aus der Einfahrt rollte und wegfuhr.

Rose stockte der Atem. Sie kletterte aus dem Gebüsch hervor, eilte zu ihrem Fahrrad und nahm die Verfolgung auf. Der dichte Stadtverkehr ermöglichte Rose, dem Fahrzeug zu folgen. Als wenig später der Vorsprung zu groß geworden war, kürzte Rose den Weg durch den Stadtpark ab. Durch das Gefälle wurde sie immer schneller. Sie raste durch die Parkanlage auf die Straße zu. Passanten konnten ihr gerade noch ausweichen, sprangen schreiend zur Seite.

„Hey! Was soll das? Haben Sie keine Augen im Kopf?“, schrie ein Mann, dessen Hund sie fast überfahren hätte.

Aber Rose war wie in einem Trancezustand und hatte nur noch den schwarzen Transporter im Blick. Wenig später war sie wieder dicht hinter ihm.

Als die Entführer aus Edmonton herausfuhren, befürchtete Rose: „So ein Mist! Ich werde ihn verlieren!“

Doch plötzlich bremste das Fahrzeug ab, bog links in eine Seitenstraße ein und parkte vor einer alten Lagerhalle. Rose fuhr hinter einen Schuppen direkt neben der Halle, stellte ihr Fahrrad ab und beobachtete, wie die Entführer den Mann in die Halle schleppten.

Als sich wenige Minuten nichts tat, schlich sie zur Halle und spähte durch den Türspalt. Plötzlich sah sie die Entführer, die sich der Tür näherten. Rose sprang hinter einem Stapel Paletten und belauschte die beiden Männer aus ihrem sicheren Versteck.

„Das haben wir gut gemacht, Roger. Das ist gar nichts im Vergleich, was ihm bevorsteht“, sagte einer der Männer.

Der andere Mann lachte: „Stimmt Ben. Er hat es sich selbst ausgesucht.“

„Wann werden wir John erlösen?“, fragte Ben.

Roger schob seine Sonnenbrille zurecht, sagte dann: „Wir erlösen ihn in etwa einer Stunde.“

Schadenfroh lachend stiegen die beiden Männer in den Lieferwagen und fuhren davon.

„Oh mein Gott, sie wollen ihn töten“, sagte Rose außer sich vor Aufregung.

Als das Fahrzeug außer Sichtweite war, schlich sich Rose in die dustere kühle Halle. John saß mit dem schwarzen Stoffbeutel über dem Kopf auf einem Stuhl gefesselt in der Ecke.

Als er Roses Schritte hörte, rief er: „Roger? Ben? Macht mich los!“

„Seien Sie still!“, sagte Rose streng und eilte zu ihm hinüber.

Jetzt erkannte sie im diffusen Licht, dass er nur Boxershorts trug. Sie zog ihm den Sack vom Kopf und blickte ihm in die blauen Augen. Sein schwarzes Haar war zerzaust, sein Gesicht war unrasiert.

„Wer sind Sie“, rief er erstaunt.

„Ihre Retterin!“, stellte sich Rose lächelnd vor.

„Meine Retterin?“

„Ja, ich habe die Entführung beobachtet und bin Ihnen hierher gefolgt“, antwortete sie und kam sich in diesem Moment wie eine Actionheldin vor.

John musterte ihr rotes Kleid, das schmutzig und zerfetzt an ihr herunterhing.

Er grinste sie schief an. „Sie haben die Entführung beobachtet? Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“

„Ach was! Die stecken doch mit denen unter einer Decke“, versuchte Rose ihm klarzumachen, während sie seine Handgelenke von den Fesseln befreite.

„Bitte was?“

„Ja, das kennt man doch aus dem Fernsehen. Solche Banden haben immer ihre Verbündeten bei der Polizei.“

„Wie alt sind Sie?“, fragte John als Anspielung auf ihre TV-geprägte Erfahrung, worauf er allerdings nicht wirklich eine Antwort erwartete.

„Achtundzwanzig. Und Sie?“

John verkniff sich ein Lachen, schien amüsiert. „Ich bin fünfunddreißig. Wie geht es jetzt Ihrer Meinung nach weiter?“

„Wir müssen Sie erst einmal an einem sicheren Ort verstecken. Sie kommen vorerst mit in meine Wohnung.“

„Aber …“

„Keine Widerrede“, unterbrach Rose mit zusammengezogenen Augenbrauen, „ziehen Sie sich vorher an, das kann man ja nicht mit ansehen.“

„Warum? Sehe ich etwa so schrecklich aus?“, scherzte John.

Rose musterte seinen muskulösen schwarz behaarten Körper. „Nein, natürlich nicht. Ich finde es nur demütigend für Sie, in einer Unterhose vor mir zu sitzen.“

Sie hob seine Bluejeans, sein blaues Hemd neben dem Stuhl auf und legte es ihm auf den Schoß. Dann drehte sie sich um.

„Warum drehen Sie sich weg?“

„Damit ich Sie nicht nackt sehe?“

„Ich trage doch Boxershorts und den Rest haben Sie sowieso bereits gesehen?!“, wunderte sich John.

„Das macht man eben so.“

„Haben Sie das auch im Fernsehen gesehen?“

„Kann sein. Ich weiß einfach was sich gehört. Nun beeilen Sie sich“, antwortete Rose ungeduldig.

„Sie wollen mich wirklich mit in ihre Wohnung nehmen?“, vergewisserte sich John.

„Wenn Sie hierbleiben, dann werden Sie sterben. Wenn Sie nach Hause gehen, werden die Sie finden und ebenfalls töten“, antwortete Rose mit einem dramatischen Unterton.

„Sterben? Töten?“

„Ja, die sagten, dass die Sie in etwa einer Stunde erlösen wollen! Uns bleibt also nicht mehr viel Zeit“, erklärte Rose und blickte in Johns lächelndes Gesicht.

„Warum grinsen Sie?“, fragte sie überrascht.

„Ich freue mich nur, dass Sie mich gerettet haben“, redete sich John raus.

Eilig verließen sie die Lagerhalle und machten sich auf den Weg durch Edmonton. Rose schob ihr Fahrrad, drehte sich immer wieder um und schaute, ob ihnen auch niemand gefolgt war, bis sie endlich nach zwanzig Minuten am Wohnblock ankamen.

„Schnell, kommen Sie“, rief Rose und öffnete ihm die Haustür.

Zitternd steckte sie den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und ließ John in ihre Wohnung. Dann schloss sie eilig wieder zu.

„Sie sind in Sicherheit“, sagte sie erleichtert.

John lächelte sie an. „Danke, Miss …“

„Rose.“

„Freut mich Rose, ich bin John“, stellte John sich vor.

Rose zwinkerte ihm zu. „Ich weiß.“

John verblüfft: „Woher wissen Sie das?“

„Aus dem Telegramm, das ich dir vorsingen sollte.“

„Du überbringst gesungene Telegramme?“

„Ja, es ist nur ein Job und hat weiter keine Bedeutung“, stellte sie klar, „herzlich willkommen in meinem bescheidenen Heim.“

„Danke“, sagte John und schaute sich um.

Die Wände waren vergilbt, der Boden war verschlissen, die zusammengewürfelten Möbel halb zerfallen.

„Oh mein Gott“, entfuhr es ihm.

„Ich weiß, ich wohne hier nur zum Übergang, bis ich eine richtige Arbeit gefunden habe und mehr Geld verdiene“, erklärte Rose.

„Wie lange wohnst du schon hier?“

Viel zu leise antwortete Rose: „Fünf.“

„Fünf Monate? Oder Wochen?“

„Jahre“, gestand sie kurz und kleinlaut.

„Du lebst seit fünf Jahren in dieser Bruchbude?“, fragte John entsetzt.

„Ja, auch ich habe unter der Wirtschaftskrise zu leiden“, gab sie zu bedenken, lenkte dann vom Thema ab: „Es ist schon Mittag. Ich werde uns etwas zum Essen machen.“

„Klingt gut“, stimmte John zu und folgte Rose zur Küche.

***

„Er ist weg!“, rief Roger verwundert und blickte auf den leeren Stuhl in der Lagerhalle.

„Das ist doch nicht möglich! Wir haben ihn so gut gefesselt. Wie konnte er sich befreien?“, wunderte sich Ben.

„Vielleicht ist er schon wieder zu Hause“, sagte Roger schulterzuckend.

„Komm! Wir sehen nach“, schlug Ben vor, ging mit Roger zum Transporter.

Wenig später fuhren sie in die Einfahrt von Johns Bungalow.

Julia öffnete die Haustür, sah die schwarzgekleideten Männer aus dem Fahrzeug steigen. „Haben wir Karneval, ihr Kindsköpfe? Wo ist John? Ich dachte, er wäre bei euch?“

„Wir haben uns einen Junggesellenabschiedsstreich erlaubt, ihn vor etwa einer Stunde entführt, und in die alte Lagerhalle am Stadtrand gebracht“, gestand Roger.

„Und?“, verlangte Julia schnippisch nach einer Erklärung.

„Er ist weg“, antwortete Roger.

„Was soll das heißen: Er ist weg?“, fauchte Julia erzürnt.

„Wir wollten ihn nach einer Stunde davon erlösen und er war nicht mehr da!“, erklärte Ben.

Als Julia in die grinsenden Gesichter der beiden blickte, stieg in ihr die Zornesröte empor.

„Typisch John. Dieser Bauernjunge. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“, fluchte sie.

„Es ist unsere Schuld“, nahm Ben John in Schutz.

„Wenn ihr mich blamiert, dann werde ich euch alle drei verklagen! Ist das klar?“, drohte sie, vernahm darauf ein schwaches Nicken von Roger und Ben.

„Seht zu, dass er in den nächsten zwanzig Minuten hier auftaucht, sonst kann er die Hochzeit vergessen!“, schrie sie außer sich vor Wut, blickte in die ratlosen Gesichter der beiden.

Dann knurrte sie: „Der Fotograf kann jeden Moment kommen, um die morgigen Hochzeitsfotos zu besprechen.“

Mit einem heftigen <Wumm> schlug sie Roger und Ben die Tür vor der Nase zu.

„Ist alles in Ordnung, M’am?“, sorgte sich Butler Mister Flint, der Julias Schreien gehört hatte, daraufhin zur Tür geeilt war.

„Gehen Sie mir aus den Augen. Sie unqualifizierter Nichtsnutz!“, schrie sie Mister Flint an, dessen Miene finster wurde und Entsetzen ausdrückte.