Schicksalhafte Begegnungen

Die Autopanne

Stur schaute die dreiundzwanzig-jährige Kayla Weston auf den scheinbar nicht enden wollenden Highway. Lässig mit einer Hand am Lenkrad steuerte sie den Wagen. Das Radio hatte sie schon seit mehr als einer Stunde ausgeschaltet, denn das ständige Rauschen wegen des immer schlechter werdenden Empfangs war letztendlich nur noch nervend.

Kayla war glücklich. Glücklich, dass sich endlich ihr größter Wunsch erfüllen sollte. Ein Mal nach Kanada. Wie sehr hatte sie sich das immer gewünscht. Ihre blauen Augen leuchteten vor Glück. Der Luftzug, der durch das ein Spalt weit geöffnete Fenster eindrang, hielt sie wach. Auch wenn es ein wenig störend war, dass ihr immer wieder Strähnen ihrer langen, braunen Haare ins Gesicht wehten.

Es war auch ziemlich kühl, und sie hoffte, nicht vom Schnee überrascht zu werden. Trotz ihres Glücksgefühls wurde es der jungen Frau langsam mulmig, denn es war schon sehr lange her, als sie die letzte Ortschaft gesehen hatte. Weiter als im Umkreis von vierzig Meilen rund um Roxbury in Kansas war sie noch nie gekommen. Die Gegend war ihr völlig fremd. Sie konnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob sie sich nicht verfahren hatte.

 

Der Ärger über ihre Stiefschwester war verflogen. Als ihre gemeinsame Mutter vor drei Monaten starb, erhoffte sich Kayla, dass sie endlich zum ersten Mal ihre Stiefschwester, Rebecca Carter, sehen könnte. Sie musste so etwa acht Jahre älter sein als sie. Trotz, dass sie ihr einen Brief wegen der Beerdigung schickte, meldete sich Rebecca nicht.

"Kein Wunder, immerhin hat sie eine halbe Million Dollar geerbt, trotz, dass sie selbst genug Geld von ihrem Vater hat", dachte Kayla.

Das Geld war ihr egal, aber die Schwester hätte sie gerne einmal kennengelernt. Dass Rebecca alles erben würde, war vertraglich durch den reichen Vater so festgeschrieben. Damals wusste ja noch niemand, dass Kayla einmal geboren wird.

"Sicher hatte Rebecca Mom nie verziehen, dass sie nicht das Sorgerecht für sie bekommen hatte und zudem Rebecca nicht mehr sehen durfte", sagte Kayla vor sich hin.

Sie wurde aus den Gedanken gerissen, als er Wagen plötzlich langsamer wurde. Verunsichert schaute Kayla hinunter zum Gaspedal. Nein! Es war nicht ihr Fehler, sie stand nach wie vor auf dem Gas. Doch dann stieg Dampf aus der Kühlerhaube empor.

„Oh nein! Bitte nicht!“, rief sie entsetzt und versuchte das Gaspedal immer wieder durchzutreten.

Der Motor begann zu stottern, ging schließlich aus, und das Auto kam am Straßenrand zum Stehen. Mitten im Nirgendwo, keine Autos, keine Menschen. So weit das Auge sehen konnte, nur Steine, Felsen, Sand und ab und zu mal einen Busch. Kayla schaute verängstigt zum Himmel. Zu allem Übel war die Sonne auf dem Weg hinter dem Horizont zu verschwinden.

 

Kayla stieg aus dem Wagen. „Oh nein! Jetzt wird es bald dunkel werden und ich stehe auf dem Highway mit einem defekten Wagen“, dachte sie besorgt.

Einfach weiter laufen, das wäre weniger klug. Sie wusste ja nicht, wie weit es bis zur nächsten Siedlung war. So beschloss sie an ihrem Wagen zu bleiben, bis Hilfe kommt.

Dreißig Minuten später setzte die Dämmerung ein und es war immer noch kein Fahrzeug vorbei gekommen. Immer wieder schaute sie in die Ferne und glaubte, einen Wagen gehört zu haben. Wahrscheinlich nur Einbildung oder auch der Wind, der sich in den Büschen fing und den Sand aufwirbelte.

Da endlich! Nach etwa vierzig Minuten sah sie zwei Lichter auf sich zu kommen, hörte auch ein Motorengeräusch. Kayla versuchte erst den Fahrer zu sehen, ob dieser vertrauenswürdig aussah, bevor sie Handzeichen zum Anhalten geben wollte, aber er hielt einfach unaufgefordert neben ihr an.

Ein älterer, grauhaariger Mann mit sonnengegerbten Gesicht fragte sie mit rauer Stimme: „Kann ich helfen M’am?“

Kayla sagte verunsichert: „Mein…Ich… Mein Wagen ist defekt, ich glaube der Kühler ist geplatzt.“

„Ich kann sie abschleppen bis in den nächsten Ort. Harry kann Ihnen das reparieren“, antwortete der Mann.

 

 

 

Wingshill

Kayla schaute den Mann an, ihr Blick glitt über den LKW und erfasste die Aufschrift. „Walters Tierfutter! Ok, er scheint ein Geschäftsmann zu sein. -Mir bleibt keine andere Wahl, ich muss ihm vertrauen!“

„Mein Name ist übrigens Walter. Ich verkaufe Tierfutter und liefere gerade nach Wingshill aus. Dort hat Harry auch seine Autowerkstatt.“

„Ja Danke, gerne. Es wäre sehr nett, wenn sie mich abschleppen könnten“, willigte Kayla ein.

„Um nach Wingshill zu kommen, müssen wir den Highway verlassen. Das liegt etwa vier Meilen abseits des Highways! -Nur damit sie es wissen und nachher keine Panik bekommen“, klärte der Mann auf.

„Okay, danke für die Information.“

Mit geübten Handgriffen hing der Wagen am Abschleppseil. Dann ging die Fahrt los und Kaylas Wagen wurde von dem LKW rasant über den Highway gezogen. Genau wie Walter angekündigt hatte, bogen sie später ab und fuhren die vier Meilen durch die karge Gegend, die in der Dunkelheit der Nacht immer undeutlicher wurde.

„Wenn er mich jetzt irgendwo hinfahren würde um mir etwas anzutun, dann wäre ich verloren. –Außer, ich würde vorher aus meinem Wagen springen“, dachte Kayla mit Unbehagen.

Inzwischen war es auch schon dunkel, doch schon bald konnte man die Lichter der Ortschaft sehen. Kaylas Blick schweifte über einige alte Häuser und unebene Straßen. Minuten später kamen sie vor einer kleinen Tankstelle zum Stehen. Kayla war sehr erleichtert und stieg sofort aus.

Walter stieg ebenfalls aus und wartete auf Kayla, die gleich zu ihm lief.

„Harry?“, schrie er so laut, dass Kayla vor Schreck zusammenfuhr.

„Ich bin hier drüben“, rief eine krächzende Männerstimme aus einer Art Garage seitlich der verwahrlosten Tankstelle.

Kayla ging mit Walter in die Garage. Ein weißhaariger Mann, etwa Mitte 50, mit einem blauen, zerrissenen Overall und ölverschmierten Händen stand gerade an einem Regal, auf dem sich Maschinenteile befanden.

„Ich bin gerade am Sortieren“, sagte er und drehte sich dann um.

„Guten Abend“, grüßte Kayla und versuchte zu lächeln.

Der Mann schaute sie an, schaute an sich herunter und sagte: „Oh, tut mir leid, M’am, aber wir bekommen hier nicht oft Besuch.“

Walter lachte. „Kannst du dich um ihren Wagen kümmern? Sie ist auf dem Highway liegen geblieben. Kühlerschaden.“

„Ok, ich sehe es mir an“, willigte Harry ein, „aber heute kann ich das nicht mehr reparieren. Frühestens Morgen Vormittag.“

Walter nickte. „Ok, ich fahre dann mal wieder weiter. Harry, sei so nett und zeige der Dame, wo sie hier übernachten kann. Ja?“

„Ja, mach ich, Walter“, versprach Harry.

Kayla begleitete Walter noch nach draußen zu seinem LKW. Sie hielt ihm einige Dollarscheine hin, aber er lehnte dankend ab: „Ach was, M’am. Das ist schon OK!“, sagte er, stieg in seinen LKW ein und fuhr weg.

Harry kam nach draußen und winkte Kayla zu sich. „Kommen Sie!“

Mit dem Finger zeigte er die Straße entlang. „Hier vorne, wenn Sie an dieses gelbliche Haus kommen, dann rechts die Straße rein. Da gibt es eine Pension. Die alte Miss Douglas wird sich freuen, wenn sie mal wieder einen Gast bekommt. Morgen früh, so gegen zehn Uhr, müsste ich Ihren Wagen wieder in Schuss gebracht haben“, sagte er lächelnd.

Kayla reichte Harry dankbar die Hand. „Vielen Dank, Mister Harry. Bis morgen früh dann.“

„Keine Ursache, Lady!“

Kayla lief die dunkle Straße entlang bis zu dem gelblichen Haus, vor dem als einziges eine flackernde Laterne stand. Wie beschrieben, ging sie dann rechts die dunkle Gasse hinein und sah schon das alte verschmutzte Leuchtreklameschild mit der Aufschrift: Pension Douglas. Jetzt erst, bemerkte Kayla, dass die sternenklare Nacht eine sehr kalte Luft mitgebracht hatte.

 

 

 

Die Pension

Kritisch betrachtete Kayla das Haus. "Eine richtige Bruchbude", dachte sie sich.

Der Verputz bröckelte von der Fassade und da wo normal eine Glasscheibe an der Eingangstür sein müsste, war eine Sperrholzplatte mit Klebeband befestigt.

Als Kayla schließlich hineinging um sich ihr Zimmer zu buchen, wurde ihr Eindruck noch verstärkt. Ein modriger Geruch kam ihr entgegen und die braungefleckten Tapeten waren sicher ursprünglich einmal weiß gewesen. Die Fliesen des Fußbodens mit den schmutzigen Fugen waren abgeplatzt und löchrig. Angewidert behielt sie ihren Koffer in der Hand und wollte ihn auf gar keinen Fall auf diesem versifften Fußboden abstellen. Vorne stand eine alte Kommode, die scheinbar als Empfangsschalter diente, was die rostige Glocke darauf, und das Schlüsselbrett dahinter vermuten ließen. So wunderte sich Kayla auch nicht, dass alle Haken am Brett mit Schlüssel belegt waren. Vom Ekel gepackt, zog sie ihren Ärmel über die Hand um die Glocke zu läuten.

Nach dem sie der Glocke einen blechernen Ton entlocken konnte, wartete sie. Am liebsten wäre sie jetzt schnell wieder gegangen. Aber wo sollte sie in der Nacht hingehen? Außerdem hatte sie Hunger und war müde von der weiten Reise und den Anstrengungen, die den Tag so unglücklich enden ließen.

Endlich kam eine ältere, kleine, mollige Frau mit weißem Haar aus dem Nebenzimmer. Ihr faltiges, lächelndes Gesicht und ihre strahlend blauen Augen lösten in Kayla ein gutes Gefühl aus, als sie die Frau sah. Sie fühlte sich willkommen.

„Guten Abend, junge Frau!“, grüßte die alte Dame mit kraftvoller Stimme.

„Guten Abend, Miss Douglas. Mein Auto ist in Harrys Werkstatt, ich hätte gerne ein Zimmer und etwas zu Essen“, bat Kayla.

„Sie bekommen unser schönstes Zimmer im Haus“, versicherte Miss Douglas und griff nach dem Schlüssel am Brett.

„Vielen Dank, Miss Douglas.“

Miss Douglas winkte ab. „Wir haben leider keinen Speiseraum und darum bringe ich Ihnen Ihr Essen in etwa dreißig Minuten auf Ihr Zimmer.“

Kayla war froh, dass sie endlich etwas zum Essen bekommen sollte und war auch froh, endlich ein Bett zu haben, wo sie in der Nacht schlafen konnte. Sie folgte der alten Dame auf ihr Zimmer. Leider schien der Zustand dieses Raumes nicht besser als im Rest des Hauses. Auch hier waren die Tapeten, die sicher einmal weiß waren, braun und fleckig. Die Fenster waren schmutzig, dass man kaum nach draußen sehen konnte. Es war aber schön warm im Zimmer, und das war schon etwas Wert, bei dieser Kälte.

Mitleidig blickte Kayla die Dame an, als sie schweren Ganges das Zimmer verließ. „Miss Douglas ist schon älter und kann nicht mehr so, wie sie gerne möchte, sonst wäre hier sicher alles sauberer und besser“, dachte sie und hatte Verständnis für den Zustand des Hauses.

Das Bett aber, schien sauber und frisch zu sein. Damit kam Kayla mit der Situation klar. „Was bringt sie mir zum Essen? Mir war aufgefallen, dass sie mich gar nicht gefragt hatte, was ich überhaupt essen möchte“, wunderte sich Kayla.

Wenig später kam die alte Dame wie versprochen mit dem Essen aufs Zimmer. Ganz egal was es war, es duftete herrlich und ließ Kayla das Wasser im Munde zusammenlaufen.

„Rotkohl, Kottelet und Kartoffelpüree, selbst gemacht“, sagte Miss Douglas stolz, als sie die Haube vom Teller nahm und Kayla das köstlich angerichtete Menü zeigte.

„Vielen Dank, Miss Douglas“, sagte Kayla.

„Bitteschön, Miss Weston, guten Appetit und gute Nacht. Wenn Sie mich brauchen, ich bin bis ein Uhr nachts immer wach. Läuten Sie dann einfach unten am Empfang.“

„Dankeschön, Miss Douglas, ich denke dass alles in Ordnung ist und ich gleich nach dem Essen schlafen gehen werde. Gute Nacht“, verabschiedete sich Kayla.

Kayla hätte schwören können, dass das ihr bestes Essen sei, was sie je in ihrem Leben gegessen hatte, obwohl sie selbst sehr gut kochen konnte. Schließlich hatte sie immer für sich und ihre kranke, bettlägerige Mutter gekocht. Die Mutter war drei Jahre lang ans Bett gefesselt und ihr Tod war letztendlich, so grausam wie es auch klingt, eine Erlösung. Ihr ganzes Geld hatte ihr nicht helfen können wieder gesund zu werden. Ihr Geld, das sie damals bei der Scheidung von Mister Carter bekommen hatte. Sozusagen als Entschädigung für ihre Tochter, Rebecca, die ihr abgenommen wurde. Weil Miss Weston damals wusste, dass es ihrer Tochter bei dem Vater besser ginge, entschied sie sich dazu, den Kontakt, wie vom Vater und dessen neuer Frau beschlossen, völlig abzubrechen. Diese Rebecca Carter, sollte nun nach Miss Westons Tod auch noch das Geld der Mutter erben.

„Wie ungerecht“, dachte Kayla.

Nachdem sie ihren Teller leergegessen hatte, ging sie duschen. Auch in der kleinen Nasszelle waren die Fliesen löchrig und mit Schimmel übersät.

Nach dem Duschen zog Kayla ihr Nachthemd an und wollte den grauen, zerknitterten Vorhang zuziehen, als sie im Dunkel auf der Straße eine kleine Gestalt erblickte. Vorsichtig zog sie den Vorhang zu und ließ ihn einen Spalt weit offen, wo sie durchsehen konnte, um die kleine Person unbemerkt beobachten zu können.