Plötzlich Liebe

Ein ganz normaler Tag
Lora saß an ihrem Schreibtisch und blickte auf die große, silberne Wanduhr. „Gleich ist Pause, Susan. Gehst du raus in den Park oder in die Kantine?“, fragte sie ihre Kollegin, die ihren Schreibtisch direkt neben ihrem hatte.

„Es ist ein wunderschönes, sommerliches Wetter. Ich schlage vor, wir gehen raus in den Park“, antwortete Susan, „ich muss aber noch einen Kostenvoranschlag einer Haftpflichtversicherung fertigmachen und faxen, der Kunde wartet schon seit heute Morgen darauf.“

Lora nickte. „Kein Problem. Ich arbeite auch so lange weiter, dann gehen wir gemeinsam in die Pause.“

Klackend sprangen die Zeiger der Uhr auf zwölf. Alle Büroangestellten standen auf und gingen in Richtung Ausgang. Nur Susan und Lora arbeiteten noch.

Dann ging die Zwischentür zum daneben liegenden Büro auf. „Er kommt!“, flüsterte Susan und Lora wusste genau, wen sie damit gemeint hatte.

Kaum hatte Susan ausgesprochen, spürte Lora auch schon den warmen Atem in ihrem Genick. „Na? Heute keine Pause, blonder Engel?“, flüsterte eine tiefe, samtweiche, männliche Stimme.

Lora drehte sich um. „Hau ab, Ronald“, rief sie gespielt verärgert.

Ronald, dunkles langes Haar und Vollbart, grinste sie an, zwinkerte ihr zu und verschwand durch die Tür.

Susan lachte amüsiert. „Er steht eben auf dich.“

„Ich kann ihn zwar gut leiden, aber als Freund … niemals!“, sagte Lora stirnrunzelnd mit einer übertrieben abwinkenden Handbewegung.

„Ihr seid euch aber schon sehr nahe, dafür, dass er erst seit 3 Monaten bei uns arbeitet“, bemerkte Susan.

„Das stimmt. Vielleicht verstehe ich mich mit ihm so gut, weil er so unattraktiv ist?!“, scherzte Lora.

„Meinst du wegen seinem Bart oder wegen seiner langen Haare?“, interessierte sich Susan.

„Einfach alles an ihm ist abstoßend“, lästerte Lora.

„Trotzdem findest du ihn sympathisch?“

Lora zuckte mit den Schultern. „Er ist dennoch ein netter Mensch.“

Susan schob das Dokument ins Faxgerät. „Fertig, lass uns Pause machen“, forderte sie melodisch.

Beide schnappten ihre Taschen, gingen nach draußen auf die belebte Straße von Edmonton. Am Fußgängerüberweg warteten sie, bis ein Auto anhielt, dann liefen sie hinüber in den Stadtpark und suchten sich ein bequemes, schattiges Plätzchen auf einer Parkbank, von wo aus sie die Ruhenden auf den Wiesen beobachten konnten, die sich sonnten, lasen oder einfach nur schliefen und die wärmenden Sonnenstrahlen genossen.

„Mein Mann und ich, wir waren am Wochenende in unserem Haus“, verkündete Susan freudestrahlend.

„Wahnsinn, erzähl mehr. Wie ist es dort?“

Susan verzog das Gesicht. „Naja, Onkel Phil sagte, als er mir es übergab, es wäre ein schönes Häuschen am See.“

„Und? Enttäuscht?“, fragte Lora.

Susan grinste breit. „Er hat gelogen, es ist das schönste Haus am See, das man sich vorstellen kann. Nicht umsonst war es jahrelang ein Frauenmagnet für Onkel Phil.“

„Frauenmagnet?“

Susan lachte. „Ja. Er hat dort immer mit jungen Frauen Party gemacht und sich vergnügt. Wir haben es gründlich geputzt und alle kleinere Schäden repariert. Es ist so gut wie neu.“

Lora nickte respektvoll. „Klasse.“

Susan erzählte weiter: „Wir müssen nur noch einen Schlauch für die Dunstabzugshaube besorgen und ein Dampfstrahlgerät mitnehmen, um den Bootssteg zu reinigen, der anscheinend durch das Hochwasser der letzten Regenfälle eine Zeit lang unter Wasser gestanden haben muss, er ist mit Moos und Algen überzogen.“

„Gratuliere“, freute sich Lora für ihre Kollegin, „wirst du dort hinziehen?“

Susan winkte ab. „Ach was. Das liegt weit draußen in den Wäldern. Stell dir nur mal den langen Weg vor, den ich jeden Tag zur Versicherungsagentur fahren müsste“, erklärte sie und scherzte: „ganz zu schweigen von John, der müsste zu Fuß die 86 Kilometer nach Westlock zur Arbeit gehen, weil ich das Auto bräuchte.“

„Klar“, antwortete Lora, „schade, dass es so abgelegen und weit weg ist.“

„Für einen Urlaub genau das Richtige. Man kann sich dort in aller Ruhe entspannen, im See Boot fahren und angeln oder schwimmen gehen. Es ist einfach herrlich dort“, schwärmte Susan.

„Ich stelle mir das echt klasse vor. Sicher gibt es dort auch schöne Motive zum Malen“, träumte Lora vor sich hin.

„Es wäre ideal für eine gute Hobbyzeichnerin wie dich“, sagte Susan und löffelte ihren Joghurt.

Lora aß ihren Apfel und blickte immer wieder verstohlen zu Susan rüber.

Erst als Susan aufgegessen hatte, sagte sie. „Du kannst uns ja mal übers Wochenende begleiten. Es wird dir gefallen.“

„Oh ja, danke. Ich getraute mich nicht zu fragen. Vielen Dank für die Einladung“, freute sich Lora.

„Keine Ursache. Schließlich möchte ich dir alles zeigen und damit ein bisschen angeben“, antwortete Susan, worauf Lora lachte.

Dann spazierten sie noch ein Stück durch den Park, bevor sie wieder zurück in die Agentur gingen, wo sie sich an ihre Schreibtische setzten. Lora hatte sich kaum hingesetzt, kamen auch schon die Mitarbeiter von der Kantine zurück.

Wieder spürte sie den warmen Atem an ihrem Ohr. „Hallo, meine Schöne. Gut erholt?“

Lora reagierte gespielt gereizt, drehte sich schnell mit dem Stuhl um. „Ronald! Eines Tages werde ich dir in den Allerwertesten treten, wenn du mich dauernd so erschreckst.“

Ronald lächelte und ging ins Nebenbüro, wo er seinen Platz unter 5 weiteren Büroarbeitern hatte. Lora sah ihm nach, schüttelte den Kopf, blickte zu Susan, die gerade mit einem Kunden telefonierte.

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Ein genialer Plan
Susan legte nach dem Telefonat den Hörer auf, blickte zu Lora hinüber und lächelte. „Er kann es einfach nicht lassen, was?“

„Ja, das ist echt nervend“, klagte Lora, wobei sich aber Belustigung in ihrer Miene spiegelte.

„Du wirst ihn doch nicht eines Tages wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz anzeigen?“, fragte Susan besorgt.

Lora lachte. „Nein, dann hätte ich es längst getan. Spätestens als er mich zum zehnten Mal eingeladen hat.“

Susan schaute Lora nachdenklich an. „Was ist?“, fragte Lora, „bin ich schmutzig im Gesicht?“

„Warum sagst du nicht endlich einmal zu und gehst mit ihm aus?“

„Entschuldige die Wortwahl, aber bist du völlig bescheuert?“, fragte Lora entsetzt.

„Vielleicht gibt er dann Ruhe?“

„Das glaubst nur du! Er wird mich dann Erstrecht belästigen.“

Das Gespräch wurde durch das Klingeln von Loras Telefon unterbrochen. Es war ein Versicherungskunde, der seine Versicherung erweitern wollte. So war Lora die nächste halbe Stunde beschäftigt, indem sie Akten durchstöberte, Papiere einscannte, diese per E-Mail an den Kunden schickte. Schließlich kehrte sie bald wieder an ihren Schreibtischplatz zurück und machte weiter mit der Aktualisierung der Kundendaten.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Susan sie die ganze Zeit anlächelte. „Was ist los?“, wunderte sie sich.

„Ich habe eine Bekannte, die würde sehr gut zu Ronald passen. Du hättest dann für immer deine Ruhe vor ihm.“

Lora lehnte sich im Stuhl zurück, streifte sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht und fing an zu schmunzeln. „Das klingt gut, dann stell sie ihm vor?!“

„Wie bitte soll ich das machen? Hallo, Mister Rush. Ich möchte, dass Sie meine Bekannte, Joanne kennenlernen, damit Sie Lora in Ruhe lassen?“

„Ja, das klingt blöd“, gab Lora zu, „was schlägst du vor?“

Susan grinste verschmitzt. „Du sollst sie ihm vorstellen!“

„Ich? Um Himmels willen, er würde mich für eine Kupplerin halten.“

„Warum ist es dir so wichtig, was er über dich denkt?“, kam es von Susan wie aus der Pistole geschossen.

„Es ist mir nicht wichtig. Ich will nur nicht dumm dastehen.“

„Würdest du dumm dastehen, wenn er Joanne begehrenswert findet und sie vielleicht letztendlich heiratet?“

Lora schaute Susan durchdringend an. „Okay, ich mache es, aber vorher möchte ich diese Joanne einmal sehen, damit ich weiß, was und wen ich ihm präsentieren werde.“

Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf Susans Gesicht. „Das lässt sich einrichten. Wir wäre es, wenn ich sie nach der Arbeit ins Café Lorenzo bestelle?“

„So machen wir es“, stimmte Lora zu.

Dann klingelte Susans Telefon, auch sie war einige Zeit mit einem Versicherungskunden beschäftigt, bis sie wieder an ihrem Schreibtisch saß und Lora schon wieder von der Seite anlächelte.

„Was ist jetzt schon wieder los?“, fragte Lora gespielt genervt.

„Ich dachte mir, du, Joanne und Ronald, ihr könntet das verlängerte Wochenende in meinem Haus am See verbringen.“

Lora legte die Stirn in Falten. „Ich mit Ronald in einem einsamen Waldhaus?“

„Und Joanne“, ergänzte Susan stark betont.

„Was habe ich mit den beiden dann dort verloren?“

„Du bist die Kupplerin, schon vergessen?“, scherzte Susan, „ohne dich, würde sich Joanne sicher niemals darauf einlassen, drei Tage mit einem fremden Mann unter einem Dach zu verbringen. Die beiden könnten sich in aller Seelenruhe kennenlernen und du wärst dabei, damit Ronald nicht über die Stränge schlägt. Sozusagen als Aufpasser.“

Lora blies die Wangen auf, spitzte ihren Bleistift, während Susans fragender Blick an ihr haftete. „Hör auf, mich so anzusehen. Meinetwegen. Ich werde es tun.“

Susan schrie kurz auf, hielt sich dann die Hand vor den Mund und schaute sich um, ob es jemand gehört hatte. Doch die anderen drei Frauen saßen zu weit weg und waren außerdem zu beschäftigt, um den Gesprächen der beiden Kolleginnen zu folgen.

„Wer und wie ist diese Joanne?“

„Ich kenne Joanne Connor vom Kegelclub. Sie ist in deinem Alter, 28, und ist eine ganz Liebe.“

„Ich bin 27“, korrigierte Lora der Richtigkeit wegen.

„Jedenfalls ist sie 28, Ronald ist etwa 30, das würde gut passen“, erzählte Susan weiter.

„Wie sieht sie aus?“, interessierte sich Lora.

„Fast wie du, genauso blaue Augen, volle Lippen, nur ihr schulterlanges Haar ist nicht blond, sondern braun. Dann ist sie auch etwas schlanker als du.“

„Dankeschön. Das mit dem Schlank hättest du getrost weglassen können. Das könnte zwischen den beiden echt was werden“, folgerte Lora zufrieden grinsend.

„Ich bin mir sicher, dass die beiden sehr gut zusammenpassen. Wir kennen ja Ronalds Geschmack“, erinnerte Susan mit einem schadenfrohen Lächeln.