Liebesglück in Mexiko

Kapitel 1
Ein fester Entschluss
Susanne hielt den Atem an, ihre Fingernägel krallten sich in das Papier der Wohnungskündigung, die sie in den Händen hielt.

„Dieser Mistkerl“, knurrte sie, spürte Wut in sich aufsteigen, wusste genau, wem sie diese Kündigung zu verdanken hatte. Nämlich ihrem Exfreund und Stalker Alexandro Perez, der alles daran setzte, ihr das Leben zu zerstören, seit sie ihn ein Jahr zuvor verlassen hatte.

Nur seinetwegen war sie damals von Deutschland Berlin nach Spanien Barcelona ausgewandert. Hätte sie gewusst, wie eifersüchtig er ist, dann hätte sie sich niemals mit ihm eingelassen.

Einige Monate zuvor hatte Alexandro es geschafft, dass sie aus der Schokoladenfabrik entlassen wurde, nun würde sie auch bald wieder wie früher auf der Straße sitzen, wenn sie keine andere Unterkunft finden würde. Denn eine 200 Euro-Wohnung wie diese, war nicht so leicht zu finden, war ihr klar und sie blickte sich in der dunklen, heruntergekommenen Einzimmerwohnung um.

„Nicht mit mir, Perez“, fauchte sie.

Mit einer Tasse löslichen Kaffee, setzte sie sich an ihren PC an den Wohnzimmertisch und suchte im Internet nach Mietangeboten. Mit 400 Euro Arbeitslosengeld im Monat und 2000 Euro Ersparnissen stellte sie keine großen Ansprüche. Dennoch suchte sie Stunde um Stunde nach Wohnung und Arbeit, vergeblich. Es war wie verhext, in ihrer Preisklasse schien es keine Mietangebote zu geben und die Arbeitswelt hatte sich anscheinend auch gegen sie verschworen.

Während die Hoffnung immer mehr schwand, tippte sie gelangweilt auf Spanisch „Wohnung und Arbeit“ in die Suchmaschine ein.

Auf einmal fiel ihr eine Annonce ins Auge. „Job als Haushälterin mit Unterkunft“, las sie den Artikel vor und klickte ihn an.

„Leben Sie in einem Haus in der Natur und arbeiten Sie für uns als Haushälterin“, las Susanne und konnte ihr Glück nicht fassen.

„Das ist es, das klingt sehr gut“, freute sie sich, erkannte jedoch schnell, dass die Sache einen Haken hatte. Denn die Anzeige stammte aus der Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez vom Bundesland Chiapa am Südzipfel Mexikos, was über 9.000 Kilometer von Spanien entfernt war.

Die Unterkunft sollte monatlich nur 500 mexikanische Pesos kosten, was etwa 29 Euro entspricht, und der Verdienst als Haushälterin läge bei 300 Euro, stellte Susanne nach der Umrechnung der Währung fest.

„Das ist in Mexiko sicher viel Geld“, dachte sie sich und spürte vor Aufregung ein Kribbeln in der Magengegend.

„Nein, das ist absurd“, schlug sie sich den Gedanken wieder aus dem Kopf, „was will ich in Mexiko?“

Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und überlegte, wie es nun weitergehen sollte.

Mit Schmerz erinnerte sich, wie sie einst in Deutschland in einer Notbehausung zwischen Pappschachteln und Sperrmüll in einer Ruine eines ausgedienten Lagerhauses wohnen musste. Von diesen negativen Gedanken getrieben, schaute sie rein interesshalber nach, was ein Einwegflugticket von Spanien nach Mexiko kosten würde, falls sie sich dazu entscheiden würde, was natürlich immer noch absurd war. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass ihre Ersparnisse hierfür reichen würden und sie sogar bis zur Stadt Tuxtla Gutiérrez fliegen könnte, aus der das Angebot stammte. Der Flug kostete 1800 Euro, sie hätte sogar noch 200 Euro übrig.

„Dort wäre ich auch vor Alexandros Stalk-Attacken sicher und könnte ein ganz neues Leben anfangen“, drängte es ihr in den Gedanken.

Ihr war klar, dass Alexandro immer weitermachen würde, solange sie in Barcelona bliebe. Er würde keine Ruhe geben, sie bei neuen Arbeitgebern und Vermietern schlecht reden, was er als Geschäftsmann sehr überzeugend konnte. Mit seiner seriösen Ausstrahlung wirkte er vertrauenserweckend und die Leute glaubten ihm alles, was er so von sich gab, selbst wenn es frei erfunden war, so wie die Gerüchte, die er über Susanne in die Welt gesetzt hatte. Zudem war er vermögend und genoss ein hohes Ansehen, was ihm noch mehr Glaubwürdigkeit einbrachte.

„Bis über die spanischen Landesgrenzen hinaus wird sein Einfluss nicht reichen“, war sich Susanne sicher.

Sie spürte eine innerliche Unruhe, sogar einen Nervenkitzel und Vorfreude auf die neue Perspektive, die ihr das Leben nun bot. Plötzlich überkam sie Angst. Angst davor, dass das günstige Haus und der Job schon vergeben sein könnten.

Sie klickte auf den Kontaktbutton und schrieb:

„Ich möchte unbedingt diese Arbeit als Haushälterin mit der Unterkunft haben! Susanne Weiß“

Nachdem sie die Nachricht versendet hatte, überlegte sie, ob sie es vielleicht besser hätte formulieren können. Damit die Chancen einer Zusage besser stehen, hatte sie bewusst nicht angegeben, dass sie in Spanien lebt und erst nach Mexiko auswandern müsste, um die Stelle anzutreten.

Beim Warten auf die Antwort, durchsuchte sie das Internet nach Bildern von Mexiko, um ihre zukünftige Heimat vorab schon einmal einschätzen zu können. Sie sah, dass der Zeitunterschied zwischen Barcelona und Mexiko minus 7 Stunden betrug.

Nervös schaute sie auf den Wecker. „Jetzt ist es fünf Uhr am Abend, dann ist es dort erst morgens zehn Uhr.“

Als sie ihr Emailpostfach öffnete, sah sie, dass bereits eine Nachricht eingetroffen war.

„Das ist mit Sicherheit eine Absage“, sagte sie sich, weil sie so schnell mit einer Rückantwort nicht gerechnet hatte.

Doch der Inhalt sagte etwas anderes: „Hallo Susanne, bist du verheiratet, hast du Kinder oder hast du einen Freund? Josefina.“

„Nein, ich bin 22 Jahre jung, ledig und frei, kann also völlig flexibel arbeiten“, schrieb Susanne zurück und war überglücklich, dass die Stelle noch nicht vergeben war.

„Gut, dann komm doch einfach mal vorbei und schau dir alles an!“, kam unmittelbar zurück.

„Das war klar“, sagte Susanne und schrieb zurück: „Sei mir bitte nicht böse, aber ich komme aus Barcelona und muss erst einen Flug buchen. Wenn du mir eine Zusage machen würdest, dann könnte ich sofort hier alles abbrechen und nach Mexiko kommen. Bitte, ich brauche die Arbeit und die Unterkunft sehr dringend!“

Wenige Sekunden später kam auch schon die Antwort: „Hallo Susanne, du scheinst sehr entschlossen. Normalerweise hätten wir unsere Haushälterin vor einer Zusage gerne gesprochen, aber ich mache eine Ausnahme. Du hast die Stelle! Sag mir dann, wann ich dich am Flughafen abholen kann.“

Susanne schrie vor Freude auf, buchte sofort ihren Flug über ein Internetportal, dann schrieb sie Josefina zurück: „Ich werde morgen früh in Barcelona abfliegen und werde 18 Stunden später um 23:11 Uhr Ortszeit in Mexiko Tuxtla Gutiérrez landen.“

„Ich freue mich schon sehr darauf, dich kennenzulernen und werde pünktlich da sein“, versprach Josefina in ihrem letzten Mail.

„Oh mein Gott, was mache ich da?“, fragte sich Susanne freudig erregt.

 

Unverzüglich suchte sie ihre Papiere zusammen, schrieb die Kündigung für den Telefonanschluss. Wasser, Strom und Müllgebühr waren in der Miete fürs Appartement inklusive und wurden vom Vermieter bezahlt, darum musste sie dafür nicht kündigen.

Schnell war ihr Koffer gepackt und der Laptop in der Tasche verstaut. Unter normalen Umständen hätte sie beim Vermieter angerufen, um ihm Bescheid zu sagen, dass sie Hals über Kopf die Wohnung verlässt. Aber weil er ihr einfach die Wohnung aufgrund von Alexandros Lügengeschichten gekündigt hatte, ohne vorher mit ihr persönlich darüber zu sprechen, kam es ihr sehr gelegen, einfach zu verschwinden ohne eine Nachricht zu hinterlassen. So würde Alexandro auch nicht erfahren, wo sie geblieben ist und damit würde seine Stalkerei endlich ein Ende finden.

Susanne lief den ganzen Tag unruhig in ihrer Wohnung hin und her und schaute immer wieder in Schränke und Schubladen, ob sie auch nichts vergessen hatte. Bald wurde es dunkel, die Nacht brach herein. Susanne legte sich auf ihre Klappcouch, aber fand keinen Schlaf, weil die Aufregung zu groß war. Schließlich saß sie bereits seit Stunden auf gepackten Koffern und es gab nichts, was sie in Spanien noch hätte halten können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
Kapitel 2
Bitterböse Enttäuschung
Am folgenden Morgen ließ sie die Wohnungsschlüssel an der Haustür stecken, fuhr mit dem Taxi durch Barcelona bei strahlendem Sonnenschein zum Flughafen. In der Wartehalle befanden sich bereits viele Touristen mit Kindern, und Geschäftsreisende, die sie an den Anzügen und Aktenkoffern erkannte. Susanne gab ihr Gepäck am Terminalschalter ab, zog sich noch einen Kaffee aus dem Automaten, beobachtete die Leute, bis sie nach einer Stunde endlich einchecken durfte.

 

Wenig später kam sie endlich ins Flugzeug und setzte sich auf ihren Platz am Fenster. Amüsiert beobachtete sie, wie die Familien ihre Plätze einnahmen, wie die Kinder schon anfingen sich zu langweilen, unruhig auf ihren Sitzen hin und her rutschten, noch bevor das Flugzeug überhaupt gestartet war. Sie sah aus dem Fenster, eine dichte Wolkendecke hatte den Himmel zugezogen, was das Flughafengelände bedrohlich verdunkelte. Entspannt lehnte sie ihren Kopf an die Scheibe, betrachtete ihr langes blondgelocktes Haar und ihre leuchtend blauen Augen im Spiegelbild. Mit ungutem Gefühl drückte sie beide Daumen, dass das Flugzeug die Starterlaubnis erhält und sich der Flug nicht wegen schlechten Wetters verzögern sollte. Was würde sie machen, wenn sie Verspätung hätte und diese Josefina nicht am Flughafen in Mexiko erscheinen würde? Dieser Gedanke beängstigte sie sehr. Sie hatte kein Rückflugticket und auch kein Geld eines zu kaufen. Würde Josefina nicht kommen, dann würde Susanne in Mexiko festsitzen und wäre verloren.

Nach weiteren 20 Minuten rollte das Flugzeug zur Startbahn. Susanne war froh, dass der Sitz neben ihr noch frei war, denn so hatte sie mehr Platz als die anderen Reisenden und konnte es sich richtig bequem machen.

Kurze Zeit später befanden sie sich in 11 Kilometern Höhe. Weit über den Wolken schien die Sonne, und der Himmel war herrlich blau. Die Wolken sahen von oben aus wie Wattebällchen. Susanne stellte sich vor, wie sie aus dem Flieger springt und die flauschigen Wolken sie auffangen würden.

Nach fast zwei Stunden landeten sie in Madrid. Die Wartezeit von einer Stunde und vierzig Minuten vertrieb sich Susanne mit Zeitschriften und Beobachtungen der Leute, welche ein- und ausstiegen.

Endlich wurde das Brummen der Maschinen lauter, das Flugzeug rollte zur Startbahn und startete mit lautem Getöse durch, erhob sich wie ein Vogel durch die Wolken.

Die Stunden verrannen, Susanne versuchte zu schlafen, konzentrierte sich auf das gleichmäßige Rauschen der Turbinen, lauschte auf ihren Atem.

Verträumt sah sie aus dem Fenster hinunter auf die Wolkendecke, auf einmal fing alles an zu vibrieren, dann zu schaukeln. Kinder und Frauen schrien auf und klammerten sich aneinander.

Ein Mann, der hinter ihr saß, stand auf und schrie: „Wir stürzen ab und werden alle sterben!“

Plötzlich fühlte sich Susanne schwerelos, sie schaute aus dem Fenster und sah, wie sie durch die Wolkendecke rasten. Sie war wie gelähmt, konnte sich weder bewegen noch konnte sie schreien.

„Wir stürzen ab und werden alle sterben!“, schrie der Mann erneut.

Susanne schaute wieder hinaus, sah über sich die dunklen Wolken, unter sich das wild tosende Meer, das mit enormer Geschwindigkeit immer schneller auf sie zuraste. Koffer, Taschen und Zeitschriften flogen umher, knallten an die Sitze, Wände und Decke.

Bevor die Maschine auf das Wasser aufschlug, wiederholte der Mann schreiend: „Wir stürzen ab und werden alle sterben!“

Doch dann hörte Susanne eine Frauenstimme, die sehr beruhigend klang: „Wir stürzen nicht ab, beruhigen Sie sich und nehmen Sie bitte diese Tablette!“

Schweißgebadet öffnete Susanne die Augen, drehte sich um und sah, dass in der Sitzreihe hinter ihr ein Mann von einer Ärztin betreut wurde. Alle Leute starrten zu den beiden hin.

„Es war nur ein Traum“, sagte Susanne erleichtert, schaute aus dem Fenster und sah die Sterne am bereits schwarzen Nachthimmel funkeln.

Alles war friedlich und normal. Der Mann mit der Flugangst schlief einige Minuten danach ein. Die Crew verteilte Getränke und Kopfhörer, dann starteten sie einen Film, den man im Monitor des Vordersitzes sehen konnte.

Viele Stunden später, landeten sie in der Hauptstadt Mexiko City im Bundesland Distrito Federal.

 

Nach zwei Stunden und vierzig Minuten Aufenthalt startete das Flugzeug zum südöstlichen Bundesstaat Chiapas zur Bundeshauptstadt Tuxtla Gutiérrez.

Susanne bekam Bedenken, ob das Klima von 24 bis 33 Grad für sie überhaupt das Richtige sei. So sehr sie sich beim Blick aus dem Fenster auch bemühte etwas von der Landschaft zu sehen, in der Dunkelheit konnte sie nichts erkennen.

Schließlich landeten sie wenig später in Tuxtla Gutiérrez. Susanne lief durchs Terminal, ging durch die passabel aussehende Halle, deren Boden mit glänzenden, weißen Steinfliesen gekachelt war, und folgte der Menschenschlange zur Gepäckentnahme.

 

Zwanzig Minuten später verließ sie mit ihrem Koffer das Gebäude. Sofort kam eine schlanke, dunkelhäutige Frau mit hübschem, rundem Gesicht, schwarzen Augen und vollen Lippen auf sie zugelaufen. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr fast bis ans Gesäß reichte. Sie trug ein leuchtend rotes Top, dazu einen knielangen Baumwollrock in leuchtendem Grün.

„Susanne?“, fragte sie lächelnd.

Susanne nickte. „Josefina?“

„Ja, herzlich willkommen“, antwortete die Frau, umarmte Susanne herzlich und gab ihr einen Kuss auf beide Wangen, was Susanne schon von Barcelona bei privaten Treffen gewohnt war.

„Du bist keine Spanierin, oder?“, fragte Josefina, schaute in Susannes blaue Augen und betrachtete ihr langes blondes Haar.

„Ich komme ursprünglich aus Deutschland“, klärte Susanne auf.

„Man hört es ein bisschen an deinem Dialekt, aber sonst ist dein Spanisch sehr gut“, lobte Josefina ihre zukünftige Haushälterin.

„Ja, mein Spanisch ist recht gut, aber ich muss zugeben, dass mir der mexikanische Dialekt einige Schwierigkeiten bereitet“, offenbarte Susanne.

„Das wird schon“, beruhigte Josefina, nahm Susanne den Koffer aus der Hand und zeigte zum Parkplatz, „da vorne steht mein Auto.“

Susanne folgte Josefina zum Wagen und stieg ein, während Josefina das Gepäck im Kofferraum verstaute.

Erst fuhren sie einige Minuten durch die Stadt, dann fuhren sie aufs Land hinaus in die Dunkelheit.

Susanne schaute aus dem Wagenfenster. „Wo fahren wir hin? Das sieht hier aus wie in einem Urwald. Befindet sich das Haus nicht in der Stadt?“

„Nein, es liegt in der Nähe der 70.000 Einwohnersiedlung Villa Corzo. Genauer gesagt, es liegt in San Miguel in den Bergen.“

„In den Bergen, klingt gut, da bin ich echt mal gespannt auf mein neues Zuhause“, sagte Susanne voller Vorfreude.

„Tuxtla Gutiérrez liegt zwar weit über dem Meeresspiegel, aber San Miguel liegt noch höher. Um dort hinzukommen, müssen wir leider Berge mit über 850 Metern Höhe überwinden und darum werden wir ungefähr zwei Stunden brauchen“, erklärte Josefina.

„Werde ich für d i c h arbeiten?“, wollte Susanne wissen.

„Mein Bruder betreibt die Kaffeeplantage meiner Eltern, die wir einst geerbt hatten. Mein Mann und ich, sind ihm momentan noch behilflich. Du wirst auf der Plantage im Haushalt beschäftigt sein“, erklärte Josefina und steuerte den Wagen über die Straße durch den dunklen Wald.

„Klingt interessant, was genau werde ich als Haushälterin machen?“

„Du reinigst die Häuser unserer Erntehelfer und das Haus meines Bruders Adriano, außerdem wirst du auch das Essen für alle zubereiten.“

„Von wie vielen Leuten sprechen wir hier?“, fragte Susanne verunsichert.

„Zehn Erwachsene und drei Kinder“, antwortete Josefina.

Susanne atmete auf. „Ich freue mich schon auf meinen neuen Arbeitsplatz.“

Später fuhren sie durch eine Stadt.

„Das ist Valle Corzo“, erklärte Josefina.

Nach zwei Stunden durchfuhren sie eine Kleinstadt.

„Ist das dieses San Miguel?“, wollte Susanne wissen.

„Ja, aber wir wohnen etwas Außerhalb.“

„Wie viel Außerhalb?“

„Nur vier Kilometer“, erklärte Josefina und bog in einen sandigen Weg ein, der sich dann holpernd über vier Kilometer durch den Wald dahinzog und die beiden kräftig durchschüttelte.

Vor einem gelben Bungalow parkte Josefina den Wagen. „Das ist dein Haus“, sagte sie feierlich.

In einer unbefestigten sandigen Waldlichtung, standen einige Bretterhütten und der Bungalow. Der Platz wurde erhellt durch die Petroleumlampen, die vor jeder Hütte hingen. Susanne zog sich vor Entsetzen der Magen zusammen.

„Was sind das für Hütten?“

„Die Erntehelfer und mein Mann und ich, wir wohnen in diesen Holzhütten“, antwortete Josefina lächelnd.

„Oh mein Gott, das ist eine Bretterhüttensiedlung mitten im Wald. Unter einem Haus hatte ich mir etwas anderes vorgestellt“, sagte Susanne enttäuscht, worauf Josefinas Augen groß wurden.

„Tut mir leid, ich hätte es dir vielleicht sagen müssen. Für uns ist das aber hier in den Bergen ganz normal und ich dachte nicht daran, dass es dir nicht gefallen könnte“, entschuldigte sich Josefina.

„Ich wollte euch nicht beleidigen, aber ich bin von Europa etwas anderes gewöhnt. Es ist trotzdem hübsch“, log Susanne, um den Respekt gegenüber ihrer Gastgeberin und zukünftigen Arbeitgeberin zu wahren.

Josefina stieg aus dem Wagen, nahm Susannes Koffer heraus und ging mit ihr in den Bungalow. Dort zündete sie eine Petroleumlampe an, und führte sie damit durch die Räume. Alles war ganz einfach eingerichtet, in der Küche befand sich zum Kochen nur ein Holzofen.

„Die Toilette befindet sich da vorne“, erklärte Josefina und zeigte aus dem Fenster auf eine kleine Hütte.

„Benutzt die jeder hier?“, wollte Susanne wissen.

„Ja, natürlich? Habt ihr in Europa etwa alle eine eigene Toilette?“

Susanne nickte. „Zumindest hat jede Wohnung ein eigenes Badezimmer.“

„Das können wir hier leider nicht bieten, weil unsere Toiletten über einer Sickergrube gebaut sein müssen“, bedauerte Josefina.

Susanne runzelte die Stirn. „Ich hätte mir denken können, dass man hier über keine Infrastruktur verfügt.“

Josefina kniff die Lippen zusammen. „Die anderen schlafen alle schon, nur Adriano ist noch unterwegs und kommt später nach Hause, du wirst ihn morgen früh kennenlernen.“

„Ich kann es kaum erwarten“, sagte Susanne ironisch.

„Soll ich dir einen Kaffee machen?“, bot Josefina an.

„Danke, ich bin aber Todmüde und gehe jetzt zu Bett“, lehnte Susanne ab, wobei ihr Tonfall sich wieder besänftigte, „morgen früh sieht alles vielleicht ganz anders aus.“

„Du kannst das kleine Zimmer nehmen“, erklärte Josefina, „das Frühstück findet morgen früh vor der Kochhütte statt, ich wünsche eine gute Nacht.“

„Warum sollte ich das kleine Zimmer nehmen, wo ich doch ein großes Schlafzimmer habe?“, wunderte sich Susanne.

„Im großen Zimmer schläft Adriano, es ist s e i n Haus“, erklärte Josefina verlegen lächelnd.

„Wie bitte? Ich muss mir das Haus mit deinem Bruder teilen?“, fragte Susanne empört.

„Er ist ein guter…“

„Das kann doch nur ein Albtraum sein“, unterbrach Susanne wütend, „er wollte mit diesem Mietangebot wohl eine Frau in sein Haus locken?!“

Josefina wurde rot, legte beruhigend ihre Hand auf Susannes Schulter. „Ich kann dir alles erklären…“

„Du musst mir gar nichts erklären, ich hätte es mir denken können“, wurde Susanne laut und stieß Josefinas Hand weg, „dein Bruder ist ein Versager, findet keine Frau und wollte es auf diese Art versuchen!“

„Beruhige dich doch erst einmal“, flehte Josefina.

„Lass mich alleine, bevor ich noch etwas tue, was ich später bereuen werde“, knurrte Susanne.

Josefina zitterte vor Angst. „Wir reden morgen darüber, wenn du dich beruhigt hast. Ich kann dir alles erklären, es ist nicht so, wie du vielleicht denkst.“

Gefolgt von Susannes bösen Blicken verließ sie verängstigt das Haus, verschwand nebenan in ihrer Hütte.

Susanne war außer sich vor Wut, verließ das Haus und lief mit ihrem Koffer in den Wald.

„Wie konnte ich nur so dumm sein?“, warf sie sich vor.

Sie war zwar nicht verwöhnt, aber das war wirklich der größte Betrug, den sie je erlebt hatte. Schließlich hatte die Annonce ein ganz anderes Bild vermittelt und dann auch noch diese Sache mit diesem Adriano, der mit ihr unter einem Dach wohnen sollte. Susanne fühlte sich betrogen, wollte nur noch schnell weg von hier.

Es war sehr finster, der weiche Waldboden erschwerte ihre Schritte, der Koffer schien immer schwerer zu werden. Unter normalen Umständen wäre der Weg eine Qual gewesen. Susanne aber war so böse, dass sie froh war, sich dabei abreagieren zu können. Selbst die Geräusche der Nachttiere des Waldes konnten ihr keine Furcht einflößen. Nach vier Kilometern durch den dunklen Wald kam sie in San Miguel an. Hier sah alles zivilisiert und sehr gepflegt aus. Viele Touristen waren unterwegs, die Straßencafés und Restaurants waren brechend voll. Auf den Straßen herrschte reger Autoverkehr. Hinter vielen Fenstern brannte noch Licht, auf den Balkonen saßen Leute, unterhielten sich oder grillten sogar noch.

Susanne lief auf dem Gehweg entlang, fand kurz vor 3 Uhr in der Nacht ein Hotel, in das sie unverzüglich hineinging.

„Guten Morgen, haben Sie noch ein Zimmer frei?“

„Ja“, antwortete der Mann an der Rezeption.

„Geben Sie mir bitte ein Einzelzimmer“, forderte Susanne.

Nach dem Bezahlen, bekam sie den Zimmerschlüssel.

„Dankeschön, gibt es eigentlich um diese Zeit noch etwas zum Essen?“, wollte Susanne wissen.

„Da vorne am Automat können Sie sich belegte Brötchen ziehen“, erklärte der Mann, „Sie können aber auch in die Stadt gehen, da gibt es jede Menge Restaurants, die noch geöffnet haben.“

„Danke“, sagte Susanne, ging zum Automat, zog sich ein Schinkenbrötchen, eine Flasche Zitronenlimonade und ging damit auf ihr Zimmer.

Zufrieden blickte sie in das schlichte Schlafzimmer, das mit einem Sessel und einem kleinen Tisch ausgestattet war. Vom Fenster aus konnte sie auf die belebte Hauptstraße blicken. Zuerst ging sie in das kleine Badezimmer und duschte. Anschließend setzte sie sich in den Sessel, aß sie ihr Brötchen und trank dazu die süße kühle Limonade.

Ihre Gedanken kreisten um Adriano, den sie zwar nicht kannte, aber von dem sie sich ein klares negatives Bild geschaffen hatte.

„Ich kann es nicht glauben“, sagte sie immer noch zornig, „ich bin tatsächlich auf so einen Mistkerl hereingefallen! Dieser Schuft!“

Sie erinnerte sich, in der Hoteleingangshalle einen Computer mit Münzeinwurf gesehen zu haben. Spontan ging sie nach unten, setzte sich an den PC, warf eine Münze ein und suchte im Internet nach einer Anzeige von Adriano, die ihre Vermutung, dass er eine Frau sucht, bestätigen würde.

Sie klickte auf die Bildanzeige der Suchmaschine und gab „busco mujer“ ein, was auf Deutsch „suche Frau“ heißt.

Geschockt sah sie die vielen Bilder, auf denen sich die Männer präsentierten. Es war zwar mehr als genug auf den Fotos zu sehen, aber keine Gesichter. Susanne klickte die Bilder schnell wieder weg, bevor der Rezeptionist noch sehen würde, was sie sich da angesehen hatte. Müde ging sie wieder in ihr Zimmer zurück, legte sich ins Bett und schlief kurze Zeit später ein.