Liebe durch Zufall

Prolog
Die 9-jährige Lara saß am Küchentisch und weinte.
Kathrin Smith saß gegenüber und hielt ihrer Tochter die Hand. "Lara! Sei doch vernünftig!"
"Ich muss immer vernünftig sein, Mom. Du weißt doch, wie ungern ich in Kisley gelebt habe", jammerte Lara vorwurfsvoll.
"Ja, du hattest viele Probleme mit den anderen Kindern dort", bestätigte Kathrin und strich Lara die blonden Strähnen aus dem Gesicht.

"Das sind alles Hinterwäldler. Ich will da nicht mehr hin", schluchzte Lara.
"Wir können es uns leider nicht aussuchen. Heutzutage muss man nehmen, was kommt, und man muss flexibel sein. Außerdem bin ich mit 38 nicht mehr die Jüngste, dadurch wird es für mich auf dem Arbeitsmarkt nicht leichter", erklärte Kathrin ihrer Tochter.
"Warum können wir nicht einfach hierbleiben?"
"Ich sagte dir doch bereits, dass die Kneipe, in der ich gearbeitet habe, geschlossen hat. Hier gibt es keinen Job mehr für mich."
"Warum kannst du nicht, wie viele andere Mütter zu Hause bleiben und dir einen Mann suchen, der genug Geld verdient?"
„Als wenn das so einfach wäre?!", brummte Kathrin.
„Ich wünsche mir endlich einen Vater“, klagte Lara und schaute ihre Mutter fordernd an.
Auf Kathrins Miene spiegelte sich Ironie. „Ich sage dir Bescheid, wenn sich einer bei mir meldet! Und jetzt packen wir unsere Sachen zusammen, damit wir gehen können! Der Zug wartet nicht auf uns.“
Kathrin ging mit ihrer Tochter in das kleine Schlafzimmer, das am Küchenwohnraum angrenzte. Es war eine sehr kleine Wohnung, und die Wände schienen dünn wie Zeitungspapier zu sein. Denn aus den Nachbarwohnungen konnte man Gemurmel und Geräusche von allen Seiten hören. Widerwillig versuchte Lara, den Kleiderschrank zu öffnen.
„Lass mich das machen!“, bat Kathrin und stemmte sich mit dem Fuß dagegen, um die klemmende Schiebetür des Einbauschrankes zu öffnen.
Etwa zehn Minuten später hatten sie ihre wenige Sachen in die verschlissenen Koffer gepackt. Weil die Schnallen an Laras Koffer beschädigt waren, mussten sie ihn mit einem Gürtel zusammenschnüren.
 „Wir können froh sein, diese Koffer zu haben“, bemerkte Kathrin, als sie Laras traurige Miene bemerkte. „Auch wenn sie bereits alt sind, sie erfüllen ihren Zweck.“
Lara nickte. „Mom, ich habe jetzt schon Angst, wenn wir wieder in Kisley wohnen. Du bist den ganzen Tag arbeiten und ich sitze jeden Tag nach der Schule in der Wohnung, weil ich Angst habe, von den anderen Kindern geärgert zu werden“, klagte Lara ihr Leid.
Laras Befürchtungen waren nicht unbegründet, denn so war es damals in Kisley. Weil die Smiths wenig Geld hatten, wurden sie wie Aussätzige behandelt. Manche Menschen hatten Mitleid und schenkten ihnen aufgetragene Kleidung und andere versuchten, sie zu meiden. Kinder riefen ihnen hinterher, sie würden stinken, was natürlich nicht stimmte. Sie sahen zwar ungepflegt aus, aber sie stanken nicht.
Kathrin rügte ihre Tochter: „Du machst es mir nur noch schwerer mit deinen Bemerkungen! Dort geht es uns besser, wir haben in der neuen Wohnung sogar ein Wohnzimmer.“
„Na toll, was sollen wir mit einem Wohnzimmer, wenn wir keinen Fernseher haben?“, erwiderte Lara abfällig.
Kathrin war am Ende und fing an zu weinen. „Immer hast du nur zu nörgeln! Meinst du, mir macht es Spaß, immer nur zu schuften und in den verwahrlosten Absteigen zu hausen?“
Lara entschuldigte sich und nahm ihre Mutter in die Arme. „Mom, es tut mir leid. Ich habe es nicht so gemeint.“

Wenig später saßen Kathrin und ihre Tochter mit ihren Koffern am Zugbahnhof und warteten auf den Zug nach Kisley. Kathrin trug einen schmutzigen, roten Pullover, beige Hosen mit Schmutzflecken und durchlöcherte Turnschuhe. Ihr braun gelocktes, langes Haar sah ungepflegt aus. Lara trug ein dickes grünes Wollkleid, eine rote Strumpfhose mit Löchern in den Knien und rote, abgestoßene, löchrige Lackschuhe. Ihr schulterlanges, blond gelocktes Haar sah ebenfalls ungepflegt aus. Vorbeilaufende Passanten musterten die beiden Damen mit ihren vergammelten Koffern und warfen ihnen mitleidige Blicke zu.
* * *

Der 42-jährige Jonny Parker saß voller Vorfreude im Hubschrauber und sah nach unten in den schneebedeckten Wald. Wie sehr hatte er sich diesen Urlaub verdient. Jonny war etwa 185 cm groß, muskulös, hatte dunkelbraunes Haar, braune Augen und war ein sehr attraktiver Mann. Trotzdem war er immer noch ledig, weil er nie die Zeit für eine richtige Beziehung fand. Als Besitzer einer Holzverarbeitungsfirma war er ständig unterwegs, was seine bisherigen Beziehungsversuche scheitern ließ, obwohl er reich war. Ein Mal im Jahr gönnte er sich diesen Urlaub in den Bergen in seiner abgelegenen Hütte, um auszuspannen und Ski zu fahren.
Auf einer schneebedeckten Waldlichtung schwebte der Hubschrauber nieder. Jonny stieg aus, nahm sein Gepäck und kämpfte sich durch den Schneesturm, den die Rotoren verursachten. Der Helikopter hob wieder ab und verschwand über die Berge. Jonny stapfte an den Waldrand zu einer Blockhütte. Er brachte Koffer und Skiausrüstung hinein und stellte sie im Flur ab. Zuerst öffnete er alle Fenster, ging nach draußen und holte Holz, das unter dem Vordach der Hütte aufgestapelt war. Danach heizte schließlich die Öfen ein. Später schloss er die Fenster und räumte seine Sachen in die Schränke ein. Als Verpflegung hatte er jede Menge Konserven, Nudeln und Reis mitgebracht. Falls er noch etwas benötigen sollte, war der nächste Ort nur drei Meilen entfernt und schnell mit seinen Skiern erreichbar.
Jonny kochte sich erst einmal einen Kaffee, ließ sich im Wohnzimmer auf der braunen Ledercouch nieder und vertiefte sich in einem Buch. Später, so hatte er geplant, wollte er noch mit den Skiern die Berge hinunterfahren und anschließend eine schöne Wanderung zurück zum Blockhaus unternehmen.
* * *

Kathrin und Lara saßen auf der Bank am Zugbahnhof und starrten auf die große Uhr. Es waren nur noch zwanzig Minuten, bis der Zug ankommen sollte.
Lara wurde unruhig. „Mom, ich muss mal!“
Kathrin hob genervt die Augenbrauen. „Hättest du das nicht zu Hause noch machen können? Ok, beeil dich bitte!“
Lara eilte die Treppe hinab in Richtung Bahnhofstoilette. „Ich gehe nicht wieder nach Kisley!“, brummte sie und war in diesem Moment zu allem entschlossen.
Hastig durchquerte sie die Unterführung und rannte auf der anderen Seite die Stufen wieder hinauf. Sie mischte sich unter die Fahrgäste, die gerade in einen Zug stiegen und konnte unbemerkt mit einsteigen. Nachdem sie einige Male im Gang hin und her gelaufen war, setzte sie sich in ein leeres Zugabteil. Wenig später fuhr der Zug los in Richtung Mountenhill, was genau entgegengesetzt von Kisley lag.
Nach etwa zehn Minuten wurde Kathrin unruhig und begab sich nach unten zu den Toiletten, um nach Lara zu suchen. Sie entdeckte eine verschlossene Toilettenkabine. „Mach schon, Lara. Der Zug kommt gleich!“
 „Entschuldigung?“, drang eine Frauenstimme aus der Kabine.
Kathrin erschrak und öffnete alle Kabinentüren, bis auf die Verschlossene.
„Oh mein Gott, Lara!“, rief sie entsetzt und rannte durch die Unterführung, zu den anderen Abfahrtsstationen.
Hilflos blickte sie über die zwölf verschiedenen Haltestellen.

 

Kapitel 1

Nur 20 Minuten danach kam Kathrin ins Polizeibüro, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben.
„Wir können erst etwas unternehmen, wenn sich ihre Tochter in 24 Stunden nicht bei Ihnen gemeldet hat, M‘am“, bedauerte der Polizeibeamte.
Kathrins Augen wurden feucht. Sie sorgte sich sehr um ihre Tochter und hatte das Bedürfnis irgendetwas unternehmen zu müssen. „Wir wollten gerade nach Kisley umziehen und …“
„Gehen Sie in 24 Stunden in Kisley noch einmal zur Polizei und machen Sie dort eine Vermisstenanzeige“, unterbrach der Polizist.
„Aber meine Tochter ist …?“
Der Beamte unterbrach erneut: „Wenn es so ist, wie Sie es geschildert haben, und Ihre Tochter gegen den Umzug war, ist Sie einfach nur weggelaufen.“
Entnervt verließ Kathrin das Büro und kehrte wieder zum Zugbahnhof zurück, wo sie später den Zug nach Kisley nahm. In Kisley angekommen, meldete sich in der Kneipe bei ihrem neuen Arbeitgeber, der sie zu der neuen Wohnung brachte.
„Bis heute Abend, Miss Smith“, verabschiedete er sich bei ihr.
Auch diese Wohnung lag zwischen anderen Wohnungen, die alle in einem erbärmlichen Zustand waren. Gleich hinter der Eingangstür befand sich das Wohnzimmer, dessen Wände wie in der ganzen Wohnung mit einer vergilbten, bräunlichen Tapete überzogen waren. An der Wand des Wohnzimmers stand eine zerrissene, durchgesessene Stoffcouch, daneben ein ebensolcher Sessel, und davor ein zerkratzter Wohnzimmertisch. An der anderen Wand stand ein brauner, zerkratzter Schrank, dessen Türen schief angebracht waren, was fingerbreite Spalten zwischen Schranktür und Schrank verursachte. Der Boden bestand aus löchrigem PVC-Belag. Im selben Zustand wie der Schrank im Wohnzimmer waren auch die Küchenschränke, mit dem Unterschied, dass auf dem hellbraunen Holz, Schmutz- und Fettflecken zu sehen waren. Die Beschichtung der Arbeitsplatte des Küchenschrankes war abgeplatzt und rissig. Das Schlafzimmer war im selben maroden Zustand. Die Farbe des Teppichbodens konnte man nicht richtig zuordnen. Es war ein schmutziges Grün oder Braun. Im Badezimmer waren nur eine Dusche und ein Waschbecken mit unzähligen Schlagstellen und braunen Schmutzrändern. Wo Handtuchhaken befestigt sein müssten, waren nur tiefe Löcher in der Wand. Der Duschvorhang hatte Stockflecken und die Decke über der Dusche war schimmelig, genau wie die Fugen in den gesprungenen Fliesen, an denen teilweise auch die Lasur abgeplatzt war.
Was anderes hatte Kathrin eigentlich nicht erwartet. Sie war schon damit zufrieden, in dieser Wohnung ein Zimmer mehr als in der alten Wohnung zur Verfügung zu haben.
„Den Schmutz kann ich beseitigen und an den Zustand kann man sich gewöhnen. Wir hatten schon schlimmere Wohnungen gehabt“, dachte sie.
Schließlich ging sie zur Polizei von Kisley und gab dort noch mal ihre Vermisstenanzeige auf. Anschließend putzte sie die Wohnung, bevor sie abends zur Arbeit in die Kneipe ging.
* * *

Als Lara aufwachte, vernahm sie das Geräusch der Tür des Nachbarabteils des Zuges. Vorsichtig spähte sie durch die Scheibe und sah den Schaffner, der die Fahrkarten kontrollierte.
„Ich bin geliefert“, dachte sie und konnte ihr Herz schlagen hören. „Wenn der mich ohne Fahrkarte erwischt, wird er mich zur Polizei bringen und ich muss doch nach Kisley.“
Lara hielt den Atem an, versteifte sich und überlegte krampfhaft. Entschlossen rannte sie zur Zugtoilette und schloss sich darin ein. Sie kniete sich auf den Boden, kniff die Augen zusammen und murmelte: „Bitte bitte, ich will nicht nach Kisley.“
Plötzlich hörte sie ein quietschendes Geräusch und spürte das Vibrieren des Zuges. Entzückt schaute sie auf. „Er hat angehalten.“
Diese Chance musste sie nutzen. Hurtig kam sie aus der Toilettenkabine, verließ den Zug und stand alleine an einer abgelegenen Haltestelle, inmitten einer schneebedeckten, bergigen Landschaft. Verunsichert sah sie dem Zug hinterher, als er weiterfuhr. So weit sie blicken konnte, nur schneebedeckte Wiesen und Wald.
„Wo bin ich hier gelandet? Es ist so kalt hier?!“, dachte sie und lief ziellos über die Wiesen.
Es war sehr still, selbst das Rauschen des Windes in den Baumkronen, wurde vom Schnee gedämpft. Die weißen Schneemassen, reflektierten die Sonnenstrahlen und ließen sie noch greller wirken. Dennoch war es so kalt, dass man den Atem sehen konnte. Die Kälte verursachte bei Lara einen trockenen Mund, kalte Ohren und eine kalte Nasenspitze. Schnell drang das kalte Nass durch ihre verschlissenen Schuhe und nässte ihre Füße. Bald begann Lara vor Kälte zu zittern und ihre Lippen färbten sich blau.
 „Was mache ich hier eigentlich? Wo soll ich nur hingehen? Wäre ich doch nur bei Mom geblieben. Nein! Alles ist besser als wieder zurück nach Kisley zu ziehen“, kämpfte sie in ihren Gedanken und war bereit, alles in Kauf zu nehmen, nur um nicht wieder zurück nach Kisley zu müssen. Einige beschwerlich Meilen weiter setzte sich zusammengekauert neben einen Baum und nickte kurz ein.
Als sie wieder erwachte, war sie völlig durchfroren und ihr Haar war mit Schnee bedeckt. Dichte Wolken hatten die Sonne verhangen und es hatte zu allem Übel auch noch angefangen zu schneien. Dicke Flocken tanzten und wirbelten durch die Luft und fielen wie kleine Sternschnuppen zu Boden. Lara raffte sich wieder auf und lief weiter. Bis zu den Knöcheln versank sie im Schnee und jeder Schritt war für sie ein Kraftakt.
Nach einigen weitern Meilen kam sie an eine Lichtung und entdeckte ein Blockhaus. Daneben befand sich ein kleiner Schuppen in Größe einer Telefonzelle. Erleichtert atmete sie auf, als sie die Tür des Schuppens öffnete und ihr eine wohlige Wärme entgegenkam. Es roch nach Holz und Benzin.
In der Mitte stand ein brummender Stromgenerator, der eine wohltuende Wärme abstrahlte. Lara betrat den Schuppen und schloss die Tür. Sie kniete sich in die Ecke, um sich aufzuwärmen. Ihr Magen knurrte und schmerzte vor Hunger, und sie fühlte sich sehr schwach.
 „Alles ist besser als Kisley. Bestimmt wird sich alles zum Guten wenden“, dachte sie, um sich zu trösten.
Nach einer Weile hatte sie sich aufgewärmt und ihre Kleidung war trocken. Ihr Hunger war auch wieder verflogen, wie so oft in ihrem Leben. Durch die Nässe war ihr Haar strähnig und trocken geworden. Das monotone Brummen der Maschine, und die wohlige Wärme, machten sie unglaublich müde. Immer wieder fielen ihre Augen zu, die sie krampfhaft versuchte, offenzuhalten. Erschöpfung und Müdigkeit siegten und Lara schlief ein.