Liebe über Grenzen

Die Anreise
Emilia starrte aus dem Wagenfenster während das Taxi von Calgary in Richtung des Skigebiets Banff fuhr. Warum hatte sie sich nur überreden lassen ihn zu begleiten? Ihr Blick wanderte zur Seite, wo ihr Freund Harold saß. Sie hätte sich denken können, dass diese Reise nach Kanada nur wieder in einem Streit endet. Immer wenn Harold im Stress war, sagte er unüberlegte und verletzende Dinge zu ihr, so wie gerade vorhin, als sie aus dem Flugzeug stiegen: „Achte bitte darauf, etwas Dunkles zu tragen, wenn wir auf die Feier gehen.

Du weißt, helle Kleidung ist bei deiner Figur unangebracht.“

Jedesmal hatte er etwas an Emilia auszusetzen. Warum war er überhaupt mit ihr zusammen, wenn er sich so für sie schämte? Sie wäre zu mollig, ihr Haar könnte eine Pflegespülung vertragen, sie war zu klein, sollte deshalb immer hohe Schuhe tragen, Harold fiel immer etwas anderes an Emilia auf, was ihm nicht passte. Jetzt war der Punkt erreicht, an dem Emilia keine Lust mehr darauf hatte und mit ihrer Geduld am Ende war. Warum wollte er sie überhaupt auf diese Betriebsfeier mitnehmen, wenn sie ihm so peinlich war? Seit 20 Minuten redete sie kein Wort mehr mit ihm. Die Stimmung war angespannt und Emilia hatte die Nase gestrichen voll.

„Diese Beziehung hat keine Zukunft“, wurde ihr bewusst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich einen Büroleiter anzulachen?

Vor zwei Jahren hatte alles so romantisch angefangen. Emilia war Konditorin in der Bäckerei ihres Vaters. Eine Lieferung klumpiger Mehlmischung war der Auslöser, dass sie bei Watsonmix, dem Herstellerbetrieb für Backmischungen, anrief und sich über die Lieferung beschwerte. Der Abteilungsleiter von Watsonmix kam höchstpersönlich in der Bäckerei vorbei, um das Problem in Augenschein zu nehmen. Die Lieferung wurde ersetzt und Harold lud Emilia als kleine Wiedergutmachung zum Kaffee ein. Es war so romantisch, so unwirklich und alles ging so schnell. Harold war seinerzeit ein richtiger Gentleman und wusste Emilia gekonnt zu verführen.

Leider hatten seine Bemühungen, ihr zu gefallen, mit der Zeit immer mehr nachgelassen. Man könnte fast sogar sagen, sie sind ins Gegenteil umgeschlagen. Besonders als sie vier Monate vor dieser Reise bei ihrem Vater gekündigt hatte, weil sie sich nicht mehr mit ihm verstand. Harold hatte ihr diesbezüglich unendlich viele Vorhaltungen gemacht.

Emilia machte sich inzwischen Vorwürfe, sich nicht einen Mann gesucht zu haben, der aus ihrem Bildungsstand kommt. Sicher hätte sie mit einem Bäcker oder Konditor viel mehr Spaß gehabt als mit einem schnöden verklemmten Abteilungsleiter, der nur seine Karriere und seinen guten Ruf im Kopf hatte und ganz andere Interessen pflegte als sie. Emilia trug gerne Bluejeans, was sie aber nicht durfte, denn Harold verlangte immer, sie soll hübsche Kleidchen tragen, damit sie salonfähig, bzw. vorzeigbar ist. Dass sie sich darin wie verkleidet und nicht sich selbst fühlte, sondern wie ein Clown in einem Kostüm, das interessierte ihn nicht und das stand nicht zur Debatte.

Emilia war der Meinung, sie würden auch optisch gar nicht zusammen passen. Harold war groß, hatte mittelbraunes, kurzes Haar und grüne Augen. Emilia war einen Kopf kleiner als er. Mit ihrer molligen Figur, ihrem roten Haar, ihren braunen Augen und ihrem sommersprossigen Gesicht, kam sie sich neben Harold wie ein Kobold vor, überhaupt wenn die Frauen ihm nachschauten.

Sie war fest entschlossen. Das war nun das Ende der Beziehung. Die Betriebsfeier wollte sie noch durchstehen, dann sollte es endgültig aus sein.

Harold schaute Emilia mit zugekniffenen Augen an. „Mache jetzt bitte keine Szene, Emilia. Es hat keinen Wert mehr mit uns. Wir sind zu verschieden“, sagte er, als wenn er ihre Gedanken gelesen hätte.

„Ich mache keine Szene, ich wollte gerade mit dir Schluss machen“, antwortete sie gekränkt.

„Versuche dich, wie ein normaler Mensch zu verhalten, bis die Betriebsfeier zu Ende ist und wir wieder nach Kalifornien kommen“, bat er, „du weißt, für mich steht sehr viel auf dem Spiel, weil viele neue potentielle Kunden eingeladen sind.“

„Ich weiß, da sollen viele Inhaber von Bäckerei- und Konditoreiketten eingeladen sein“, zeigte sich Emilia verständnisvoll.

 

 

 

Das Abendessen
Emilias Blick glitt über die kanadischen sattgrünen Fichtenwälder, die aussahen, als wenn sie mit Puderzucker bestäubt wären. Hinter den Wäldern ragten majestätisch, gewaltige Bergmassive empor, die oben schneeweiß und unten blau schimmerten. In der Ferne am Waldrand stand ein riesiges, ziegelrotes Sandsteingebäude, das mit seiner Außenbeleuchtung einem Märchenschloss ähnelte.

Harold zupfte seinen Hemdkragen und seine Krawatte zurecht. „Das ist unser Hotel.“

„Es ist atemberaubend, es sieht fast aus, wie ein Lebkuchenhaus“, schwärmte Emilia.

Harold schaute sie geringschätzig an. „Mit Lebkuchen kennst du dich ja bestens aus.“

Emilia wusste nicht, ob er damit auf ihren Beruf als Konditorin oder ihre rundliche Figur angespielt hatte. Egal; nach diesem Urlaub war sowieso Schluss, aus und vorbei mit dieser ungleichen Beziehung, die sie schon lange hätte beenden sollen.

Der Taxifahrer parkte den Wagen vor dem Hoteleingang. Zwei Hotelangestellte in rotschwarzer Uniform kamen zum Auto und gegrüßten sie. Zwei weitere Angestellte kümmerten sich um das Gepäck. Emilia und Harold folgten den beiden Männern durch die große Glastür in die Eingangshalle des Hotels. Sie liefen über den orange-rotgeblümten Teppichboden zur Rezeption, die aus einem überdimensionalen, glänzenden Schreibtisch aus rotbraunem Holz bestand.

„Herzlich willkommen im Springs-Hotel“, grüßte der Rezeptionist, „wie ist ihr werter Name?“

„Harold Peterson und Emilia Behrens “, antwortete Harold.

Emilia hielt es für typisch, dass sich Harold zuerst nannte.

Der Rezeptionist gab einem der beiden Kofferträger den Schlüssel. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.“

„Vielen Dank“, sagte Emilia und folgte Harold und den Hotelangestellten in den Fahrstuhl. Im dritten Stockwerk hielt der Aufzug an. Harold und Emilia folgten den beiden Männern durch den ebenfalls mit Teppichboden ausgestatteten Flur zu einer Zimmertür.

„Ihre Suite“, sagte einer der Angestellten und öffnete die Tür.

Emilia schaute in das mit beigem Hochflorteppich ausgelegte, geräumige Zimmer. Ihr Blick glitt über den Sessel, das Sofa und die zwei Betten.

„Stellen Sie das Gepäck vor die Couch“, forderte Harold die Kofferträger auf und speiste sie mit einem Trinkgeld ab.

Er schloss die Zimmertür, steckte sich, gähnte und lief zum Fenster. „Man schaut genau auf die Skipiste, da kann man nicht meckern.“

Emilia räumte gleich die Wäsche in die Schränke. „Ich schlafe wohl im anderen Bett heute Nacht.“

„Ja, es ist besser so. Danke für dein Verständnis“, sagte Harold, legte sein Jackett ab und hängte es über den Sessel.

„Ich wäre froh, wenn die drei Tage schon vorbei wären“, gab Emilia zurück.

„Ich auch, wir gehen erst einmal duschen, dann gehen wir nach unten und schauen was es zum Essen gibt“, erwiderte Harold, zog sich splitternackt aus und ging ins Badezimmer.

Emilia lief durch die Suite, schaute alles ganz genau an, dann schaute sie aus dem Fenster auf die beleuchtete Skipiste, die förmlich zum Schlittenfahren einlud. Inzwischen durchflutete die Abenddämmerung den Himmel und die Landschaft mit einem zauberhaften, orangefarbenen Licht.

Emilia fand den Ausblick grandios und erinnerte sich an einen Kalender, den sie als Kind einmal hatte. Die Bilder sahen ähnlich aus und sie wünschte sich immer, eines Tages in eine solche Postkartenidylle zu reisen. Wenn die Umstände und Streitigkeiten mit Harold nicht gewesen wären, dann wäre es der perfekte Moment geworden.

Das Geräusch der Badetür riss sie aus ihren Gedanken. Als sie sich umdrehte, stand Harold nackt vor ihr.

„Hast du Lust?“, fragte er augenzwinkernd und schaute an sich herunter.

„Ich dachte, wir hätten Schluss gemacht?“

Harold runzelte die Stirn. „Das haben wir auch, aber trotzdem könnten wir…“

„Du spinnst wohl?“, empörte sich Emilia lautstark.

„Wenigstens solange wir hier sind und in einem Zimmer schlafen?“, drängte Harold weiter.

„Schluss ist Schluss. Zieh dich an, wir gehen dann essen“, fauchte Emilia und konnte nicht glauben, wie gefühllos er war.

„Ich hoffe, du wirst es nicht eines Tages bereuen“, knurrte Harold, „wer weiß, ob du so einen Mann wie mich noch einmal im Leben bekommst!“

„Danke, dass du dich so um mich sorgst“, sagte Emilia ironisch, „du findest dich wohl sehr überlegen. Warum machst du es nicht mit dir selbst vorm Spiegel?“

„Gute Idee, du darfst mir gerne dabei behilflich sein“, lachte er und fasste sich zwischen die Beine.

„Geh weg du Ekel“, fauchte sie, stieß ihn beiseite und ging ins Badezimmer.

 

Sie stellte sich unter die Dusche, ließ sich das wohltuend heiße Wasser auf den Rücken und über das Haar prasseln. Dann seifte sie sich ein, schamponierte ihr Haar und wusch sich mit klarem Wasser ab. Vorsichtig stieg sie aus der Dusche, trocknete sich ab und schlüpfte in ihr dunkelblaues Kleid. Mit der Bürste und dem eingebauten Hotelföhn frisierte sie ihr leuchtend rotes, schulterlanges Haar. Danach setzte sie noch einen schwarzen Kajalstrich unter ihre braunen Augen, legte etwas Wimperntusche und Lippenstift auf.

Als sie aus dem Badezimmer kam, war Harold bereits angezogen. Kritisch musterte er sie. „Und?“, fragte Emilia.

„Wie immer“, sagte er frech grinsend.

Dann fuhren sie mit dem Fahrstuhl nach unten und betraten den belebten Speisesaal. Emilia sah, wie Harold der Buffetdame zuzwinkerte, als sie die beiden zu ihrem Tisch begleitete.

„Ich komme dann, wenn Sie sich Ihr Menü herausgesucht haben“, sagte die Frau höflich lächelnd zu Harold, als wenn Emilia unsichtbar wäre.

Dann legte sie die Speisekarten auf den Tisch und entfernte sich wieder, gefolgt von Harolds lüsternen Blicken.

Emilia ärgerte sich sehr über ihn. „Muss das sein?“

„Was meinst du?“, fragte er scheinheilig.

„Du hast die Frau angemacht in meinem Beisein“, beschwerte sich Emilia.

„Und wenn schon? Wir haben Schluss gemacht, wenn du dich daran erinnern kannst“, antwortete schief grinsend.

„Kannst du wenigstens so anständig sein und nicht in meiner Anwesenheit flirten?“, fauchte sie wütend, worauf Harold überheblich lachte.

Emilia presste wütend die Lippen zusammen und hätte den Speisesaal am liebsten sofort verlassen. Ihr kam die spontane Idee, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, nur damit er sehen konnte, wie es sich anfühlt, so kurz nach dem Ende der Beziehung. Auffällig blickte sie sich um, sah einen Hotelangestellten, lächelte ihn an und zwinkerte ihm zu, was Harold nicht verborgen blieb.

Doch plötzlich kam der Angestellte an den Tisch. „Ja bitte, M’am? Sie haben mich gerufen?“

„Nein?“, antwortete Emilia schockiert.

„Ich könnte schwören, Sie haben mir zugelächelt und ein Zeichen mit den Augen gegeben?!“, wunderte sich der Hotelangestellte.

„Ich…äh… ein Glas Wasser bitte“, stotterte Emilia verlegen.

Harold brach in schallendes Gelächter aus. „Das war wohl nichts“, sagte er schadenfroh und schnappte nach Luft.

Emilia kniff die Augen zusammen. „Du bist so ein Ekel“, knurrte sie, stand auf und verließ mit großen Schritten den Speisesaal.

„Mach keine so großen Schritte, wenn du ein Kleid trägst! Wenn du wieder normal bist, kannst du wieder kommen“, rief er ihr nach, was sie noch mehr verärgerte.