Einfach nur Liebe

Endlich ein Jobangebot
„Ich hatte da eher so, an einen Job als Chefsekretärin gedacht“, sagte Jessica, blickte durch die Glasscheibe zu dem blondgelockten Mädchen, das im Flur auf dem Stuhl saß und einen kleinen roten Koffer umklammerte.

„Es ist nur für ein paar Wochen, dann wird der Onkel seine Nichte Crystal abholen und mit nach Arizona nehmen“, entgegnete die Arbeitsvermittlerin, „danach werden wir ganz sicher eine passende Stelle für Sie finden, Miss Bening. Schließlich haben Sie einen Autoführerschein, wenn auch noch kein Auto, dann hat der Verlag, für den Sie arbeiteten, Ihnen ein ausgezeichnetes Arbeitszeugnis ausgestellt. Außerdem war die Kündigung wegen dieses Stellenabbaus nicht Ihre Schuld.“

„Natürlich war es nicht meine Schuld. Wozu brauche ich ein Auto, wenn ich mitten in Calgary wohne?“, antwortete Jessica laut, „Warum holt dieser Onkel das Mädchen eigentlich nicht gleich zu sich nach Hause?“

„Er muss erst die Angelegenheiten wegen dem Tod seines Bruders erledigen, dann ein Kinderzimmer einrichten.“

Jessica blickte erneut durch die Scheibe, schüttelte den Kopf. „Ich kann mit Kindern nicht umgehen, als Sie mich heute Morgen anriefen, sagten Sie mir, Sie hätten ein Job für mich, Misses Miller?!“, warf sie der Arbeitsvermittlerin vor.

„Sie bekommen 100 Dollar, damit Sie auf die Kleine aufpassen, bis Mister Winstone seine Sachen erledigt hat.“

„100 Dollar in der Woche?“, fragte Jessica mit kritischem Blick.

Die Arbeitsvermittlerin Misses Miller lächelte triumphierend. „Am Tag.“

Jessica runzelte die Stirn. „Warum kommt sie nicht einfach in ein Heim? Dafür sind Heime doch da?“

„Weil es nur für kurze Zeit ist und die Heime momentan ausgelastet sind.“

Jessicas blaue Augen wurden schmal, sie blickte erneut zu dem Mädchen. „100 Dollar am Tag wäre wohl das Mindeste“, ihr Blick fiel auf das gelbe Kleidchen und auf die weiße Strumpfhose, „wie ich sehe, stammt das Kind aus sehr armen Verhältnissen, weil es in Lumpen gepackt ist.“

„Ich würde sagen, sie stammt aus normalen Verhältnissen. Der Vater war alleinerziehend und konnte nur halbtags arbeiten, da bleibt nicht viel für Markenklamotten übrig!“, antwortete die Arbeitsvermittlerin gereizt über Jessicas Arroganz.

Jessica strich sich das blonde lange Haar aus der Stirn. „Wer bezahlt mir das, wenn dieses Kind mein Penthouse ruiniert?“

Misses Miller warf einen Blick in die Papiere. „Das ist kein Problem, das Kind ist versichert.“

„Ich weiß nicht, ob ich mit Kindern umgehen kann. Die machen alles kaputt und schmutzig“, ihr Blick wanderte erneut durch die Scheibe zu Crystal Winstone, „wenn die Schäden und die Kosten bezahlt werden, wie Sie sagten, werde ich es versuchen.“

Misses Miller atmete erleichtert auf. „Ich bin sicher, sogar in Ihnen steckt eine gute Mutter!“

„Warum, sogar?“, empörte sich Jessica.

Misses Miller blickte auf die schlanke Frau, die anscheinend eine Vorliebe für Markenklamotten hatte und auch sonst einen sehr anspruchsvollen und verwöhnten Eindruck machte. „Ich meinte, obwohl Sie doch erst 26 sind.“

„Ich bin 25!“, widersprach Jessica lautstark, „wie alt ist das Mädchen, falls mich jemand danach fragen sollte?“

„Ihr Name ist Crystal Winstone und sie ist 6“, antwortete Misses Miller, wobei ihre Stimme genervt klang.

„Ich nehme diese Crystal mit“, erklärte sich Jessica einverstanden.

Sie verabschiedete sich von Misses Miller und ging hinaus in den Flur, wo das Mädchen sie sofort neugierig anstarrte.

Jessica schaute Crystal mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Hallo, Crystal Winstone. Du wohnst bei mir, bis Mister Winstone dich abholen wird! Folge mir!“ Jessica lief den Flur entlang in Richtung Ausgang.

„Hallo, Jessica“, rief das Mädchen und eilte Jessica hinterher aus dem Gebäude auf die belebte Straße der kanadischen Stadt Calgary.

Es war ein sonniger warmer Tag, der Asphalt schien in der Sonne zu glitzern. Jessica lief voraus, blieb an einem Schaufenster stehen, bis Crystal nachkam, dann lief sie weiter. Nach wenigen hundert Metern ging Jessica in ein Hochhausgebäude, blieb an der Tür stehen, bis das Mädchen ankam.

Dann ging sie zum Fahrstuhl. „Komm!“

Crystal eilte ihr hinterher, Jessica drückte auf den Fahrstuhlknopf, die Tür schloss sich und der Aufzug setzte sich in Bewegung.

Mit großen, blauen Augen musterte Crystal die elegante Frau. Interessiert und ein wenig verängstigt blickte sie auf ihr schwarzes Jackett über der weißen Bluse, auf den schwarzen Rock, die schwarze Seidenstrumpfhose, die eleganten, hochhackigen Schuhe, den blonden Pferdeschwanz und die gold-umrahmte Brille.

„Du kannst in meinem Gästezimmer schlafen, Crystal Winstone“, stellte Jessica im strengen Tonfall in Aussicht.

„Ja, M’am“, antwortete Crystal eingeschüchtert.

„Nenn mich Jessica, M’am klingt so alt“, forderte Jessica unsanft.

„Ja, M… Miss Jessica“, antwortete Crystal und blickte zu Boden.

„Du wirst spätestens um sieben Uhr schlafen gehen, nachdem du dich gewaschen, und dir die Zähne geputzt hast!“

„Ja, Miss Jessica“, antwortete das Mädchen und schaute mit gesenktem Kopf mit ihren großen blauen Augen unter ihren blonden Locken hervor.

Jessica schaute sie von oben herab an. „Ich hoffe, du bist stubenrein und brauchst keine Windeln.“

„Ich geh immer auf die Toilette, Miss Jessica“, antwortete Crystal und klammerte sich schützend an das rote Köfferchen vor ihrem den Bauch.

„In meiner Wohnung wird nicht herumgeschrien, nicht herumgetobt und es werden auch keine Dinge herumgeworfen! Ist das klar?“, sagte Jessica fast knurrend.

„Ja, Miss Jessica“, antwortete Crystal mit dünner Stimme.

 

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Crystals Einzug
Endlich ging die Fahrstuhltür auf. Jessica lief gefolgt von Crystal durch den Flur, blieb vor einer Tür stehen, steckte den Schlüssel hinein und schloss sie auf.

„Mein Penthouse“, sagte sie beiläufig und stieß die Tür auf.

Crystal schaute in den großen mit dunkelgrauen Veloursteppich belegten Raum. An der Vorderseite befand sich ein riesiges Glasfenster, welches einen grandiosen Ausblick über die Dächer der Stadt bot.

„Setz dich“, forderte Jessica und zeigte auf die große, schwarze Ledercouch vor der ein schwarzer Marmortisch stand.

Crystal gehorchte, setzte sich auf das Sofa und nahm ihr Köfferchen auf den Schoß mit halb offenem Mund blickte sie sich begeistert um.

„Was ist in diesem Schuhkarton?“, fragte Jessica abwertend und zeigte auf den Koffer.

Crystal öffnete diesen. „Meine Anziehsachen“, erklärte sie und hob stolz ein grünes Kleidchen hoch.

Jessica hob die Augenbrauen und schaute Crystal kritisch an. „Das sind billige Discounterlumpen und keine Anziehsachen!“

Unverzüglich zückte sie ihr Mobiltelefon, tippte eine Nummer ein.

„Modegeschäft Fernando Hernandez?“, meldete sich eine männliche Stimme.

„Fernando, komm schnell zu mir! Hier sitzt ein Mädchen, das hat nichts zum Anziehen.“

„Wie alte is diese Mädche?“, fragte die Stimme im spanischen Dialekt.

„6 Jahre.“

„Du brauchste auch Schuhe une Jacke, oder nur Hose, Oberhemde une Kleide?“

„Bring alles mit, was du für Kinder in ihrem Alter hast und komm schnell!“, forderte Jessica.

„Bine gleich bei dich!“, verabschiedete sich Fernando.

Jessica blickte auf die Uhr, schaute Crystal prüfend an. „Ich werde uns etwas zum Essen bestellen. Was isst du normalerweise?“

Crystal überlegte. „Nudeln?“

„Nur Nudeln?“, wunderte sich Jessica.

„Nein“, sagte Crystal, schaute ihre Fingernägel an, „ich esse immer Zuckerwatte und Schokolade.“

Jessica runzelte die Stirn. „Netter Versuch! Du willst mich wohl…? Es gibt Pizza. Was hältst du von Pizza-Salami?“

„Ich liebe Pizza“, rief Crystal lächelnd, hielt sich dann die Hand vor den Mund, aus Angst zu laut gewesen zu sein.

Jessica nahm ihr Mobiltelefon und bestellte die Pizzen. Anschließend klingelte es an der Haustür. Als sie öffnete, stand ein schwarzhaariger, kleiner Mann vor der Tür. Er rollte einen großen Schrankkoffer herein.

„Wo ise Mädche?“, fragte er, schaute Crystal mit scherzhaft weit aufgerissenen Augen an. „Ise diese bella chica?“

Crystal kicherte, hielt sich schützend die Hände vors Gesicht, schaute zwischen ihren Fingern hindurch und beobachtete den Mann interessiert.

„Siehst du sonst noch irgendwo ein Mädchen in meiner Wohnung?“, fragte Jessica ironisch.

„Hola, iche Fernando une habe schene Kleide.“ Er öffnete den Schrankkoffer und zeigte Jessica die verschiedenen Kinderkleider.

Wenige Minuten später, hatte Crystal eine vollständige Garderobe, samt einer Handtasche und drei Paar neue Schuhe.

„Adios, Chicas“, verabschiedete sich Fernando.

Als er die Tür hinaus ging, kam gerade der Pizzabote. Jessica stellte die Pizzen auf den Tisch, schleppte Crystals neue Kleider ins Gästezimmer.

„Du kannst die Sachen nachher in deinen Gästeschrank einräumen“, sagte sie und legte die Kaufquittung in eine Keramik-Schachtel, die auf dem schwarzen Sideboard stand.

„Danke, Miss Jessica“, sagte Crystal leise.

Jessica schüttelte den Kopf. „Danke nicht mir, danke dem, der die Sachen bezahlt.“

„Wer ist das?“, fragte die Kleine neugierig.

„Was weiß ich? Das Arbeitsamt, die Versicherung oder dein Onkel?!“

Dann aßen sie Pizza und tranken dazu Orangensaft. „Darf ich meine neue Sachen mitnehmen, wenn mich Onkel David nach Arizona holt?“, fragte Crystal unsicher, versteckelte sich dabei hinter ihrem Orangensaftbecher.

„Natürlich! Denkst du, ich werde sie dann anziehen?“, fragte Jessica streng, worauf Crystal zaghaft den Kopf schüttelte.

Nach dem Essen ging Jessica mit Crystal ins Gästezimmer. Crystal schaute in den hellen Raum mit weißen Wänden, weißer Kommode, weißem Kleiderschrank, Bett und blauen Vorhängen und ebenfalls blauen Bettvorleger.

Jessica zeigte zur Tür an der Hinterwand. „Da hinten ist das Gästebad mit Dusche.“

Das Fenster gewährte einen Ausblick über die Stadt, über die zu diesem Zeitpunkt langsam die Abenddämmerung hereinbrach.

„Mach dich frisch, ziehe dir etwas Gescheites an und komme wieder ins Wohnzimmer“, befahl Jessica und verließ mit großen Schritten den Raum.

Crystal gehorchte, kam später ins Wohnzimmer, wo Jessica vorm Fernseher saß. „Hier ist die Fernbedienung und in einer Stunde gehst du ins Bett. Ist das klar?“

„Gehen Sie weg, Miss Jessica?“, fragte Crystal ängstlich und ein wenig verstört.

„Ja, ich gehe einen Abendspaziergang machen und komme vielleicht erst spät zurück.“

„Ich will aber nicht alleine sein“, antwortete Crystal im jammernden Ton.

„Was soll das? Soll ich vielleicht auf mein gewohntes Leben verzichten, nur weil du mir an der Backe klebst?“

Plötzlich zuckten Crystals Mundwinkel, Sekunden später fing sie an laut zu weinen. Jessica schaute sie entsetzt an. „Ich sagte, dass schreien in meiner Wohnung verboten ist, dazu gehört auch das Weinen!“

Crystal ließen die Worte unbeeindruckt, sie weinte weiter. „Hör auf zu weinen, ich mag das nicht!“, mahnte Jessica ohne Erfolg.

„Willst du länger wach bleiben?“

„Nein“, schluchzte Crystal.

„Soll ich dir noch eine Pizza bestellen, damit zu aufhörst zu weinen?“, fragte Jessica unbeholfen.

Crystal hielt sich die Arme vors Gesicht und weinte noch lauter. „Ich habe keinen Hunger.“

„Was willst du dann?“

„Ich vermisse meinen Daddy“, schluchzte das Mädchen.

„Den kann ich dir nicht zurückbringen, aber pass auf: Du bekommst 10 Dollar, wenn du mit dem Weinen aufhörst.“

„Ich kann nicht“, weinte Crystal weiter, „ich vermisse ihn so sehr.“

Jessica setzte sich neben sie auf die Couch und schaute sie hilflos an. „Du hast gewonnen, ich bleibe hier! Ich verzichte auf meinen Abendspaziergang.“

Trotzdem weinte Crystal weiter und konnte sich nicht beruhigen. Auf einmal klammerte sich das Mädchen Jessica um den Hals und kletterte auf ihren Schoß, Jessica wollte sie wegnehmen, legte die Arme um ihre Schulter, plötzlich war die Kleine still, fühlte sich offenbar geborgen.

„War das alles, was du wolltest? Einfach nur in den Arm genommen werden?“, wunderte sich Jessica und tätschelte ihr den Rücken.

Sie verharrten einige Minuten, bis sich Crystal wieder neben Jessica setzte und sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.

„Werden Sie mich jetzt rauswerfen, weil ich geweint habe?“, fragte sie verängstigt.

Jessica blickte sie ernst an. „Ich mache eine Ausnahme, weil heute dein erster Tag ist! Du kannst mich übrigens einfach nur Jessica nennen und zu mir DU sagen.“

„Danke, Jessica“, erwiderte das Mädchen und fing an zu lächeln.

Anschließend sahen sie sich noch gemeinsam die Abendnachrichten an, dann ging Crystal ins Gästezimmer zum Schlafen. Jessica setzte sich auf die Terrasse, wo sie den Ausblick über die beleuchtete Stadt mit einem Glas Rotwein genoss. Ein negatives Gefühl machte sich in ihr breit, es war das Gefühl, alles verlieren zu können, was sie in den letzten 5 Jahren erreicht hatte.

Jessica, die einstige Bauerstochter zog mit 18 von Zuhause aus, lebte in einem Wohnwagen und machte eine Ausbildung zur Sekretärin in einem Zeitungsverlag. Später arbeitete sie sich hoch zur Chefsekretärin, verdiente ausreichend Geld, um sich das Beste leisten zu können. Sie zog in das Penthouse, kaufte sich Markenklamotten, bestellte ihr Essen immer vom Italiener oder Chinesen und leistete sich sogar eine Putzfrau.

Sie verdrängte den Gedanken, eines Tages wieder in diesen Wohnwagen ziehen zu müssen, wenn ihre Ersparnisse aufgebraucht sind, bevor sie eine neue Anstellung gefunden hat. Sie wusste nicht einmal, ob dieser Wohnwagen überhaupt noch neben diesem Schrottplatz stand, oder bereits der Schrottpresse zugeführt wurde, für die er damals schon vorgesehen war.

Niemals wollte sie wieder so leben und niemals wollte sie wieder auf den Bauernhof ihrer Eltern zurück, wo alles nach Kuhmist roch und sie harte Feldarbeiten verrichten musste, wodurch damals ihre Hände mit Schwielen übersät waren. Sie konnte und wollte sich mit diesen Bauern nicht identifizieren. Sie war ihrer Meinung nach ein anderer Mensch geworden, eine Luxusfrau mit Klasse und Niveau und wollte mit ihrer Vergangenheit absolut nichts mehr zu tun haben.

Sie nahm ihren Laptop auf die Terrasse und suchte im Internet nach einer Festanstellung auf ihrem Beruf. Vergeblich. Zwei Stunden später ging sie müde vom stressigen Tag in dieser ungewöhnlichen Mutterrolle schließlich ins Bett.

 

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