Eine besondere Weihnachtsüberraschung

Prolog

Sarah Clarkson klopfte an der Schlafzimmertür, bevor sie diese öffnete. Sie sah Hillarys Lockenkopf zwischen der glänzenden, roten Satinbettwäsche herausschauen.

Hillary schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an: „Du fährst schon, Schwesterherz?“

Sarah nickte: „Ja, ich mache mich auf den Weg. Wir sehen uns morgen Abend. Vergiss nicht etwas zum Essen für die Fahrt mitzunehmen!“

Hillary winkte ab: „Tom wird nicht verhungern. Wir gehen morgen, wenn ich ihn von der Schule abgeholt habe, erst etwas essen, bevor wir losfahren.“

Sarah lächelte: „Bis Morgen.“

Hillary schaute auf ihren Wecker. „Ja, bis Morgen“, dann drehte sie sich um und schlief wieder ein.

Sarahs blonde, lange Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht, als sie die Koffer zum Auto in der Einfahrt schleppte. Es war kühl, der Himmel war orangerot von der aufgehenden Sonne. Sarah lud ihr Gepäck in den hell pinken Geländewagen und fuhr los.

Der Stadtverkehr von Winnipeg war ziemlich dicht. Ihr kam es fast so vor, als wenn die Ampeln absichtlich immer auf rot schalteten, wenn sie sich ihnen näherte. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern aufs Lenkrad.

„Mach schon“, fauchte sie verbissen.

Sarah fühlte sich leicht gestresst bei dem, was sie vorhatte. Sie befand sich auf dem Weg in ihre kanadische Waldhütte, wo sie mit ihrem zehnjährigen Sohn Tom und ihrer Schwester Hillary die Weihnachtsferien bis Neujahr verbringen wollte. Sie fuhr einen Tag früher los, um das Häuschen vorher aufzuheizen und ein bisschen in Schuss zu bringen.

Endlich floss der Verkehr und sie kam schon bald aus Winnipeg raus.

Ihre Schwester war gleichzeitig auch das Kindermädchen für Tom. So konnte sich Sarah konzentriert ihrer Arbeit als Schriftstellerin widmen, wobei sie dank ihres Erfolges auch gut genug verdiente, um ihre Schwester zu bezahlen und bei sich wohnen zu lassen. Sie hatte ein eigenes Haus. Die Wohnung im oberen Stockwerk wollte sie Sarah zur Verfügung stellen. Leider hatte ihr kurz zuvor ein Sturm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein umstürzender Baum krachte durch das Fenster und beschädigte ausgerechnet den Sicherungskasten, der für die Stromversorgung des Stockwerks zuständig war. Ein kaputtes Fenster und kein Strom war das Resultat. Das sollte sich jetzt aber ändern.

Durch die viele Schreibarbeit musste sie viel sitzen, was ihre Figur über die Jahre verändert hatte. Die Hose zwickte hinten und vorne. Was sie einmal als weite, bequeme Hose gekauft hatte, ähnelte nun mehr einer Leggins.

„Was soll‘s?“, dachte sie sich.

Anfangs war sie noch über ihre Figur besorgt, doch mit der Zeit hatte sie sich an ihre Speckröllchen gewöhnt. Ihr musste es ja gefallen und nicht jemand anderem. Wem das nicht passt, der soll eben wegsehen, so war inzwischen ihre Einstellung. Sie sah es nicht ein, zu hungern, nur um einem Modetrend zu entsprechen oder anderen zu gefallen. Schon lange nicht mehr. Eigentlich, seit ihr Mann sie damals mit Tom, als der zwei Jahre jung war, sitzen gelassen hatte. Und damals war sie noch rank und schlank. Immer hatte sie auf alles verzichtet nur, um ihn zu gefallen, um im Trend zu sein. Was hat es ihr gebracht? Nichts! Im Gegenteil, sie ärgerte sich nur noch mehr über sich selbst, dass sie dieses Opfer des Verzichtens gebracht hatte, um nach der Schwangerschaft die Pfunde wieder loszuwerden. Nur um ihm zu gefallen. Die vier Jahre, die sie mit Toms Vater Georg verbrachte, ließ sie sich ständig von ihm herumkommandieren und bevormunden. Sie dachte damals auch, es müsste so sein, weil sie von ihrer Mutter nichts anders gesehen hatte. Ihre Mutter spielte immer die Gehorsame und wurde immer wieder von ihren Männern sitzen gelassen.

Kaum hatten sich Sarah und Hillary an den neuen Freund der Mutter gewöhnt, wurden sie von ihm in Stich gelassen. Sarah hatte von dem Spielchen der unterwürfigen, gehorsamen Frau die Nase gestrichen voll. Sie stand zu sich und zu ihrer Figur. Als alleinerziehende Mutter musste sie lernen, sich selbst zu vertrauen und zu sich zu stehen. Das hat ja auch sehr gut geklappt. Immerhin war sie jetzt eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden. Darauf war sie sehr Stolz. Sie hatte es aus eigener Kraft geschafft. Sie hatte sich vom dürren jasagendem Modepüppchen, zu einer starken, reifen Frau entwickelt. Sie war nicht dick, aber gut genährt. Mit ihrer Größe von 165 cm, hatte sie 75 Kilogramm.

Endlich hatte sie Winnipeg verlassen und konnte beschleunigen. Inzwischen war es schon hell. Die Sonne war Wolkenverhangen, der Himmel war wintergrau. Je näher sie den Wäldern kam, desto verschneiter waren die Straßen. Nach einigen Stunden bog sie in den verschneiden Waldweg ein.

 

**

Henry saß an seinem glänzenden Edelholzschreibtisch und wartete. Seine dunkelbrauen Augen glitten über die mit Mahagoniholz verkleideten Wände.

Er hörte die Schritte vor der Bürotür, die kurz danach aufging.

„Mister Carrison? Ihre Limousine steht bereit“, sagte der Bedienstete mit einem mitleidigen Lächeln im Gesicht.

Henry Carrison nickte dem Mann zu. Er warf einen Kontrollblick aus dem Fenster, um die Aussage bestätigt zu wissen, dann verließ er mit grimmiger Miene das Büro.

Er lief durch den langen Flur und hörte von allen Seiten seine Angestellten: „Wiedersehen Mister Carrison. Wir wünschen Ihnen einen schönen Urlaub.“

In ihren Gesichtern konnte er die Schadenfreude entdecken, die sie nicht verbergen konnten.

Henry nickte nur stumm und wirkte genervt. Seine dunklen Augenbrauen waren zusammengezogen. Kurz darauf verließ er das Gebäude und ging zum Wagen, der bereits mit laufendem Motor auf ihn wartete.

Eine Frau in einer dunkelblauen Uniform hielt ihm die Tür auf. „Ihr Gepäck befindet sich im Kofferraum, Mister Carrison. Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub“, sagte sie mit einem ironischen Unterton.

Henry setzte sich auf den mit schwarzem Leder bezogenen Rücksitz, machte eine Handbewegung, dass die Tür geschlossen wurde. Die schwarze Limousine setzte sich in Bewegung. Henry drückte auf den Knopf an der Trennwand und ließ die Scheibe zwischen Chauffeur und sich hochfahren. Er streckte seine langen Beine aus und rekelte sich im Sitz hin und her. Dann klappte er die Getränkebar vor sich auf, nahm sich eine kleine Flasche Mineralwasser und ein Glas heraus. Er beugte sich nach unten und begutachtete sich im Spiegel der Bar. Mit der Hand strich er über seine dunkelbraunen kurzen Haare, dann zog er die Brauen hoch, um die Zornesfalte verschwinden zu lassen. Er schenkte sich etwas Wasser in das Glas und nippte daran. Nachdenklich betrachtete er das angelaufene Glas in seiner Hand, als wenn es eine Kristallkugel wäre, aus der er die Zukunft lesen könnte.

„Warum habe ich mich darauf eingelassen?“, fragte er sich.

„Weil sie meine Eltern sind und gleichzeitig meine Vorgesetzten?!“, versuchte er sich seine Frage selbst zu beantworten.

Der Gedanke, dass er auf dem Weg in einen Urlaub, in ein abgelegenes kanadisches Waldhaus war, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Als seine Eltern ihm den Buchungsschein übergaben, sagten sie es sei eine besondere Weihnachtsüberraschung. Viel lieber hätte er seinen Urlaub wie immer im Süden und in netter Gesellschaft verbracht. In der Karibik mit schönen Frauen.

Das würde dem Ansehen der Firma schaden, so sagte sein Vater. Er solle endlich zu Vernunft kommen und seine Vielweiberei bleiben lassen. „Na hoffentlich gibt es dort gutes Personal“, dachte er sich.

Seine Eltern hatten damals den Handel von Nobelkarossen zu einem Imperium aufgebaut. Henry hingegen wurde in diesen Reichtum hineingeboren und wusste diese Macht zu nutzen.

Schließlich gab es genügend Frauen, die nur auf sein Geld scharf waren. Warum sollte er sich diese Gelegenheit entgehen lassen? Nicht nur, dass er Geld und Macht besaß, er sah dazu auch noch sehr gut aus. Sein männlich markantes Gesicht, sein dunkelbraunes Haar, sein muskulöser Körper und seine ebenholzfarbenen Augen brachten so manche Frau um den Verstand. Henry kostete das in vollen Zügen aus und war sich seines Aussehens sehr bewusst. Die Frauen, die sich mit ihm eingelassen hatten, wurden am selben Abend noch beglückt. Trotzdem fühlte sich Henry danach nicht so glücklich, wie er es sich gewünscht hätte. Vielleicht war das der Grund, auf die Bitte seiner Eltern einzugehen und seinen Urlaub in der Einsamkeit zu verbringen, um endlich zur Besinnung zu kommen. Allmählich entspannte sich sein Gesicht und die Falten schwanden. Nachdenklich schüttelte er den Kopf und blickte aus dem Autofenster, sah, wie der Wagen die Stadt verließ. Zwei Wochen ohne Sex, das konnte er sich kaum vorstellen. Vor Kurzem war er vierzig geworden und es verging kaum ein Tag, an dem er keine schöne, schlanke Frau in seinem Bett gehabt hatte.

Im Gedanken versunken blickte er durch die Scheibe nach vorne zum Chauffeur. Selbst der schien zu grinsen und ihn auszulachen. Wahrscheinlich redete er sich das nur ein.

Sexsüchtig, so hatten ihn seine Eltern sogar genannt. Er sei sexsüchtig. Je mehr er darüber nachdachte, desto stärker fing er an, diese Bemerkung zu glauben. Wenn er mittags im Büro war, überlegte er nämlich schon, mit dem er wohl diesmal die Nacht verbringen werde. Blond, Braun, Schwarz?

„Nein!“, sagte er sich, „ich bin nicht sexsüchtig. Was wäre ich für ein Mann, wenn ich die Chance nicht nutzen würde, wenn sich diese billigen, geldgierigen Frauen mir hingeben?“

Entschlossen seinen Eltern zu beweisen, dass sie sich damit getäuscht hatten, schob er das Kinn nach vorne und lehnte sich zurück in seinen Sitz.

Wie aber sollte es nach Neujahr weitergehen? Wo sollte er sich abreagieren? Wie stellten sich seine Eltern das eigentlich vor? Das wollte er nach seinem Urlaub mit ihnen klären.

Jetzt musste er erst einmal seine Körperbeherrschung beweisen. Seinen Eltern und sich selbst gegenüber. Auch den Angestellten mit ihrem schadenfrohen Grinsen.

**

 

 

Kapitel 1

Die Limousine parkte am Waldrand im knöchelhohen Schnee. Der Chauffeur stieg aus, öffnete Henry die Tür. Lud anschließend das Gepäck aus dem Kofferraum der Limousine in den alten olivgrünen Geländewagen um, an dem ein kleiner grauhaariger Mann, mit einem Hut und verschlissener Kleidung stand. Er begrüßte Henry mit einem kräftigen Handschlag.

„Hallo Mister Carrison! Ich bin Mister Walton. Sie werden mit meiner Waldhütte zufrieden sein, die ihre Eltern für sie gebucht haben“, sagte er.

Henry hob die Augenbrauen und sagte schnippisch: „Ich hoffe es für Sie!“

Sein Chauffeur öffnete ihm die Tür des rostigen Geländewagens, damit er auf den abgewetzten Polstern des Rücksitzes Platz nehmen konnte. Dann bog der Wagen in die kanadischen Wälder ein. Henry schaute aus dem Heckfenster und sah seine Limousine verschwinden.

Angeekelt zog Henry ein Erfrischungstuch aus seinem Jackett und wischte sich die Hand ab, die er Mister Walton gerade gegeben hatte. Vorsichtig atmete Henry einige Male durch die Nase tief ein. Zu seiner Verwunderung schien der Mann trotz seiner vergammelten Kleidung nicht zu stinken.

Mister Walten sagte mit kratziger Stimme: „Wollen Sie nicht vorne sitzen?“

Henry abweisend: „Warum sollte ich?“

Mister Walton antwortete lachend: „Weil Sie da hinten weder einen Fernseher noch einen Computer oder sonstigen Schnickschnack haben!“

Henry verkniff sich seine Antwort und runzelte verbissen die Stirn.

Besorgt dachte er: „Mit welchen Dorftrotteln werde ich hier wohl noch zusammentreffen? Hoffentlich hat das Personal im Waldhotel einigermaßen Niveau.“

Henry bewegte sich normalerweise nur in der High Society und fand einen solchen Umgangston als sehr gewöhnungsbedürftig. Er kam sich vor, als wenn man ihn in ein Gehege mit wilden Tieren gesperrt hätte.

Er fragte: „Wie viele Sterne hat ihr Hotel?“

Mister Walton kratzte sich am Kopf, fuhr sich über die grauen Bartstoppeln: „Hä? Was haben Sie gemeint?“

Henry schüttelte den Kopf, zupfte seine Krawatte zurecht, damit er für die Ankunft im unbekannten Hotel angemessen aussehen würde.

„Nichts! Sterne sagen sowieso nichts aus“, antwortete er Barsch.

Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und plante im Geiste seinen Tag. „Zuerst werde ich in der Bar einen Drink zu mir nehmen, während sich die Angestellten um mein Gepäck kümmern. Anschließend werde ich … schwimmen…“

Er beugte sich nach vorne: „Gibt es eigentlich dort einen Swimmingpool, Mister Walton?“

Mister Walton lachte: „Nein! Es gibt einen See in der Nähe. Würde ich aber nur im Sommer empfehlen!“

Henry war leicht schockiert und dachte: „Witzbold!“

Angewidert starrte Henry auf die fleckigen Vordersitze, dann ging sein Blick aus dem schmutzigen Fenster in den schneebedeckten Tannenwald.

Verträumt stellte er sich vor, wie eine wunderschöne und schlanke Zimmerkellnerin ihm Champagner servieren würde, während er gemütlich in der Badewanne liegen würde. Wie sie ihm dann den Rücken schrubben, und anschließend Gesellschaft leisten würde. Das nächste Schlagloch riss ihn aus seinen Gedanken.

Er dachte so bei sich: „Wenn sich mir ein bezauberndes Zimmermädchen anbieten würde, dann könnte man mir keinen Vorwurf machen, wenn ich ihr diesen Wunsch erfüllen würde.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Konzentriert kniff er seine braunen Augen zusammen, um sich das Bild des imaginären Zimmermädchens wieder vor Augen zu führen. Zu seinem Bedauern gelang es ihm nicht mehr. Trotzdem fühlte er sich wieder etwas wohler nach diesem Gedanken. Der Urlaub könnte doch noch schön werden, dachte er sich.

 

**

Martha Carrison sah ihren Mann an. „Denkst du, es war die richtige Entscheidung, Peter?“

Peter nickte: „Natürlich! Wir waren so mit unserer Firma beschäftigt, dass wir gar nicht darauf geachtet hatten, dass Henry bodenständig bleibt.“

Martha stimmte ihrem Mann zu: „Ja, unser Sohn hat sich wirklich an den Luxus zu sehr gewöhnt, trotz dass du eigentlich viel mit ihm unternommen hast.“

Peter: „Wir haben unsere ersten Autos repariert, Regale gebaut und sonstige Kleinigkeiten gemacht. Sicher ist nur wenig davon bei ihm hängen geblieben. Die Werte, die ich ihm vermittelt hatte, wurden durch das anschließende Luxusleben vollständig ausgelöscht.“

Martha: „Hätte er nur ein kleines bisschen mehr von Judith.“

Peter lächelte: „Judith ist das Gehirn und die Handwerkerin. Henry hingegen ist mehr Gehirn, als Handwerker.“

Martha: „Ja, seine Schwester hatte schnell ihren Weg gefunden. Henry ist immer noch auf der Suche.“

Peter kniff die Lippen zusammen: „Für Judith hat Geld auch noch nie eine so große Rolle gespielt. Henry hatte schnell bemerkt, dass ihm alle zu Füßen liegen, wenn er nur mit den Scheinen wedelte.“

Martha hob die Augenbrauen: „Hast du auch gehört, dass er ein richtiger Kotzbrocken sein soll?“

„Ja, das kam mir bereits zu Ohren. Er behandelt seine Mitmenschen nicht mit dem nötigen Respekt.“

Miss Carrison schüttelte den Kopf: „Wie konnten wir zulassen, dass ich unser Sohn so entwickelt? Er ist verwöhnt, unselbstständig und herrschsüchtig.“

Peter: „Die Bediensteten ließen sich auf der Nase herumtanzen und konnten ihm nichts abschlagen. Er hat immer alles bekommen, was er wollte.“

Miss Carrisons Augen füllten sich mit Tränen.

Peter legte seinen Arm um ihre Schulter: „Dieser Urlaub wird ihm zeigen, was es heißt, auf sich alleine gestellt zu sein.“

Martha wischte sich die Tränen aus dem Gesicht: „Unser armes Kind. Ich bete zu Gott, dass es hilft und der Urlaub seine Einstellung zum Leben ändert!“

Peter lächelte zufrieden: „Wenn er alles selber machen muss, dann wird er schon den Wert der Arbeit zu schätzen wissen. Zukünftig wird er unsere Angestellten für ihre Leistungen respektieren.“

Martha nickte: „Hoffen wir das Beste und hoffen wir, dass er auch mehr Respekt vor dem weiblichen Geschlecht entwickelt und diese leichten Mädchen links liegen lässt.“

Peter: „Wir können ihm keinen Vorwurf machen. Er lebt hinter einer dicken Eisentür in seiner Scheinwelt. Doch jetzt haben wir ihn vor die Tür gesetzt und er wird das wahre Leben kennenlernen müssen.“

Peter und Martha grinsten sich an. Lange genug hatten sie weggesehen. Lange genug hatten sie gewartet, dass er sich verändern würde und bis zuletzt gehofft.

Jetzt, wo Henry vierzig war, mussten sie endlich eingreifen, wenn sie ihre Enkelkinder noch erleben wollten. Immer dachten sie, dass Henry einmal die richtige Frau finden würde, mit der er bereit wäre, eine Ehe zu führen. Leider gab Henry sich aber nur mit diesen käuflichen Millionärsjägerinnen ab. Warum hätte er sich auch die Mühe machen sollen eine Frau zu bezirzen, wenn sich ihm die billigen Mädchen einfach so anboten? Von seiner Schwester Judith konnten sie keine Nachkommen erwarten, das war ihnen klar. Peter und Martha wussten, dass sie sich richtig entschieden haben, ihren Sohn für zwei Wochen in die Einsamkeit der kanadischen Wälder zu schicken.

 

**

Mister Walton steuerte den olivgrünen Geländewagen vor eine kleine Waldhütte. Als er den Motor ausschaltete und ausstieg, schaute ihn Henry verwundert an.

„Na? Wollen Sie nicht aussteigen?“, fragte Mister Walton mit rauer Stimme.

Henry suchte den Türgriff, was für ihn ungewohnt war. Normalerweise bekam er immer die Tür von seinem Chauffeur geöffnet.

Besorgt fragte er: „Was ist passiert? Hat der Wagen eine Panne?“

Mister Walton runzelte die Stirn: „Was meinen Sie? Wir sind da!“

Irritiert blickte Henry auf die kleine Waldhütte. Seine Stimme klang unsicher: „Hier in dieser Hundehütte soll ich Urlaub machen?“

Mister Walton lächelte: „Ihre Eltern haben sie für Sie gebucht. Machen Sie mir keinen Vorwurf!“

Henry stieg aus dem Wagen. Schaute zur Hütte und fragte: „Wo sind alle die Bediensteten untergebracht? In dieser Hütte sind doch höchstens 4 Zimmer?!“

Mister Waltons schallendes Gelächter tat Henry in den Ohren weh.

Als er Henry ins Gesicht sah, erkannte er, dass dieser es ernst meinte.

Grob sagte er: „Sie machen wohl Witze, Mister Carrison? Sie sind hier ganz auf sich alleine gestellt!“

Henrys Gesicht wurde rot vor Wut. Er fauchte: „Für Nichts in der Welt würde ich hier bleiben!“, dann setzte er sich wieder in den Wagen und rief: „Bringen Sie mich wieder zurück!“

Mister Walton zuckte mit den Schultern und stieg in den Wagen. Er ließ den Motor an und sagte mürrisch: „Das habe ich mir aber gedacht. Ich sagte Ihrem Dad, dass dies nichts für Weicheier sei!“

Henry fühlte einen stechenden Schmerz: „Was hat mein Dad darauf geantwortet?“

Mister Walton: „Ich weiß nicht mehr genau. So etwas wie dass sein Sohn kein Weichei wäre.“

Henry ging durch den Kopf, wie sein Vater wohl darauf reagieren würde, wenn er einfach aufgibt, noch bevor er überhaupt angefangen hatte. Er stellte sich das Gerede der Angestellten hinter seinem Rücken vor.

Mister Walton erschrak, als Henry rief: „Stopp! Ich habe es mir überlegt, lassen Sie mich raus, ich bleibe hier!“

Durch Mister Waltons zerfurchtes Gesicht huschte ein Lächeln. „Sie werden es nicht bereuen. Falls Sie wirklich nicht mehr weiter wissen, gibt es gegenüber vom See noch eine Waldhütte. Die Familie verbringt immer ihren Weihnachtsurlaub dort.“

Henry hob die buschigen Augenbrauen und sagte ironisch: „Ja, das beruhigt mich ungemein.“ Gleichzeitig dachte er: „Welche dummen Hinterwäldler dort wohl ihren Urlaub verbringen?“

Mister Walton nahm Henrys Gepäck aus dem Kofferraum und stellte es auf der Veranda ab. Dann ging er um die Hütte herum und öffnete die Klappfensterläden. Schließlich öffnete er die knarrende Holztür.

Henry kam ein modriger Geruch entgegen.

Mister Walton sah, dass er die Nase rümpfte: „Das vergeht. Man muss nur vor dem Heizen gut lüften.“

Sie gingen durch den schmalen Flur, dessen Wände, wie im ganzen Haus, an eine Sauna erinnerten. Mister Walton zeigte Henry das Wohnzimmer, das mit zwei kleinen braunen Stoffsofas, einem Wohnzimmertisch, einem Sideboard ausgestattet war. Im ganzen Haus war glänzender Holzboden.

Das Schlafzimmer war mit nur einem Doppelbett, einen Kleiderschrank und einer Kommode ausgestattet. Im Badezimmer waren die Wände mit PVC in Fliesenoptik verkleidet. Es gab nur eine Toilette, ein Waschbecken und eine Duschwanne. In der Küche standen ein Tisch, vier Stühle und ein alter Küchenschrank. Sowie eine Spüle und ein kleiner Herd mit zwei Kochplatten. Beim Durchgehen der Räume öffnete Mister Walton alle Fenster, um frische Luft hereinzulassen.

Henry ließ sich sein Entsetzen nicht anmerken. Er wollte kein Weichei sein und sein Bestmöglichstes versuchen. Schließlich war er Juniorchef in der Firma seiner Eltern. Er war bei seinen Angestellten für seine Härte bekannt. Er glaubte auch genau zu wissen, wie man mit Menschen umgehen muss. Nämlich streng, selbstbewusst und keine Widerrede duldend.

Mister Walton: „So, jetzt, wo sie alles gesehen haben, werde ich mich mal auf den Nachhauseweg machen. Ich zeige Ihnen vorher noch, wie man den Stromgenerator im Geräteschuppen startet. Achten Sie immer darauf, dass Sie ihn ausmachen, wenn Sie ihn nicht benötigen. Sonst geht Ihnen das Dieselbenzin aus, bevor die zwei Wochen vorbei sind! Das Holz im Geräteschuppen reicht aus.“

Mister Walton zeigte Henry wie man den Generator startet. Dann machte er sich auf den Rückweg und ließ Henry im Waldhaus zurück.

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Wenige Meilen über die holprige Schneedecke später, parkte Sarah mit ihrem rosafarbenen Geländewagen neben ihrer Waldhütte. Sie stieg aus, befreite die Veranda vom Schnee. Startete den Stromgenerator, öffnete zum Lüften die Fenster. Zuerst brachte sie die drei mit Lebensmitteln gefüllten Wäschekörbe in die Küche. Ein Korb war voller Tiefkühltüten, gefüllt mit vorbereiteten Suppen, Soßen und Gemüsemenüs. Der zweite und dritte Korb beinhaltete Getränke und sonstige Lebensmittel sowie Backzutaten. Anschließend verstaute sie den Kofferinhalt in den Kleiderschränken. Sie schloss die Fenster und beheizte den Holzofen.

Sarah war sehr stolz auf die kleine Hütte, die sie durch Zufall gekauft hatte.

Damals recherchierte sie im Internet wegen Informationen für einen Roman, den sie schrieb. Dabei ist sie auf die Anzeige gestoßen. Sofort erzeugte ihre Fantasie einen Film. Ein Holzhäuschen in den kanadischen Wäldern, in der Nähe eines Sees. Mitten in der Natur. Wie wunderschön, dachte sie sich und setzte sich gleich mit Mister Walton in Verbindung, der ihr dann eine seiner zwei Waldhütten verkaufte.

Sarah hatte den Kauf nie bereut. Jeden Urlaub verbrachte sie dort mit Hillary und Tom. Im Sommer machten sie Jogging, Wandertouren, Picknick und gingen in den, herrlich frischem, See baden.

Im Winter konnten sie auf dem See Schlittschuhe laufen. Machten Schneeballschlachten, bauten mit Tom Schneemänner und tobten einfach nur im Schnee herum. Jeder Urlaub dort war wie ein Ausflug ins Paradies.

Nur die kleinen Schäden, die repariert werden müssten, fingen ihr an Sorgen zu machen. Das Material hatte sie schon besorgt und es lag alles im Geräteschuppen bereit. In diesem Urlaub, so hatte sie sich vorgenommen, musste sie an die Arbeit, um die Hütte endlich zu reparieren. Denn jedes Mal, wenn sie herkamen, waren die Schäden ein bisschen größer geworden. Im Wohnzimmer war ein kleines Leck im Dach, durch welches das Tauwasser tropfte. In der Küche drohte die Spüle in ihre Einzelteile zu zerfallen. Im Kinderzimmer war ein tennisballgroßes Loch in der Wand, das notdürftig mit Plastikfolie abgeklebt war. Im zweiten Kinderzimmer sowie im Wohnzimmer klemmte das Fenster, sodass man nicht mehr lüften konnte. Im großen Schlafzimmer waren zwei Bodendielen durchgebrochen.

Sarah putzte das Haus, spülte das verstaubte Geschirr ab, überzog die drei Betten. Sie stellte die Kosmetikartikel im Badezimmer auf und legte frische, blütenweiße Handtücher bereit. Alles blitzte und blinkte vor Sauberkeit. Inzwischen war es bereits dunkel geworden.

Zum Schluss fegte Sarah die Veranda ab. In der Ferne sah sie, dass in Mister Waltons Waldhütte, auf der anderen Seite des Sees, Licht brannte. Sie fragte sich, wie diese Leute dort wohl aussehen würden, überlegte, ob sie wohl auch Kinder dabei haben und ob man sich mittags auf dem zugefrorenen See wohl begegnen würde.

 

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