Diplomatisches Missgeschick

Der Diplomat

An einem Frühlingsmorgen in San Diego Kalifornien waren die Straßen noch ziemlich leer. Die aufgehende Sonne färbte den Himmel orangerot. Die üppig blühenden Pflanzen der gepflegten Vorgärten der Bungalows erfüllten die Luft mit einem süßlichen Blütenduft. Es war bereits sehr warm und versprach ein heißer Tag zu werden. Ein leichter Windhauch fegte durch die mannshohen Oleanderbüsche, welche die Straßen säumten, und erzeugte ein leises Rauschen.

Über den schwarz glänzenden Asphalt näherte sich ein Fahrrad, blieb an fast jedem Haus stehen, fuhr dann weiter. Es war eine Frau Mitte 20 mit blondem kurzem Haar, sie warf Zeitungen vor die Eingangstüren der Bungalows und fuhr dann zum nächsten Haus weiter. Ihre rote Sporthose war verwaschen, ihr ausgeleiertes apfelgrünes T-Shirt hing wie ein Sack an ihr herunter. Unter ihren blauen Augen waren schwarze Ränder zu sehen, die auf Schlafmangel oder Überarbeitung hindeuteten. Ihre Miene war ernst, ihre feinen Augenbrauen zusammengezogen, ihre Lippen zusammengekniffen, als wenn sie leiden würde. Die Augenlider schienen schwer, weil sie sichtlich große Mühe hatte, die Augen offen zu halten. Ihre Füße kleideten weiße Turnschuhe, die mit Ölflecken von der Fahrradkette übersät waren. Der rechte Schnürsenkel war gerissen und notdürftig mit einem Knoten zusammengeflickt. Die Frau kam am nächsten Bungalow an, warf außer Atem die Zeitung vor die Tür, wischte sich mit dem T-Shirt die Schweißperlen von der Stirn und stieg wieder auf die Pedale, um ans nächste Haus zu fahren.

Von hinten näherte sich eine schwarze luxuriöse Limousine. Ein Mann Mitte 30, saß am Steuer, telefonierte und betrachtete dabei die blühenden Pflanzen der Vorgärten. Ohne auf die Straße zu achten setzte er dazu an, die Einfahrt des Bungalows anzusteuern, vor dem die Zeitungsausträgerin gerade stand. Die Stoßstange der Limousine krachte an das Fahrrad, die Frau flog über den Lenker auf die Straße, die Zeitungen aus dem Korb, der am Lenker befestigt war, hinterher.

Der Mann im schwarzen Anzug, hellblauem Hemd mit Seidenkrawatte stieg aus dem Fahrzeug und lief auf sie zu, wobei seine schwarz glänzenden Schuhe lautlos auf dem Straßenbelag aufsetzten. „Was machen Sie hier?“

„Nach was sieht es denn aus?“, gab die Frau böse zurück, „Sie haben mich eben angefahren, falls Ihnen das nicht aufgefallen ist.“

Der Mann fuhr sich mit der Hand über sein dunkles, glatt zurückgekämmtes Haar, beugte sich zu der Frau hinunter und reichte ihr die Hand zum Aufstehen. „Haben Sie sich verletzt?“

Die Frau schlug seine Hand weg, stand auf. „Lassen Sie Ihre Finger von mir, Mister!“

„Ich bin Mister Jefferson. Es tut mir leid, was passiert ist“, entschuldigte er sich zunächst, „warum müssen Sie auch gerade vor meiner Einfahrt stehen?“ Er drehte sich um, begutachtete sein Auto nach Schäden.

„Wollen Sie jetzt mir die Schuld in die Schuhe schieben?“, fauchte die Frau und sah mit Schrecken, dass ihr Fahrrad beschädigt war. „Sie Idiot“, schrie sie außer sich.

„Wie bitte? Haben Sie mich etwa eben einen Idioten genannt?“, fragte Mister Jefferson mit drohendem Tonfall.

„Sehen Sie sich nur mein Fahrrad an! Sehen Sie, was Sie da angerichtet haben! Ich bin ohne Fahrrad ruiniert. Wie soll ich jetzt meine Arbeit erledigen?“

Mister Jefferson missfiel der Ton der jungen Dame. Aus diesem Grund setzte er zum Gegenschlag aus. Er musterte sie sehr auffällig. „Ihrem Aussehen nach zu urteilen, besteht Ihre Arbeit darin Mülltonnen nach Essbarem zu durchsuchen. Wofür brauchen Sie dann ein Fahrrad?“

„Ich muss Zeitungen ausfahren und anschließend in die Innenstadt zur Holzfabrik, Sie Idiot im Anzug“, schrie die Zeitungsausträgerin mit hochrotem Kopf.

„Sie machen gar nicht den Eindruck, als wenn Sie arbeiten würden“, beleidigte er sie.

„Ich verdiene mein Geld auf ehrliche Art und Weise, davon haben Sie keine Ahnung, Sie…“

„Hüten Sie Ihre Zunge, junge Dame. Mir gefällt Ihr Ton nicht!“, unterbrach Mister Jefferson schroff.

„Mir gefällt ihr Gesicht nicht!“, provozierte sie ihn.

„Soll ich Ihnen etwas verraten?“, fragte Mister Jefferson amüsiert grinsend, „ich hätte Ihnen das Geld für ein neues Fahrrad gegeben, wenn Sie mir ein kleines bisschen sympathisch gewesen wären.“

Die Frau lachte übertrieben laut. „Und ob, Sie mir das Geld geben werden! Wollen Sie wetten? Rufen Sie jetzt gefälligst die Polizei an!“

„Wie ist ihr Name, Lady?“

„Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Namen“, wehrte sie schmollend ab.

Mister Jefferson nahm sein Mobiltelefon und rief tatsächlich die Polizei an. „Kommen Sie bitte schnell, vor meinem Haus ist eine Verrückte.“

„Sie spinnen wohl?“, fragte die Frau empört, „warum haben Sie nichts von dem Unfall erzählt?“

Mister Jefferson winkte ab. „Sie können froh sein, dass mein Auto nicht beschädigt wurde. Sie hätten bis an Ihr Lebensende dafür zahlen müssen.“

„Die Polizei wird Ihnen schon erzählen, wer hier zahlen muss“, fauchte die Frau.

Wenig später traf der Polizeiwagen ein. „Dieser Mann hat mich angefahren“, stürmte die Frau auf die Beamten zu.

„Wir ist ihr Name?“, fragte der Polizist.

„Ich bin Regina Watson.“

„Wie ist das passiert?“, fragte die Polizistin.

Mister Jefferson lachte. „Sie stand auf der Straße, als ich gerade in meine Einfahrt abbiegen wollte“, erklärte er, zog seinen Ausweis aus dem Jackett und reichte diesen dem Polizeibeamten.

Der Polizist schaute auf den Pass, dann musterte er Regina. „Sind Sie verletzt?“

„Nein, aber schauen Sie sich mein Fahrrad an.“

„Das ist wohl höhere Gewalt“, antwortete die Polizistin.

„Was wollen Sie damit sagen?“, wunderte sich Regina empört.

„Mister Jefferson ist ein Diplomat, Sie können ihn nicht belangen und bleiben leider auf Ihrem Schaden sitzen.“

Regina spürte, wie sich ihr die Kehle zuzog. „Wer bezahlt mein Fahrrad?“, stammelte sie, während Mister Jefferson leise mit dem Polizist sprach.

Dieser wendete sich dann Regina zu und sagte: „Sie müssen für den Schaden leider selbst aufkommen. Bitte entfernen Sie sich nun vom Haus, Mister Jefferson fühlt sich von Ihnen belästigt.“

Regina war wütend wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie bäumte sich vor Mister Jefferson auf, womit sie nicht die beabsichtigte Wirkung erzielte, weil er einen Kopf größer war und sie von oben herab schief angrinste.

„Dafür werden Sie bezahlen!“, fauchte sie.

„Bitte halten Sie sich zurück und sprechen Sie keine Drohungen aus, sonst müssen wir Sie verhaften“, funkte die Polizistin dazwischen.

Regina nahm die Überreste ihres Fahrrades und lief widerwillig davon.

„Machen Sie es gut, Miss Watson“, rief Mister Jefferson ihr gespielt freundlich nach.

Regina hob die Hand und zeigte ihm den Mittelfinger, bevor sie dann in einer Seitenstraße verschwand.

Nachdem die Polizei weggefahren war, fuhr Ronald Jefferson seine Limousine durch die mit Oleandern bepflanzte Einfahrt in die Garage seines Bungalows. Er schloss das Garagentor von innen, nahm den Plastikkorb mit den Lebensmitteln aus dem Kofferraum und ging durch die Zwischentür ins Haus. Dort stellte er den Korb auf die graue Granitstein-Anrichte in der modern eingerichteten Küche. Der Küchenblock mit dem Herd mit Cerankochfeld stand inmitten des Raumes, darüber befand sich die silbrig glänzende Edelstahl-Dunstabzugshaube. Auf den schwarzen Schranktüren und Blenden hoben sich optisch die silbrigen Griffe und Leisten ab. Der Fußboden bestand wie im Rest des Hauses aus weißen spiegelblanken Marmorfliesen. Ronald Jefferson räumte die Lebensmittel in den großen Kühlschrank, an dessen Tür sich ein Eiswürfelspender befand. Unwillkürlich musste er an Regina denken, wie sie sich aufführte, welch eine Furie sie doch war. Gerne hätte er sich über ihr Benehmen aufgeregt, jedoch musste er darüber schmunzeln, empfand sogar ein bisschen Mitleid mit ihr. Schließlich brachte sie ihm im Urlaub jeden Morgen die Zeitung, auch wenn sie ihm noch nicht aufgefallen war. Vielleicht hatte er sie schon einmal morgens gesehen? Wahrscheinlich auch nicht, denn er hielt sich als Diplomat die meiste Zeit in Kanada der Provinz Alberta in dessen größter Stadt Calgary auf, und die Zeitung hatte er nur im Urlaub abonniert. Anfangs arbeitet Ronald in Albertas Hauptstadt Edmonton, wurde dann nach zwei Jahren in die 1,5 Millionenstadt Calgary versetzt.

Aufgrund dass seine Heimatstadt San Diego 32 Grad nördlicher Breite, und seine Arbeitsstätte Calgary 51 Grad nördlicher Breite liegt, ist der Temperaturunterschied enorm.

Das Klima ist in Kanada in der Stadt Calgary kühler und rauer als in Kalifornien in der Stadt San Diego, die Sommer in Kanada sind warm und die Winter bitterkalt. Aus diesem Grund unterscheidet sich auch die kanadische Pflanzenwelt drastisch von der in San Diego Kalifornien.

Nun stand aber erst einmal sein mehrtätiger Sommerurlaub in der Angelhütte unmittelbar bevor. Ronald hatte nämlich die nächsten zwei Wochen Urlaub und wollte 3 bis 4 Tage in Ruhe, Stille und Einsamkeit in seiner Hütte am See im 50 Meilen entfernten kalifornischen Country-Park San Pasqual genießen. Endlich einmal abschalten von allem Stress.

Aus diesem Grund war er am Morgen frühzeitig Einkaufen gefahren, um sich für den Urlaub genug Proviant zu besorgen. Morgen früh sollte die Fahrt losgehen. 30 Meilen nach Norden, dann 20 Meilen durch die Berge. Diesen Angelurlaub gönnte er sich jedes Jahr und es baute ihn immer unwahrscheinlich auf. Am abgelegenen Bergsee konnte er Kraft und Energie tanken, seine innere Batterie aufladen und alle Geschehnisse Revue passieren lassen und verarbeiten. Danach pflegte er immer den Rest des zweiwöchigen Urlaubs in seinem Bungalow zu verbringen, dabei in seinem Swimmingpool und in der Sonne zu baden, bevor er wieder nach Calgary musste.

*

Regina lief mit ihrem kaputten Fahrrad durch San Diego, ihre Haare und ihr T-Shirt waren schweißnass, ihre Füße schmerzten. Durch die dünnen Gummisohlen der Turnschuhe fühlte sie jedes kleine Steinchen, das auf der Straße lag wie eine Rasierklinge an ihren Fußsohlen. Sie näherte sich den Schrebergärten am Ortsausgang, bog in einen sandigen Feldweg ein und lief den Pfad zwischen den Zäunen der Gartenanlagen hindurch. Schließlich ging sie durch ein rostiges Gattertor in einen der Gärten. Vorne befanden sich hohe Hecken und im hinteren Bereich ein sandiger Platz, auf dem ein alter grüner Bauwagen stand, aus dessen Dach ein Ofenrohr herausragte. Regina stellte ihr Fahrrad neben dem Wagen ab, schloss die Tür auf und ging hinein.

Drinnen befand sich eine kleine marode Küchenzeile bestehend aus Spülbecken, Kühlschrank und einem Herd mit zwei Kochplatten. Über dem Spülbecken waren Haken angebracht, an denen eine Tellerbürste, ein Waschlappen und ein Spüllappen hingen. Auf dem Becken befand sich ein Stück Seife, eine Flasche Spülmittel und ein kleines Päckchen Waschpulver.

Neben der Küchenzeile stand eine kleine Kommode, daneben ein Miniholzofen. Im hinteren Bereich auf dem Fußboden lag eine rot bezogene Matratze mit einer weißgelb geblümten Decke und einem gelben Kopfkissen, darüber war ein kleines Fenster mit einer violetten Gardine. Neben der Matratze stand ein aufklappbarer Kleiderschrank mit Reißverschluss aus PVC-Folie. Links neben der Tür befand sich noch ein Fenster, darunter stand ein kleiner Tisch mit dreibeinigem Hocker.

Regina stellte den Wasserkessel auf die Herdplatte, schaltete den Herd an und richtete sich eine Tasse löslichen Kaffee. Am Tisch sitzend wartete sie, bis das Wasser kochte, dann leerte sie es in die Tasse, gab Zucker und Milch hinzu, setzte sich mit der Tasse Kaffee an den Tisch und schaute aus dem Fenster in den Garten.

„Dieser Mistkerl“, sagte sie und dachte dabei an Ronald Jefferson.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein perfekter Plan

Regina wusste, dass sie hätte den Zeitungsverlag informieren müssen, dass nicht alle Zeitungen ausgetragen wurden. Dann hätte sie auch sagen müssen, dass sie in nächster Zeit ohne ihr Fahrrad keine Zeitungen mehr austragen kann. Aber ihr war klar, dass dies dann das Ende ihres Jobs als Zeitungsausträgerin bedeuten würde, darum zögerte sie es hinaus. Was noch viel schlimmer war, sie müsste längst auf der Arbeit in der Holzfabrik sein, was ihr aber ohne Fahrrad auch nicht möglich war. Auch dort musste sie den Chef informieren, aber sie wusste, dass sie auch diesen Job verlieren würde, weil sie keine Möglichkeit mehr hatte, in die Firma zu kommen.

Es half alles nichts, Regina musste sich diesem Problem stellen. Nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte, lief sie erneut in die Stadt, ging zur nächsten Telefonzelle. Zuerst rief sie beim Zeitungsverlag an und erklärte ihr Problem.

„Zum Zeitungaustragen haben wir mehr Bewerber, als wir Leute einstellen können“, antwortete der Mann am Telefon.

„Besteht die Möglichkeit, dass ich den Job wieder bekomme, wenn mein Fahrrad repariert ist?“

„Das ist sehr unwahrscheinlich“, antwortete der Mann, „ihre Nachfolgerin braucht den Job sicher ebenso dringend wie Sie.“

Genau das hatte Regina auch erwartet. Anschließend rief sie in der Holzfabrik an und bekam die gleiche Antwort. Auch dieser Job war aufgrund der schlechten Wirtschaftslage so gut wie schon vergeben. Somit waren ihre monatlichen 500 Dollar von der Fabrik sowie die 50 Dollar für das Zeitungaustragen versiegt.

Regina bekam Angst. „Ich habe noch nie verloren und werde es auch diesesmal nicht“, sagte sie eisern.

Wie sollte sie jetzt die 200 Dollar Miete für den Bauwagen an ihren Onkel bezahlen? Von was sollte sie nun leben? Sie fühlte abgrundtiefen Hass gegen Mister Jefferson. Er hätte Schuld, wenn sie nun als Verliererin dastand. Er hatte sich nicht einmal dafür entschuldigt und musste keinen Cent dafür bezahlen. Wie ungerecht kann die Welt sein?

„Das werde ich ihm heimzahlen“, dachte sich Regina, „ich hole mir, was mir gehört!“

Sie stellte sich vor den Spiegel, lächelte zufrieden. „Wetten, dass ich mir das hole, was mir zusteht?“

In dem Moment kannte sie sich selbst nicht mehr. Sie war ansonsten eine ruhige, vorbildliche Frau. Wie sie bei diesem Mister Jefferson so ausrasten konnte, war ihr selbst ein Rätsel. Oder auch nicht? Immerhin hatte er sie provoziert und behandelt wie der letzte Dreck.

*

Derweil machte sich Ronald Jefferson einen Eierpfannkuchen und dazu einen grünen Salat. Er klappte das Küchenfenster auf, damit der Pfannkuchen-Geruch hinausziehen kann, setzte sich an den Tisch und fing an zu essen. Mit seinen Gedanken war er schon ganz beim Bergsee, erinnerte sich wie frisch und kühl sich das Wasser auf seiner Haut anfühlte. Wie herrlich es von den umgebenen Pflanzen in der Hütte nach Tannen und Blüten duftete. Doch immer wieder musste er an Regina denken. Diese Frau ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

„Was sie jetzt wohl gerade macht?“, fragte er sich, „ob sie wirklich nicht mehr zur Arbeit kommt ohne ihr Fahrrad?“

„Sicher hatte sie es dramatisiert, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen“, beruhigte er sich, „wie kann man so dumm sein und mitten in einer Einfahrt stehen bleiben? Sie ist selbst schuld, dass ich sie umgefahren habe.“

Ronald versuchte es sich zwar einzureden, doch so richtig wollte sich sein Unschuldsgefühl nicht einstellen. Immer wieder hatte er das Bild vor Augen, wie Regina auf der Straße lag, ihn ansah.

„Sie sah so unschuldig und hilflos aus, zumindest bis sie sich wieder gefasst hatte und zur Furie wurde“, dachte Ronald und musste erneut schmunzeln.

„Hätte ich ihr einfach das Geld für die Reparatur ihres Fahrrads geben sollen?“, fragte er sich. „Nein! Sie war so ungehalten und hatte es wirklich nicht anders verdient“, widersprach er sich selbst.

Nachdem der seinen Pfannkuchen und seinen Salat aufgegessen hatte, spülte er den Teller ab und schaltete die Espressomaschine ein. Binnen weniger Sekunden hatte er einen lecker duftenden Kaffee mit dem er sich wieder an den Tisch setzte.

Als er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, ging er ins sein Schlafzimmer. In der Mitte des Raumes stand ein rundes mit schwarzem Samt überzogenes Bett, in der Rückenlehne war ein Radiowecker eingebaut. Auf dem Bett lag eine mintgrün schillernde Satinbettwäsche. An der linken Wand stand ein großer schwarzer Schrank, dessen Türen mit riesigen Spiegeln versehen waren. Zur rechten Seite befand sich die Tür zur Terrasse. Die hellgrauen strukturierten Tapeten passten hervorragend zum weißen Marmorfußboden und den schwarzen Möbeln.

„Raus aus dem Korsett“, sagte er, löste seine Krawatte, zog sein Hemd und seine Hose und Unterhose aus, ging ins angrenzende mit silbergrauen Fliesen gekachelte Badezimmer.

Ein Lied summend zog er seine goldene Armbanduhr aus, legte sie auf die Spiegelablage und ging dann unter die Dusche, wo er sich mit warmem Wasser von Kopf bis Fuß abbrauste.

Dann gab er sich Duschgel auf die Hand und seifte sich ein. Aufgrund seiner dichten schwarzen Körperbehaarung bildete das Duschgel einen festen Schaum, den er anschließend mit klarem Wasser abbrauste. Vorsichtig stieg er aus der Dusche, nahm das Badetuch von der Halterung und trocknete sich ab. Vor dem Spiegel kämmte er sich sein schwarzes kurzes Haar nach hinten, dann strich er mit dem Finger seine dichten schwarzen Augenbrauen über seinen dunkelbraunen Augen in Form. Prüfend fuhr er sich über sein markantes Gesicht, dann über sein ausgeprägtes Kinn, das mit schwarzen Bartstoppeln übersät war. Pfeifend ging er wieder ins Schlafzimmer, nahm eine dunkelblaue Badehose aus dem Schrank und schlüpfte hinein. Mit einem beherzten Griff in die Hose legte er seine Männlichkeit zurecht. Die Badehose saß wie angegossen, war sehr knapp und eng. Daher konnte er sie auch nur am See oder an seinem Swimmingpool anziehen, denn in der Öffentlichkeit am Strand in Kalifornien, konnte man nur weite Bermudas anziehen, weil man sonst wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in den Knast wandern, oder eine ordentliche Geldstrafe bezahlen müsste.

Als Diplomat hätte er zwar nichts zu befürchten, aber trotzdem wollte er sich nicht vor Frauen und Kindern derart präsentieren. Außerdem galten die knappen Badehosen als unmännlich, weil sie mit einem Bikini-Unterteil verglichen wurden. Ronald fand dieses Stückchen Stoff aber ganz praktisch, weil die üblichen knielangen Bermudas so schlecht trockneten.

Er ging durchs Wohnzimmer nach draußen zum Swimmingpool und stürzte sich kopfüber stöhnend ins kühle Nass. Nachdem er ein paar Bahnen hin- und hergeschwommen war, legte er sich auf den Liegestuhl der Terrasse.

Erneut kreisten seine Gedanken um Regina. „Sie ist selbst schuld“, versuchte er sie aus seinem Gedächtnis zu verdrängen, erinnerte sich an ihre blauen Augen, an ihr kurzes blondes Haar.

Er schloss die Augen und spürte, wie das Wasser auf seiner Haut in der Sonne trocknete. Dann zog er seine Badehose aus, hängte sie über die Liege, ging Wohnzimmer, schloss die Terrassentür. Splitterfasernackt setzte er sich auf das schwarze Ledersofa und blätterte im Fernsehheft. Nach wenigen Minuten ging er wieder in sein Schlafzimmer und schlüpfte in ein hellblaues Poloshirt mit weißem Kragen. Dann zog er eine weiße Unterhose, olivgrüne Bermudas und schwarze Ledersandalen an. Seinen Anzug legte er über einen Kleiderbügel, brachte ihn nach draußen und hängte ihn an den Haken auf der Terrasse.

*

Unterdessen hatte sich Regina im Bauwagen in den Gärten am Stadtrand von San Diego auf ihre Matratze gelegt, um sich ein wenig durch einen Mittagsschlaf zu beruhigen. Sie konnte einfach nicht abschalten. Schließlich hatte sie ihre beiden Arbeitsstellen verloren, bekam einen Schaden zugefügt und wurde auch noch ungerecht behandelt.

„Dieser Mistkerl“, fluchte sie erneut.

Sie fühlte sich übers Ohr gehauen und vom Gesetz in Stich gelassen. Nicht einmal die Polizei hatte etwas für sie tun können, weil sich dieser Jefferson als Diplomat alle Freiheiten herausnehmen konnte. Regina wurde immer sicherer bei ihrem Gedanken, dem Mann eine gehörige Lektion erteilen zu müssen. Oder wenigstens könnte sie sich das nehmen, was ihr rechtmäßig zustand. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, einen Kloß im Hals und spürte nun auch ihr Knie, mit dem sie bei dem Unfall auf der Straße aufgeschlagen war. Sie überlegte, wie sie es ihm heimzahlen kann. Sachbeschädigung war nicht ihr Ding, das schlug sie sich gleich wieder aus dem Kopf, weil es auch für ihr späteres Leben mehr als nur unpassend war. Sie hatte zu viel Respekt gegenüber dem Eigentum anderer Leute und würde das nie übers Herz bringen.

„Ich hole mir einen Gegenwert“, sagte sie sich und fing an zu lächeln, wodurch sich auf ihren eingefallenen Wangen Falten bildeten und ihre schwarzen Augenringe noch dunkler wirkten.

„Ja, es ist kein Diebstahl, ich werde mir einfach etwas von ihm nehmen, es verkaufen und für das Geld mein Fahrrad reparieren lassen, dann sind wir Quitt“, redete sie sich zu, um sich zu ermutigen.

Sie stellte eine Pfanne auf die Herdplatte und gab Öl hinein. Als das Öl brutzelte, schlug sie sich zwei Eier hinein, streute Pfeffer und Salz darauf und rührte es mit der Gabel durch. Anschließend ging sie mit der Pfanne und der Gabel vor den Bauwagen und setzte sich auf den Stuhl. Sie aß ihr Rührei und schaute die Pflanzen an, die vorne am Zaun entlang wuchsen.

Als sie aufgegessen hatte, kramte sie ein Reisenähset auf ihrer Handtasche, nahm Nadel und roten Faden und nähte das Loch im Kniebereich, das durch den Unfall entstanden war, ihrer roten Sporthose zu. Sie hatte zwar noch mehr Hosen, aber die waren ihr mit der Zeit alle zu groß geworden. Denn in den letzten 6 Monaten hatte sie bei einer Körpergröße von 175 cm unwillkürlich von 70 auf 50 Kilogramm abgenommen. Das machte der Stress durch das viele arbeiten und der Schlafmangel, war sie sich sicher.

Nur noch 4 Monate hätte sie durchhalten müssen, dann wäre alles vorbei gewesen. Dafür brauchte sie aber Geld. Jetzt war es erst einmal wichtig, ihr Fahrrad reparieren zu lassen, dann würde sie schon sehen, wie es weitergeht, ob sie wieder eine Arbeit finden wird oder das Ganze abbrechen musste.

Regina blieb noch lange Zeit vor dem Bauwagen sitzen und genoss die Sonnenstrahlen. Sie stellte sich vor, dass die Geräusche der Autobahn, die unweit der Gärten entlangführte, Meeresrauschen wäre. Am Abend als die Dämmerung einsetzte, ging sie in den Wagen, aß drei Stücke Zwieback und trank dazu ein Glas Eistee. Dann zog sie sich aus, wusch sich am Spülbecken, legte sich auf die Matratze und schlief ein.