Das Spiel mit der Liebe

Eine schlechte Zuhörerin
In der Kalifornischen, 500–Tausend-Einwohnerstadt Fresno auf dem Betriebsgelände einer Verpackungsfabrik saß Eileen auf einer Bank. Es war ein herrlicher Sommertag, die Schmetterlinge tanzten im Sonnenschein über die blühenden Büsche der kleinen parkähnlichen Anlage. Eileen schaute ihre Arbeitskollegin Jenny an und sah, wie sich deren Augenbrauen hoben und ihr Mund bewegte.

 Zugehört hatte sie schon seit einer Weile nicht mehr. An dem Punkt als Jenny sagte, dass Ted sie anscheinend sehr lieben würde, hatte sie abgeschaltet. „Wie kann man nur so naiv sein?“, dachte sie, zog sich eine lange, blonde Strähne aus dem Nacken, drehte diese gelangweilt um ihren Zeigefinger und pinselte sich damit über den Mund.

Vor vier Jahren, als Eileen auch zweiundzwanzig Jahre jung war, war sie genauso optimistisch wie Jenny. Ihr damaliger Freund Jake hatte ihr blitzschnell die Augen geöffnet und gezeigt was Realität bedeutet, indem er fremdgegangen war, um aus der täglichen Routine zu entfliehen. Je mehr Eileen ihrer Kollegin zugehört hatte, desto mehr erkannte sie sich in ihr Selbst wieder. Jedoch hatte sie es aufgegeben, sie über die Risiken und folgenden Schmerzen einer Beziehung aufzuklären. Sie war noch jung und musste ihre eigenen Erfahrungen machen, gab Eileen auf. „Würde sie doch einfach nur die Klappe halten“, wünschte sich Eileen, der das Wort „Ted“ oder „Teddy“, wie Jenny ihren Freund liebevoll nannte, bereits schon in den Ohren wehtat.

Jenny erzählte immer noch ganz aufgeregt über Ted, den sie als ihr Seelenverwandter sah, weil er auch gerne Marmeladenbrot essen würde, genau wie sie. Auch, dass Ted und Jenny beide vom Sternzeichen Jungfrau waren, hielt Jenny für ein Zeichen des Universums. Willkürlich griff sich Jenny belanglose Alltagssituationen heraus, um diese als himmlisches Zeichen zu deuten, dass keine Andere, außer ihr, zu Ted passen würde.

Eileen schaute auf die Uhr und gähnte. „Oh, die Pause ist gleich vorbei“, bemerkte sie und versuchte es bedauernd klingen zu lassen.

„Schade“, antwortete Jenny, „ich werde dir Morgen mehr über Ted erzählen und dir ein paar Bilder von ihm mitbringen.“

Eileen biss sich auf die Unterlippe. „Ich freu mich schon darauf“, log sie und dachte mit Schrecken daran, sich mit Jennys Gelaber und dummen Fotos die wertvolle Zeit der wohlverdienten Pause um die Ohren zu schlagen.

Wenig später stand sie wieder am Fließband und tütete Waschmittelprobepäcken ein. Zum Glück war Jenny am Ende des Fließbandes und steckte Prospekte in die Tüten, so konnte sie Eileen wenigstens nicht nerven. Lange hätte sie das sicher nicht mehr durchgehalten, aber sie wollte auch nicht sagen, dass sie die Liebesgeschichten ihrer Kolleginnen nicht im Geringsten interessierten. Denn schließlich musste man täglich zusammenarbeiten und durfte es sich nicht verscherzen. Wer weiß, wozu die Kolleginnen noch gut sein können?!

Gegenüber von Eileen stand die vierundzwanzigjährige Kollegin Claudia. Sie war schon seit vier Jahren mit ihrem Freund zusammen und nervte schon lange nicht mehr. Nur ab und zu erzählte sie von ihren Plänen eines Hausbaus und einer Familiengründung. Meistens fuhr Claudia in der Pause nach Hause, um den Haushalt zu erledigen, damit abends, wenn ihr Freund von der Arbeit kam, alles perfekt war. Ja, bei Claudia war alles bis ins kleinste Detail durchgeplant und alles musste immer perfekt sein.

„Hat Jenny dir schon erzählt, wie Ted sie mit einer Kinokarte überraschen wollte und sie die gleiche Idee hatte? Sie hatten dann vier Karten für den gleichen Film, ist das nicht witzig?“, fragte Claudia.

„Kann sein, dass sie es mir erzählt hat, ich hatte nicht zugehört“, entgegnete Eileen, um Claudia abzublocken, danach setzte sie ein Lächeln auf, um das Ganze höflich wirken zu lassen.

Claudia wackelte mit dem Kopf. „Was ist nur mit dir los? Freust du dich denn gar nicht für Jenny, dass sie endlich den Richtigen gefunden hat? Er macht sie glücklich und nur das zählt!“

„Fragt sich nur, wen er nebenbei noch alles glücklich macht?“, gab Eileen zynisch zurück.

„Sag mal, warum musst du immer gleich so schlecht über jemanden denken?“, fragte Claudia vorwurfvoll.

„Weil alle Männer gleich sind“, antwortete Eileen.

Ihr Kollege Marlon, der neben ihr stand und die Tüten auf dem Fließband vorbereitete, hatte das Gespräch mit angehört, er lächelte schalkhaft. „Falls du noch jemanden suchst, der dich ab und zu glücklich macht …“

Eileen lächelte Claudia triumphierend an. „Was sagte ich gerade? Bringst du dann auch deine Frau mit, Marlon?“, scherzte sie zurück.

„Wenn du das wünschst, gerne“, spaßte Arbeitskollege Marlon.

„Das ist doch nur ein harmloses Wortgeplänkel“, widersprach Claudia, „Marlon ist eben unser Hahn im Korb und ein Spaßvogel dazu.“

„Trotzdem ändere ich meine Meinung über Männer nicht“, blieb Eileen stur, worauf Claudia ein zuckersüßes Lächeln aufsetzte, was Eileen verunsicherte. „Warum grinst du so?“

„Paul und ich, wir werden nächste Woche am Mittwoch heiraten, ich bringe morgen die Einladungen mit und hoffe, dass du kommst, schließlich sind dann zwei Wochen Betriebsferien“, verkündete Claudia freudestrahlend.

Eileen blickte Claudia überrascht an. „Hast du dir das auch gut überlegt?“

„Du kennst mich. Ich überlege immer gründlich, bevor ich mich für etwas entscheide. Wir sind jetzt vier Jahre zusammen und wohnen seit drei Jahren zusammen. Unsere Liebe ist wie am ersten Tag, was gibt es da noch länger zu überlegen?“

„Du armes Opfer“, hörte sich Eileen sagen.

Claudia und Marlon schauten sie entsetzt an. Schnell setzte Eileen ein falsches Grinsen auf. „Das war nur Spaß. Natürlich komme ich zu deiner Hochzeit.“

Insgeheim wusste sie jedoch bereits, dass sie bei Claudias Hochzeit nicht erscheinen wird. Natürlich freute sie sich für ihre Kollegin, aber trotzdem hatte sie mit Hochzeiten nichts am Hut. Das würde sie nur zu sehr an die Enttäuschung mit Jake erinnern, darum hielt sie es für besser, einfach fern zu bleiben und sich danach eine Ausrede einfallen zu lassen. Hochzeiten werden total überbewertet, war sie sich sicher, sie sind keine Garantie für eine gut funktionierende Partnerschaft. Jetzt hatte sie auch noch die Probleme, sich über ein Geschenk Gedanken machen zu müssen?! Was kann man einer Perfektionistin wie Claudia zur Hochzeit schenken?

Etwas mehr Verstand wäre nicht schlecht, dachte sie bei sich. Was hätte sie sich zur Hochzeit damals gewünscht, außer, dass Jake ihr treu geblieben wäre? Wahrscheinlich eine saftige Ohrfeige, damit sie wieder klar denken kann und sich nicht den Kopf von einem Mann verdrehen lässt, den sie kaum kennt. Um ein Haar hätte sie ihn damals geheiratet. Naja, zumindest wäre sie dazu bereit gewesen, wenn er sie gefragt hätte. Als Jake damals wegen dieser Studentin mit ihr schlussgemacht hatte, bekam er von seinem eigenen Bruder ein Feilschen verpasst. Dieser war im Gegensatz zu ihm ein verantwortungsvoller Ehemann und entschuldigte sich bei Eileen für das Verhalten seines jüngeren Bruders.

Roboterhaft steckte Eileen die Waschmittelpäckchen in die auf dem Fließband stehenden mit unglaublicher Geschwindigkeit vorbeirasenden Tüten und überlegte krampfhaft nach einem passenden Geschenk.

„Du weißt, dass ich nur Spaß gemacht habe?“, riss sie Marlon aus den Gedanken.

„Klar, Marlon“, antwortete Eileen lässig.

„Nicht, dass ich nachher wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz beim Chef erscheinen muss“, sorgte sich Marlon.

„Wobei du es schon verdient hättest“, gab Eileen zurück.

Claudia mischte sich ins Gespräch ein. „Wir alle kennen dich, Marlon, und wissen, dass du harmlos bist.“

Das Gespräch verebbte und man hörte nur das Rasseln der Fließbänder und roch den Duft der erhitzten Plastikfolie von der Tütenschweißanlage.

Die Zeit verging, der Feierabend nahte. Alle Angestellten eilten aus der Fabrik und rannten Tschüss-, Ciao- und Wiedersehen rufend über den Parkplatz zu ihren Autos, stiegen ein und fuhren davon. Die Sonne schien noch mit Kraft, die Straßen glänzten, die Luft flimmerte, während Eileen mit ihren quietsch gelben Kleinwagen durch die Stadt kutschierte. An einer roten Ampel beobachtete sie Jenny, die auf dem Seitenstreifen mit dem Fahrrad vorbei fuhr. Hoffentlich vergisst sie morgen die Bilder mitzubringen, dachte sie, was fast wie ein Gebet anmutete.